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Comic-Künstler Nils Oskamp engagiert sich gegen rechte Gewalt

In seiner Jugend hat er rechte Gewalt erfahren und diese Erlebnisse in ein Comic umgesetzt. Am Wochenende war Nils Oskamp beim Kulturnetzwerk Blaues Haus in Böblingen zu Gast.

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Dortmund, 1983. Nils Oskamp wächst in der Nähe der Ruhrmetropole auf. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Oskamp erfährt rechte Gewalt: Er wird von Neonazis zusammengeschlagen, sie schießen sogar auf ihn. Diese Erlebnisse hat Oskamp in einem Comic verarbeitet. Mit seiner Geschichte war er jetzt in Böblingen zu Gast.

Artikel vom 14. Januar 2020 - 11:27

BÖBLINGEN. Nach und nach füllt sich das Böblinger Kulturzentrum Blaues Haus. Immer mehr Menschen machen es sich in den blauen Sesseln gemütlich. An diesem Sonntagvormittag sind fast alle Plätze belegt. Auf dem Podium sitzen zwei Schüler des Böblinger Max-Planck-Gymnasiums, der Comic-Zeichner und Grafik-Designer Nils Oskamp sowie der Organisator und Moderator des Wortlaut-Formats Steffen Volkmer. Das Thema diesmal: der Comic-Roman "Drei Steine" von Nils Oskamp. Darin verarbeitete der Dortmunder eindrucksvoll seine Erfahrungen mit rechter Gewalt in der Jugend.

Drei- bis viermal im Jahr findet im Blauen Haus in Böblingen der Wortwechsel statt. "Dabei dürfen Schüler des Böblinger Max-Planck-Gymnasiums den Gästen die Fragen stellen", erklärt Organisator Steffen Volkmer. "Das Interview wird wie eine GFS gewertet, also eine Art Referat, das wir im Laufe des Schuljahres halten müssen", sagt Cristian Ministeri stellvertretend für die Schüler. Gemeinsam mit Volkmer haben sich Ministeri und sein Klassenkamerad Imer Pnishi intensiv auf das Interview vorbereitet. "Zuerst haben wir das Buch genau gelesen", erinnert sich Ministeri. Anschließend recherchierten die beiden Zwölftklässler über Oskamp und überlegten, worüber sie mit ihm reden wollten. Beide Schüler zeigen sich begeistert: "Das Buch ist toll, weil es dieses aktuelle Thema so leicht verständlich macht."

Oskamp, ein Comic-Fan, wuchs im Westen Dortmunds auf. "Ich wollte schon immer Comics zeichnen, nachdem ich viel Asterix in meiner Kindheit gelesen habe", erzählt der 51-Jährige schmunzelnd. 2007 begann Oskamp dann an seinem Comic-Roman zu arbeiten. Knapp neun Jahre lang feilte er immer wieder an seinem Werk, bis es 2016 endlich erschien. "Als das sogar bei Panini, dem großen Comic-Verlag, herauskam und ich neben den ganz großen Namen signieren durfte, ging mein Nerd-Herz auf", berichtet Oskamp mit einem breiten Grinsen. Er erinnert sich außerdem: "Als ich mit dem Comic-Zeichnen anfing, war das Thema rechte Gewalt noch lange nicht so präsent wie heute."

Rechte Gewalt war im Alltag immer präsent

Auch Oskamp hat seine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht. Seine erste Konfrontation mit Neonazis erlebte er mit 13 Jahren: "Ein neuer Mitschüler stand nach dem Geschichtsunterricht auf, ging nach vorne und behauptete, Auschwitz sei eine Lüge gewesen sei", so Oskamp. "Der Schüler hieß Andreas und behauptete sowohl ,Mein Kampf' von Adolf Hitler, als auch ,Das Kapital' von Karl Marx gelesen zu haben, was ich allerdings anzweifelte." Daraufhin hetzte Andreas einen der Klassenschläger auf ihn. "Aber der hat ganz schön blöd geschaut, als ich ihn mit einem simplen Judotrick auf den Boden geworfen habe und er im Schrank gelandet ist."

Rückblickend betrachtet, habe er die Nazis nicht ernst genommen, gibt Oskamp zu. "Ich wusste nicht, dass sie so gut vernetzt sind." Ab diesem Zeitpunkt war rechte Gewalt in seinem Alltag immer präsent - und das für ganze zwei Jahre.

Hilfe bei den Übergriffen erhielt der Jugendliche nicht. Die Eltern taten es als Schulhofschlägerei ab, und auch seine Lehrerin schenkte ihm keinen Glauben. "Wie die Widerstandsgruppe Weiße Rose schon schrieb, trug auch mein Vater einen Mantel der Gleichgültigkeit und glaubte mir nicht, dass es noch Nazis gibt", erinnert er sich. Darüber hinaus verbot der Vater ihm, zum Taekwando zu gehen und riet ihm stattdessen, mit den Schlägern über das Problem zu sprechen. Der Einzige, der zu ihm stand, war ein Freund seines Bruders. Er griff ein, wenn er die körperlichen Angriffe sah. "Da war ich endlich nicht mehr alleine", so Oskamp. "Wenn man alleine ist, zweifelt man irgendwann selbst. Und wenn einem eingeredet wird, dass man falsch liege, dann glaubt man das irgendwann. Ich glaube heute, dass viele aus Angst nichts dagegen tun", argumentiert der Künstler.

"Selbst als auf mich geschossen wurde, haben meine Eltern das nicht ernst genommen. Mein Vater hat mir sogar eine Standpauke wegen der Fensterscheibe gehalten, die dabei zu Bruch ging." Als Oskamp schließlich krankenhausreif geschlagen wurde, glaubte ihm sein Umfeld endlich. Er erstattete Anzeige, doch nur zwei der Schläger konnten verurteilt werden - einer hat ein Alibi, ein anderer kann von der Polizei nicht ermittelt werden. Doch das Urteil fiel milde aus, die Täter mussten lediglich Sozialstunden ableisten.

Der Comic-Roman, der genau diese Vorfälle thematisiert, trägt den Titel "Drei Steine". "Der Titel knüpft an die jüdische Tradition an, Steine auf die Gräber der Angehörigen zu legen", erklärt der Zeichner. Im Heimatdorf von Oskamp schändeten Neonazis regelmäßig den Friedhof. Sie beschmierten die Gräber und stießen Grabmale um. Dabei fielen viele der Steine, die auf den Gräbern gelegen hatten, zu Boden. Oskamp hob als Jugendlicher drei der Steine auf und steckte sie in seine Tasche. "Den ersten der drei Steine habe ich benutzt, um mich zu verteidigen, als ich zusammengeschlagen wurde." Mit dem zweiten Stein habe er beinahe einen Neonazi erschlagen. "Und den dritten habe ich in Israel am Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, am Mahnmal eines Widerstandskämpfers hingelegt."

Heute ist Oskamp neben dem Zeichnen auch in der Präventionsarbeit tätig. Um gegen rechte Gewalt vorzugehen, plädiert er für eine intakte Informationskette: "Wenn Lehrer mitbekommen, dass es rechte Gewalt an einer Schule gibt, dann müssen sie das weiterleiten und auch dann müssen die Infos nach außen getragen werden."

Im Bezug auf seine Kunstform sieht er eine große Chance darin, Comics oder Plakatkunst zur Veranschaulichung von gesellschaftlichen Debatten zu nutzen: "Comics werden viel zu selten bei komplexen Zusammenhängen herangezogen." Zudem müsse weiter aufgeklärt und die Medienkompetenzen gestärkt werden. "Am wichtigsten aber ist es", da sind sich Oskamp und Moderator Volkmer einig, "dass die Leute den Mund aufmachen."

 

  Der Comic-Roman "Drei Steine" ist im Panini-Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro. Die Ausstellung zu Nils Oskamps Werk ist bis 30. März 2020 im Blauen Haus in Böblingen zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Mehr Informationen unter http://www.kulturbh.de im Netz.