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Neue Kassenbon-Pflicht: Zettelwirtschaft im Einzelhandel

Seit 1. Januar gilt für jeden Bäcker, Metzger oder Friseur die Kassenbon-Pflicht - die Händler sind nicht gerade hocherfreut.

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    Notwendige Maßnahme oder ärgerliche Verordnung? Bei der Kassenbonpflicht gehen die Meinungen auseinander Foto: Stefanie Schlecht

Mit einem neuen Gesetz will der Bund mehr Transparenz und Steuerehrlichkeit an der Ladenkasse erreichen. Seit 1. Januar sind manipulationssichere Kassen vorgeschrieben, zudem müssen die Käufer den Kassenbon erhalten. Für die Böblinger Einzelhändler kein Problem, dennoch löst das Gesetz keine Begeisterung aus.

Artikel vom 10. Januar 2020 - 15:17

BÖBLINGEN. Wer in diesen Tagen in einer Bäckerei oder im Kiosk eingekauft hat, wird sich womöglich gewundert haben. Die Bäckereiverkäuferin händigt für eine Brezel einen Kassenbon aus, genauso läuft es bei der Tageszeitung im Kiosk nebenan. In den sozialen Netzwerken machen Bilder von Bäckereien die Runde, die aus Protest ihre Kassenbons gesammelt und wie Wäsche an einer Leine aufgehängt haben.

Auch in Böblingen besteht jetzt "Belegausgabepflicht", wie es offiziell heißt. Bei Einzelhandelsbetrieben in der Stadt löst die Verordnung gemischte Gefühle aus. Einerseits begrüßen die Händler die Absicht, gegen Steuerbetrug vorzugehen. Andererseits zeigen die Geschäftstreibenden durchaus ihr Unverständnis, dass Unmengen an Bons am Ende des Tages weggeworfen werden. Insbesondere jene Geschäfte, die Kleinstmengen wie Backwaren verkaufen, kritisieren den entstehenden Papiermüll.

"Kaum ein Kunde nimmt den Kassenbon mit. Jeden Tag kommen große Mengen an Bons zusammen, die teils bis zum Boden reichen", erklärt die Verkäuferin einer Bäckerei-Frech-Filiale in der Böblinger Innenstadt. Ähnlich ergeht es den Kollegen bei der Bäckerei Sehne: "Die Kunden lehnen dankend ab, wenn sie nach dem Kauf ihres Brötchens den Beleg überreicht bekommen", stellt der Sehne-Bäckerei-Verkäufer ernüchtert fest.

Doch nicht nur in der Bäckerbranche ist die Ausgabepflicht ein Thema, auch Gastronomen sind angewiesen, einen Beleg zu erstellen. Trotz der breiten Kritik an Kosten und Umweltschädlichkeit zeigt sich Daniel Ohl, Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Baden-Württemberg, wenig aufgebracht: "Im Gastgewerbe sind wir es gewohnt, dem Gast eine Rechnung auszustellen. Daher hält sich die Aufregung unseres Verbandes in Grenzen."

"Vielleicht sollten wir die Zettel am Jahresende nach Berlin senden"

Der Gesetzgeber sieht durchaus Handlungsbedarf. Immerhin auf zehn Milliarden Euro soll sich nach Schätzungen des Bundesrechnungshof der jährliche Schaden für den Fiskus belaufen. "Hauptsächlich geht es darum, jeden Umsatz in der Kasse zu registrieren", stellt Werner Fritz, Leiter des Böblinger Finanzamtes, das eigentliche Motiv klar. Da viele Betriebe mit elektronischen Kassen und Betriebsprüfungen seit Jahren vertraut seien, sei auch im Finanzamt Böblingen der Protest in den ersten Januartagen ausgeblieben.

Eine leichte Missstimmung bei den Böblinger Händlern ist bei genauerer Nachfrage dennoch nicht zu überhören. Auch nicht, wenn schon länger mit elektronischen Kassensystemen gearbeitet wird. Bei den Metzgereien sind die Kassen ohnehin durch ihre erweiterte Funktion als Waagen elektronisch. "Für uns hat sich insofern nichts verändert", bekräftigt Nicole Hermann von der gleichnamigen Metzgerei am Käppele. Der Beleg diene hauptsächlich dazu, der Verkäuferin an der Kasse einen schnellen Überblick über die gekaufte Ware zu geben.

Auch bei den Friseuren ist der Kassenbon eher unüblich. Friseurmeister Roland Benz berichtet: "Relativ wenige Kunden verlangen nach einem Bon. Zumindest bei EC-Zahlungen nehmen einige ihn aber mit." In die gleiche Kerbe haut Branchenkollege Thomas Wormser von J.7 Hair Lounge. Noch fehle aber die Erfahrung über den Bonverbrauch nach gut einer Woche, seitdem die Verordnung in Kraft ist.

Ein wiederkehrendes Gegenargument: der Verbrauch des ökologisch umstrittenen Thermopapiers - in Zeiten erhöhten Umweltbewusstseins wenig verwunderlich. "Ich rechne mit einem viel höheren Kassenrollenverbrauch", so die Einschätzung einer Mitarbeiterin im Zeitschriftenhandel am Böblinger Bahnhof. "Vielleicht sollten wir die gesammelten Zettel am Jahresende nach Berlin senden, damit die Politik diese Zettelwirtschaft sieht", fügt sie spöttisch an. Ob das die Bonpflicht rückgängig machen kann, darf allerdings bezweifelt werden.

    Kassenbon-Pflicht
    Der Deutsche Bundestag beschloss bereits im Dezember 2016 die Belegausgabepflicht. Hintergedanke war der Kampf gegen Umsatzsteuerbetrug, der vor allem in Branchen mit hohem Bargeldanteil ein Problem sein soll
 
    Schätzungen beziffern den Verlust auf etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr
 
    Neben Bäckern betrifft das Gesetz auch Metzgereien, Kiosks, Friseurbetriebe und viele weitere Betriebe im Einzelhandel und Gastronomie
 
    Seit 1. Januar 2020 an müssen Betriebe über manipulationssichere Kassen mit einer technischen Sicherungseinrichtung (TSE) verfügen
 
    Kassenbons können in gedruckter wie auch in digitaler Form angeboten werden
 
    Der Druck von Kassenbons wird auch aus Umweltsicht kritisiert, da Belege zumeist auf chemischem Thermopapier gedruckt werden (dud)