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Männliche Wärme: Tabu?

Kommentar

Artikel vom 09. Januar 2020 - 16:58

Von Melissa Schaich

Im Jahr 2018 belief sich der Männeranteil beim Kindergartenpersonal auf rund sechs Prozent. Warum gibt es so wenige männliche Fachkräfte in diesem Berufsfeld? Zum einen liegt das an festgefahrenen Geschlechterrollen: Kindererziehung war in der Vergangenheit stets vermeintliche "Frauensache". Zum anderen wird in unserer Gesellschaft männliche Sexualität stets als dominant und übergriffig abgestempelt, während Zuneigung und Nähe vorrangig für Frauen reserviert sind - weshalb Männer mit letzteren Eigenschaften nicht in unser Weltbild passen. So erwecken Männer, die ein herzliches Verhältnis zu Kindern haben, oftmals Misstrauen oder werden gar der Pädophilie bezichtigt, während Frauen von einem solchen Generalverdacht von vornherein freigesprochen sind. Nun könnte argumentiert werden: Männer sind eben auch diejenigen, die oftmals sexuell übergriffig sind. Das Problem an dieser Argumentation: Hier wird männliche Übergriffigkeit als natürliches, biologisch festgelegtes, testosteron-gesteuertes Faktum dargestellt. Wäre dies tatsächlich der Fall, müssten alle Männer präventiv weggesperrt werden - was natürlich absurd ist. Stattdessen ist dieses Verhalten Produkt kultureller Konditionierung. Jahrhundertelang wurde Frauen erzählt, dass es so etwas wie weibliche Sexualität gar nicht gebe und wenn doch, dann würde sie nur widerwillig dem fordernden Mann nachgeben. Männern hingegen wurde und wird immer noch eingeredet, dass sie platzen, wenn sie kein Ventil für ihre sexuelle Energien finden und ihre Sexualität deshalb dominant bis hyperaktiv sei. Heute wissen wir, dass beide Sexualtheorien falsch sind. Doch die Folgen sind immer noch spürbar. So müssen Männer, um sich nicht verdächtig zu machen, im öffentlichen Raum zu Kindern eine größere körperliche Distanz wahren als Frauen. Männer, die zu Kindern warmherzig sind, brechen unsere unausgesprochenen, gesellschaftlichen Regeln und werden misstrauisch beäugt. Festgefahrene Vorstellungen darüber, wie sich Männer und Frauen zu verhalten haben, dominieren unseren Lebensalltag, und diese gilt es zu überwinden. Natürlich heißt dies im Umkehrschluss nicht, alle Vorsicht über Bord zu werfen. Stattdessen müssen Kindergärten Räume sein, in denen Kinder vor Übergriffen jeglicher Art sicher sind - egal von welchem Geschlecht.

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