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Im Holzgerlinger Familienzentrum steht die Selbstentwicklung der Kleinkinder im Mittelpunkt

Am 14. Januar beginnen neue Kurse

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    Heidi Pussel unterstützt die kleinen Mitglieder des Kurses und greift sachte ein, wenn es notwendig ist. Ansonsten spielen die Erwachsenen im Raum eine Nebenrolle. Foto: Wolfgang Frank/Eibner

Heidi Pussel und Rita Lebkücher bieten im Holzgerlinger Familienzentrum den Kurs "Spielraum für Familien" an. Nach dem Ansatz der Kinderärztin Emmi Pikler dürfen die Kinder dort eine Stunde lang selbst auf Erkundungstour durch den Raum gehen - selbstständig und im eigenen Tempo.

Artikel vom 08. Januar 2020 - 17:17

HOLZGERLINGEN. Ganz oben - im Zimmer unterm Dach im Holzgerlinger Familienzentrum - findet seit September letzten Jahres der Kurs "Spielraum für Familien" statt. Das Besondere daran? Hier dürfen die kleinen Holzgerlinger sich nach dem Konzept der Kinderärztin Emmi Pikler selbst ausprobieren. Nach ihrer Theorie lernen Kinder am Besten, wenn sie selbst ihr Umfeld entdecken. Eins ist klar: In diesem Raum spielen die Kinder die Hauptrolle. Die Eltern sitzen auf Kissen in einem Kreis entlang der Wand des Raumes, während ihre Kinder munter durch den Raum krabbeln, robben oder bereits die ersten Schrittchen wagen. Immer wieder dreht Heidi Pussel ihre Runde durch das Zimmer, spricht mit den Wildfängen in ruhigem Ton und legt eine schützende Hand unter die Köpfchen, falls sie doch mal zu schwer werden oder das Spielzeug doch etwas zu wild durch die Luft wirbelt. So versucht Heidi Pussel die Wonneproppen in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen. Vier bis 15 Monate alt sind die Kleinen, die sich ausgiebig mit den Spielsachen beschäftigen, die im Raum verteilt sind.

Heidi Pussel ist Pikler-Pädagogin

Da gibt es Bälle, Metallschüsseln, Holzkisten und ein Kletterdreieck, das neben einer Pflanze steht. "An dem Pikler-Dreieck können sich die Kinder aufrichten und sich einen ganz neuen Überblick über den Raum verschaffen", erklärt Heidi Pussel, die eine Zusatzausbildung zur Pikler-Pädagogin absolviert hat. So lernen die Kinder ihr Gleichgewicht zu halten, ihren eigenen Körper zu kontrollieren und haben vielleicht auch noch ein Erfolgserlebnis, wenn sie feststellen, dass sie nur das Beinchen heben müssen, um über das Dreieck zu klettern.

"Es geht darum, dass die Kinder selbstständig ihre Umgebung entdecken und Lernprozesse durchmachen. Dass sie zum Beispiel erfahren, dass nicht alles aufs erste Mal klappt und dass Wiederholung und Üben hilft, wenn es darum geht, etwas Neues zu erlernen", erklärt Heidi Pussel. Bereits seit 2006 bietet die Pädagogin ihre Kurse an. Zunächst in Ehningen, nun gibt es ihre Kurse auch in Holzgerlingen, Gärtringen und Böblingen.

Nach den Beobachtungen von Emmi Pikler hat jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo. Die motorischen Fähigkeiten erlernt es am Besten, wenn es sich in einem Umfeld bewegt, in dem es selbstständig diese Dinge erlernen kann. "Meine Aufgabe ist es, die Kinder in ihrer Selbstentwicklung zu unterstützen." Dafür geht sie immer wieder durch den Raum und beobachtet die Interaktionen der kleinen Krabbelkünstler. Eines nagt gerade an einer Metallschüssel, während ein anderes aufmerksam zuschaut und offensichtliches Interesse zeigt. Heidi Pussel setzt sich zu den beiden hin, spricht mit ihnen und erklärt den beiden Krabbel-Knabberern, was sie tut. Sie reicht dem anderen Kind ebenfalls eine Metallschüssel, das sie anschaut und sich dann wieder seinem Kumpanen zuwendet. Heidi Pussel lacht und meint: "Manchmal ist es gar nicht das Ding an sich, sondern den sozialen Kontakt, den die Kinder suchen."

Die Qualität der Motorik ist wichtig

Seit der Kurs begonnen hat, hätten die Kinder enorme Fortschritte in ihrer Mobilität gemacht, meint Heidi Pussel. Dabei gehe es auch nicht immer darum, wie schnell ein Kind laufen oder krabbeln kann. "Vielmehr ist es wichtig auf die Qualität der Motorik zu achten", erklärt sie. So kann es sein, dass ein Kind zwar noch nicht laufen kann, aber sehr differenzierte Bewegungen beim Robben über den Boden entwickelt hat. Da ist die Geduld der Eltern gefragt. "Wenn ich merke, dass die Entwicklung komplett ausbleibt, bespreche ich das natürlich ebenfalls mit den Eltern", sagt Heidi Pussel.

Während der Spielstunde sollten sich die Eltern ganz zurückhalten, außer wenn eines der Kinder weint. "Die Eltern sind die Energietankstellen", sagt Heidi Pussel. Sich zurückzuhalten fällt jedoch manchmal schwer: "Oft ist es so, dass Eltern für ihre Kinder spielen", erklärt Heidi Pussel. Anstatt ihren Nachwuchs selbst entdecken zu lassen, wie das Spielzeug funktioniert, führen sie ihren Sprösslingen vor, wie es geht.

Die jungen Holzgerlinger scheinen sichtlich zufrieden mit ihrer Freiheit. In rasantem Tempo robben die einen durch den Raum und schieben obendrein noch einen Ball vor sich her, andere schlagen auf den Metallschüsseln herum und hören aufmerksam den hellen Klängen zu. Ein anderes Kind ruht sich in der Mitte des Raumes aus und versenkt seinen Blick tief in einem blauen Plastikbecher - als würde es darin etwas sehen, das den anderen entgeht.

 

  Die Referentinnen Heidi Pussel und Rita Lebkücher geben Kurse ab 14. Januar montags von 11 bis 12 Uhr für Kinder bis 1,5 Jahren. Für Kinder von 1 bis 2 Jahren am selben Tag von 9 bis 10.30 Uhr. Der Kurs findet im Familienzentrum Holzgerlingen, Altdorfer Straße 5 statt. Zehn Termine kosten 120 Euro.