Instagram

Talk-Runde im Blauen Haus: Erotik, Comics und Bier

Bei der Talk-Runde Comics & Bier im Blauen Haus in Böblingen geht es heiß her: Die Talker nehmen vier Erotik-Comics genau unter die Lupe

  • img

Artikel vom 18. Dezember 2019 - 17:43

Von Natalie Kaspar

BÖBLINGEN. "Es gibt tatsächlich Biersorten, die mit Hefezellen aus der menschlichen Vagina hergestellt werden", wirft Mark Benecke unerwartet in die bunte Runde, die sich an diesem Abend wieder einmal im Blauen Haus versammelt hat. Steffen Volkmer, der den Abend moderiert, schüttelt bloß den Kopf: "Ich glaube, jetzt will ich heute Abend nichts mehr trinken." Dass es im Gespräch gerade eigentlich um die Frage ging, weshalb das zweite Bier des Abends farblich an eine Saftschorle erinnert, scheinen die beiden bereits vergessen zu haben. Lediglich Arnulf Woock betrachtet sein Glas eingehend, nimmt noch einen prüfenden Schluck und stellt dann fest: "Da ist sicherlich Himbeere oder Kirsche drin."

"Es geht schon ziemlich brutal zur Sache."

Zugegeben - dieser Wortwechsel klingt erst einmal überhaupt nicht nach Kulturveranstaltung. Bei der Talk-Runde rund um "Comics & Bier" entstehen durch den steigenden Alkoholpegel durchaus auch komisch-abstruse Gespräche. Denn während sich die Talker über vier ausgewählte Erotik-Comics unterhalten, werden gemeinsam mit dem Publikum verschiedene Kraftbiere verkostet - damit die Kehlen auch bei heißen Diskussionen nicht austrocknen. Gereicht werden die Biere an diesem Abend von Martin Dambach, der die Bierhandlung "Sueffisant" in Gärtringen betreibt. Außerdem wird ganz im Sinne des Abends blind verkostet. "Erotik hat schließlich auch etwas mit Verhüllung zu tun", erklärt der Experte zwinkernd und stimmt schon einmal auf das Motto der folgenden Gespräche ein: Im Mittelpunkt des Abends stehen nämlich vier erotische Geschichten, die das Thema auf ganz verschiedene Weise behandeln und von den vier Talkern ganz genau unter die Lupe genommen werden. Neben Steffen Volkmer (Comic-Redakteur) und Arnulf Woock (Journalist und Event-Spezialist) sind am heutigen Abend auch Denise Wilson (Musikerin und Verlagsprodukt-Managerin) und Mark Benecke (Forensiker und Comic-Nerd) mit von der Partie.

Und schon mit dem ersten Comic geht es ans Eingemachte. "Druna" ist die Heldin einer postapokalyptischen Welt, die durch Sexualität beherrscht wird. "Es geht schon ziemlich brutal zur Sache", lässt Mark Benecke sein Urteil verlauten. "Aber wenn man auf Gewalt-Pornographie steht, kommt man auf seine Kosten."

Für einen Moment überrascht dieses Urteil doch ein bisschen. Schließlich hat Mark Benecke einen BDSM-Comic mitgebracht, um ihn der Runde zu präsentieren. "Beim BDSM geht es tatsächlich nicht um Brutalität und darum, den anderen gegen seinen Willen zu unterwerfen", erklärt er mit einem Kopfschütteln. "Es geht besonders um Vertrauen und dass man sich bei seinem Partner vollständig fallen lassen kann."

Und genau das zeigt auch "Sonnenstein" - eine Liebesgeschichte von zwei Sex-Nerds, die gerne auch mal verrückte Fesselspielchen ausprobieren. "Das ist der harmloseste Comic des Abends, wirklich", beteuert er. "Es wird durchaus auch mal Kakao aus Herzchen-Tassen geschlürft."

Und weshalb kennt er sich als Forensiker nun ausgerechnet mit BDSM aus? Auch daraus macht Mark Benecke kein Geheimnis: "Ich betreibe viel Aufklärungsarbeit für verschiedene Netzwerke. Bestimmte Techniken im BDSM können gefährlich sein - und ich verliere echt ungern Freunde, nur weil sie Sex haben."

Sein Comic findet allerdings nicht nur Anklang in der Runde. Arnulf Woock zeigt sich im Gegensatz zu den anderen Talkern wenig begeistert: "Mich hat der Comic irgendwie an eine Veröffentlichung des Ministeriums für Soziales und Jugend erinnert. Oder an eine seichte Bravo-Lovestory." Das dritte Bier des Abends, ein tropisch-fruchtiges Ale, schmeckt ihm im Anschluss allerdings ausgezeichnet.

Dann geht es mit "Black Kiss" auch schon in die vorletzte Runde und zurück zum härteren Material. "Der erste Band ist eigentlich eine Detektivgeschichte, in der viel Erotik vorkommt und explizit geschildert wird. Blümchensex gibt es da auf jeden Fall nicht", erzählt Steffen Volkmer. Deswegen wurde der Comic in der Vergangenheit mehrfach zensiert. "Es ist am Anfang nicht leicht, der Geschichte zu folgen", wirft Denise Wilson ein. "Und im zweiten Band muss man den Thriller vom Klappentext schon suchen." Trotzdem gibt es am Ende von allen Talkern eine Leseempfehlung für "Black Kiss".

"Realistische Körper mit Makeln."

Und schon steht das letzte Bier auf dem Tisch der Talkrunde. Das im Whiskey-Fass gelagerte Gebräu heizt die gute Stimmung richtig an. Und die Flasche mit ihren eindeutig zweideutigen Rundungen passt zum Thema des Abends.

"Gut, dass ich ausgerechnet nach dem Bier mit 11,6 Prozent an der Reihe bin", lacht Denise Wilson und greift nach ihrem Comic. Genauso wie das Bier, hat es auch "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein" in sich: "Ich konnte den Comic nicht lesen, ohne mich schlecht zu fühlen. Immerhin breitet die Zeichnerin ihre ganze Lebensgeschichte vor uns aus." Inklusive einer Dreiecksbeziehung und Eifersucht, die in häusliche Gewalt ausartet. "Und ich habe mich wirklich gefragt, ob ihre Mama das auch gelesen hat."

Tatsächlich streift der Comic vielerlei ernsthafte Themen, sodass die Erotik im Gespräch beinahe ein bisschen in Vergessenheit gerät - bis Arnulf Woock noch einmal auf den Stil der Zeichnungen der Autorin zu sprechen kommt: "Ich bin begeistert, dass Uli Lust nichts beschönigt und uns realistische Körper mit Makeln zeigt."

Und Mark Benecke? Der schlägt am Ende der Diskussion den Bogen zum Bier. "Ich frage mich jetzt schon die ganze Zeit, welche Form die Flasche jetzt andeuten soll. Da stellt sich doch jeder von uns was anderes vor??", platzt es aus ihm heraus. "Na, das ist halt eine Flasche mit geschwungenem...", setzt Steffen Volkmer zur Erklärung an, "...Busen", beendet Denise Wilson seinen Satz - und einen besseres Schlusswort für den feucht-fröhlichen Abend wird sich wohl kaum finden lassen.