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Binninger zur B 464: \"Gefährliche Straße ist zu entschärfen\"

Schon wieder: Tödlicher Unfall auf der B 464 - Ex-MdB Clemens Binninger hält Häufung schwerer Unglücke für besorgniserregend

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    Sein Überholmanöver hat ein 36-jähriger BMW-Fahrer am Montagabend auf der B 464 mit dem Leben bezahlt Foto: SDMG

Nicht schon wieder. Das werden viele gedacht haben, als sie hörten: Gerade mal zehn Tage nach dem Horror-Unfall mit drei Toten schreibt die B 464 erneut Schlagzeilen. Am Montagabend starb ein 36-Jähriger nach einem Überholmanöver zwischen Renningen und Magstadt-Nord. Der Handlungsdruck auf Behörden wächst.

Artikel vom 10. Dezember 2019 - 16:58

Von Siegfried Dannecker

KREIS BÖBLINGEN. Dass er bei Gegenverkehr überholt hat, ist dem BWM-Fahrer zum Verhängnis geworden und hat eine 52-jährige VW-Fahrerin schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der 36-Jährige kollidierte mit dem VW und erlag noch an der Unfallstelle seinen Verletzungen.

Die Polizei schildert den Unfallhergang so: "Den polizeilichen Ermittlungen zufolge war er mit seinem BMW von Renningen kommend in Richtung Magstadt unterwegs. Nach der Einmündung der B 295 überholte er zunächst einen vorausfahrenden Pkw, um im Anschluss einen Tanksattelzug zu überholen. Dabei stieß er frontal mit dem entgegenkommenden VW einer 52-jährigen Frau zusammen. Durch die Kollision wurde der BMW nach rechts abgewiesen, stieß seitlich gegen den Tanklastzug und schleuderte letztlich in die Leitplanken links der Fahrbahn. Der 40-jährige Fahrer des Tanklastzuges blieb unverletzt. Für die weiteren Unfallermittlungen hat die Polizei auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Stuttgart einen Sachverständigen hinzugezogen, der noch in der Nacht die Arbeit an der Unfallstelle aufgenommen hat. Für die Dauer der Unfallaufnahme und der Bergungsarbeiten musste die B 464 zwischen der Anschlussstelle Magstadt-Nord und der B 295 bis 1.20 Uhr in beiden Richtungen gesperrt werden. Es kam dadurch zu erheblichen Verkehrsbehinderungen."

Der Einsatz am Montagabend erforderte sechs Fahrzeuge der Renninger Feuerwehr mit 40 Mann, zwei Rettungsfahrzeuge, einen Notarzt und acht Streifenbesatzungen. Außerdem war das Technische Hilfswerk Leonberg gefordert, das mit zwei Fahrzeugen und fünf Mann die Unfallstelle ausleuchtete, die Fahrbahn reinigte und die beiden vollkommen demolierten Fahrzeuge barg.

Dass es auf der B 464 zwischen Renningen und dem "Schaichhof" bei Weil im Schönbuch (ohne "Lückenschluss, also den Anschluss der B 464 an die B 295) enorm oft kracht - die Unfallstatistik der Polizei bestätigt das. Die Zahlen seit 2015 besagen eine Spannbreite von 76 Unfällen in 2018 (das Minimum) bis auf 110 Unfälle in 2017 (das Maximum). Während die Zahl der Schwerverletzten mit elf und 16 Personen in den Jahren 2016 und 2017 am höchsten lag, sieht es bei den Getöteten genau anders herum aus. 2015 und 2017 kam niemand ums Leben, 2016 ein Mensch, 2018 zwei Menschen und - trauriger Höhepunkt - 2019 bei vier Unfällen bereits sechs.

Ist die B 464 mithin das, was man boulevardesk eine "Todesstrecke" nennt, im polizeilichen und behördlichen Jargon hingegen wenigstens einen "Unfallschwerpunkt"? Polizeipressesprecher Peter Widenhorn sieht das anders. Auf dieser Strecke kämen zwar unbestritten "relativ viele Unfälle vor", deren Ursachen seien aber "ganz unterschiedlich und dadurch die Präventionsmöglichkeiten eingeschränkt".

Die häufigsten Unfallursachen laut Polizei sind in dem Fünf-Jahres-Zeitraum ungenügender Sicherheitsabstand (104 Fälle), gefolgt von Vorfahrtsverletzungen (69), "anderen Fehlern beim Fahrzeuglenker" (57), nicht angepasster Geschwindigkeit (38) und widrigen Fahrbahnverhältnissen wie Regen, Schnee und Eis (26 Fälle). 17 (Un-)Fälle gehen auf Alkoholeinfluss zurück, zwölf auf Überholen trotz Gegenverkehr.

Clemens Binninger, den früheren CDU-Bundestagsabgeordneten, stellt das alles nicht wirklich zufrieden. Der Ex-Politiker, der sich seinerzeit große Verdienste um den Bau der B 464 erworben hat, meldet sich gestern telefonisch bei der KRZ - ausdrücklich als "Leser", der sich zum Thema äußern, aber "nicht unbedingt in der Zeitung auftauchen" wolle. Ein Ansinnen, dem wir hier ausnahmsweise nicht entsprechen.

Clemens Binninger findet Argumente wie "Hielten sich alle an die Verkehrsregeln und würden vernünftig fahren, würde nichts passieren" nicht zweckdienlich. Das stimme zwar - einerseits. Und eben doch auch nicht. Die extreme Häufung der Unfälle auf "dieser kleinen Autobahn, "die man so in der ganzen Region nicht findet", sei doch augenfällig, fordert der 57-Jährige die Behörden zum Handeln auf. Das Instrument der Verkehrsschau durch die Verkehrskommission (Straßenbaulastträger, Straßenverkehrsbehörde, Polizei) gebe es ja nicht umsonst. Klar sei eine Straße nicht per se schuld: "Aber sie kann Fehlverhalten fördern oder verschärfen", so Binninger, der selbst mal Streifenpolizist in Freiburg war: "Dann muss sie entschärft werden."

Vierspurig wäre Straße sicherer

Dass so etwa Sinn mache, sehe man beispielsweise auf der A 81 zwischen Ehningen und Böblingen. Das Tempolimit von 120 habe die Situation deutlich verbessert. Man müsse auch bei der B 464 überlegen, was sofort gehe: vom Überholverbot/durchgezogener Linie übers Tempolimit bis hin zu Hartgummi-Abweisern zwischen den Fahrbahnen, wo für eine (Beton-)Mittelleitplanke kein Platz ist. Dinge, die auch Binningers Nachfolger Marc Biadacz im Kreistag ansprechen will. Im Böblinger Landratsamt ist man alarmiert und will "Erkenntnisse, Anregungen und Forderungen aus dem Unfallgeschehen an die übergeordneten Behörden weitertragen". Die Straße, heißt es, sei für die Verkehrsmenge zu gering dimensioniert: "Eine langfristige Verbesserung der Sicherheit können nur bauliche Maßnahmen erreichen." Wäre die B 464 vierspurig ausgebaut, besäße sie eine Mittelleitplanke, die schwerste Frontal-Kollisionen im Begegnungs-Verkehr ausschließen würde.