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Ex-Instagram Influencerin erzählt von ihren Erfahrungen

Rund 40 000 Instagram-Follower waren fünf Jahre lang Teil des Lebens der Ex-Influencerin Katharina Weber aus Stuttgart. Dann hatte sie genug und löschte ihren Account. Am Holzgerlinger Schönbuch-Gymnasium erzählt sie erstmals vor rund 115 Schülern warum ihr die 24-Stunden-Beobachtung zu viel wurde

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    Rund 100 Schüler aus der neunten Klasse und der Abschlussklasse 2 kamen zum Vortrag und hatten viele Fragen an Katharina Weber | Foto: Stefanie Schlecht

Artikel vom 06. Dezember 2019 - 15:18

Von Tabea Günzler

HOLZGERLINGEN. Statt Gedichtsanalyse und Vokabeltest steht an diesem Morgen Influencer-Marketing am Schönbuch-Gymnasium auf dem Stundenplan der 115 Jugendliche und junge Erwachsene.

Kurz vor dem Läuten der ersten Schulstunde, trudeln langsam die ersten Schüler in die lichtdurchfluteten Aula ein. Kurze Zeit später ist der Saal brechend voll. In wenigen Minuten wird die 26-jährige Studentin Katharina Weber über ihr Leben als Influencerin sprechen. Ein Berufsbild, dass sonst nicht im Unterricht thematisiert wird. Aber auf den ersten Blick ein Job ist, der zunehmend Jugendliche begeistert.

Den Vortrag über Influencer-Marketing eingefädelt, hat die gleichaltrige Referendarin Rebecca Klöss. Geplant war das Event in dieser Größenordnung anfangs nicht, erzählt Rebecca Klöss. Die Idee entstand, nachdem sie im Rahmen ihres Referendariats das Thema "Werbung und Werbeanalyse" mit ihren 21 Schülern im Unterricht behandelte. Rebecca Klöss fragt kurzerhand Katharina Weber, ob sie über ihr Leben als ehemalige Influencerin sprechen möchte. Die beiden kennen sich persönlich. Im Gymnasium sprach sich die Idee zum Vortrag herum und traf auf offene Ohren bei den Kollegen. Statt nur vor den 21 Schülern der Referendarin, spricht Katharina Weber nun vor weiteren Schülern aus den Klassen 9 a, c und d sowie der Abschlussklasse 2.

Katharina Weber war fünf Jahre lang Influencerin

Knapp fünf Jahre war Katharina Weber auf der Plattform Instagram rund um die Uhr aktiv. Rund 40 000 Menschen folgten ihr in dem sozialen Netzwerk. Verfolgten das Leben der damaligen Influencerin am Handybildschirm. Katharina Weber zeigt was sie isst, was sie trägt und wohin sie reist. Postet jeden Tag mindestens ein Bild, perfekt in Szene gesetzt, retouchiert und mit Filter unterlegt. Likes, Kommentare, Reichweite und Klicks sind ihr ständiger Begleiter. Immer mit der Angst im Hinterkopf, dass Fans ihr entfolgen könnten. Mit der Zeit löst das bei ihr enormen Druck aus. Eines Tages hatte sie genug davon:

Im Urlaub in Mexiko saß sie mit ihrem Freund am Strand, sah dem Sonnenuntergang nach. Doch statt diesen zu zweit zu genießen, dachte sie ständig daran ein Bild davon zu machen und hochzuladen - ihre hungrigen Followern mit Inhalten zu füttern. Da dämmerte es ihr: Im Frühjahr 2019 löscht sie ihren Account und nimmt sich eine Auszeit.

Ein halbes Jahr später steht Katharina Weber nun im Schönbuch-Gymnasium und erzählt Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Influencer-Business. "Was glaubt ihr, ist eigentlich Influencer-Marketing?", fragt sie. "Beim Influencer-Marketing werden Nutzer von Unternehmen bezahlt, entweder mit Geld oder Sachleistungen."

Konkret: "Influencer sind Meinungsmacher, die sich in mehreren Netzwerken bewegen und die jeweilige Plattform gut kennen." Und für Unternehmen - überwiegend aus der Mode- und Ernährungsbranche, aber auch aus der Gamer-Szene und dem Technik-Bereich - wirken sie und ähnliche Nutzer attraktiv, glaubwürdig und vertrauenserweckend besonders bei einer jüngeren Zielgruppe. "Wenn die Zielgruppe eines Influencers zu der eines Unternehmens passt, dann findet eine Zusammenarbeit statt", erklärt die Studentin. Tatsächlich sind soziale Medien seit etwa zehn Jahren immer wichtiger für Unternehmen geworden, um ihre Produkte zu bewerben und ihre Reichweite zu vergrößern.

Wer steckt dahinter und welche Folgen hat das?

Hinter erfolgreichen Influencern stehen nicht immer, aber häufig Unternehmen, die mit gezielten Kampagnen darauf abzielen, dass besonders junge Menschen zum Kauf angeregt werden - auch Produkte, die augenscheinlich nicht gebraucht werden, aber zu einem bestimmten Ereignis passen. Katharina Weber gibt ein Beispiel: Zum Weltfrauentag 2018 geht ein bekannter Parfüm-Hersteller eine Kooperation mit einer prominenten Influencerin ein, die knapp 4,4 Millionen Follower um sich schart. Und dieser Schachzug zeigt sich erstaunlich erfolgreich, verblüfft selbst die Ex-Influencerin: "Am Ende war es die erfolgreichste Kampagne, die sogar offline sichtbar war, da die Nachfrage in den Läden ziemlich nach oben ging." Tatsächlich fühlt sich ungefähr jeder Fünfte durch Influencer in Sozialen Medien dazu inspiriert eine bestimmte Marke auszuwählen oder ein Produkt zu kaufen. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage des Vereins Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW), der im März diesen Jahres rund 1 000 Nutzer ab 16 Jahren und älter befragte. Katharina Weber lässt im Saal die Jugendlichen eine vorsichtige Schätzung abgeben: "Wie hoch ist durchschnittlich der Anteil bei 100 Personen, die ein Produkt aufgrund von Influencer-Marketing kaufen?", fragt sie die Schüler. Rebecca Klöss geht mit dem Mikrofon durch die Reihen: 30, 90, 70, schätzen die Jugendlichen. "Stimmt, 30 Menschen sind es im Schnitt", löst Katharina Weber auf.

Dass das Leben als Influencer nicht nur glamourös ist, will die Studentin den Jugendlichen nicht vorenthalten und erzählt über die Schattenseiten. "Es ist nicht alles Gold, was glänzt", beschreibt sie die Welt. Beispielsweise habe sie viel Zeit und Energie in die Bildbearbeitung gesteckt. "Ich war bis zu zwei Stunden am Tag damit beschäftigt", erzählt sie. Wichtig war, dass der Inhalt zu bestimmten Zeiten online sein musste. "Ich stellte mir deswegen den Wecker immer abends auf 19 Uhr, damit ich nicht vergesse, zu posten", erinnert sie sich.

"Ich wollte nie Influencerin werden"

Dabei hatte sie nie die Intention eine Influencerin zu werden, erklärt sie. Die Zahl ihrer Follower wuchs vor acht Jahren bei Katharina Weber schneller als erwartet. Nach 9 Monaten waren es rund 8 000 Abonnenten. "Als es mehr wurden, setzte ich mir das Ziel, die 10 000 zu knacken und als ich das erreichte, war mein Ehrgeiz gepackt", erinnert sich die 26-Jährige. Kurz darauf kamen die ersten Anfragen von Unternehmen. Hunderte Briefings, also Vorgaben für ihre Werbeauftritte folgten: "In meinen Hochzeiten hatte ich bis zu 11 Seiten Briefings", sagt sie und zeigt eines davon: "Ich sollte auf die Sprache, die Anzahl der Wörter, die Kennzeichnung des Produkts achten, bestimmte Keywords und Hashtags, also Schlüsselbegriffe, verwenden, die Profile der Unternehmen verlinken, die Swipe-up Funktion einbeziehen und zum Schluss den Beitrag auf Rechtschreibung und Grammatik prüfen sowie einen Screenshot an das Unternehmen senden". Eine ganz schön lange Liste, die vieles von der jungen Studentin abverlangte. Ein immenser Druck baut sich auf, berichtet sie. Die Plattformen verändern sich und die Vorgaben-Liste wurde auch bei Katharina Weber immer länger.

Die Queen und der Porzellanverkäufer

Noch bevor die damals 18-Jährige im Jahr 2011 zur Influencerin wird, meldet Katharina Weber sich, wie viele in ihrem Alter, auf der Plattform Instagram an, nennt sich "inabella_". Eigentlich will die Schülerin nur ihre Freundinnen und Freunde mit Bildern an ihrem Leben teilhaben lassen. So gehört sie zu den anfänglich weltweit 10 Millionen Nutzern. Erst im Jahr davor, im Oktober 2010, kam Instagram auf den Markt. Gegründet wurde die Foto-Plattform von dem US-Programmierer Kevin Systrom und dem brasilianischen Unternehmer Mike Krieger. Damals konnten sie den Einfluss, den ihre App heute hat, noch nicht abschätzen. Mit einer Milliarde Nutzer gehört sie heute weltweit zu den erfolgreichsten Plattformen.

Die Geschichte des Influencer-Marketings lässt sich bis ins Jahr 1760 zurückverfolgen. Damals entwarf der englische Töpfer und Keramik-Hersteller Josiah Wedgwood ein Tee-Set für die Königin Charlotte und König Georg III unterstützte fortan sein Unternehmen. Diese prominente Unterstützung nutzte Wedgewood und baute daraufhin sein Geschäft weltweit aus. Es dauerte knapp drei Jahrhunderte, bis erstmals die sozialen Medien wie Instagram, Youtube und Co. auch für heutige Unternehmen spannend wurden. Ein gewisser Prominentenstatus ist nach wie vor wichtig, aber im Prinzip kann jede Nutzerin zur Influencerin werden.

Eine schillernde Welt auf der einen, eine stressige auf der anderen

Der Vortrag zum Thema Influencer-Marketing reiht sich, laut Schulleitung, in das Leitbild des Gymnasiums ein. "Präventionsarbeit ist uns hier ein wichtiges Anliegen", betont Sebastian Schimmer, Direktor am Schönbuch-Gymnasium. So sollen die Schüler schon früh den richtigen Umgang mit sozialen Medien lernen.