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21 Frauen unterschiedlicher Herkunft kochen bei den Nachbarschaftsgesprächen in Holzgerlingen gemeinsam in der Berkenschule

Begegnung geht durch den Magen

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    Gemeinsam mit den Landfrauen kochen Frauen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak Spätzle, Maultaschen, Baba Ghannouij und süße Nachspeisen Foto: Tabea Günzler

Als Tina Binder zum interkulturellen Kochabend mit geflüchteten Frauen einlädt, sagen die Landfrauen vom Holzgerlinger Ortsverein sofort zu. \"Mauldasch trifft Falafel\" wird zur kulinarischen Annäherung unter Nachbarinnen - auf schwäbisch, syrisch, kurdisch und arabisch.

Artikel vom 25. November 2019 - 17:14

Von Tabea Günzler

HOLZGERLINGEN. "Verteilt euch bitte auf die vier Kochinseln", sagt Tina Binder, Integrationsmanagerin der Stadt Holzgerlingen. Und schon werden Schüsseln, Töpfe, Pfannen und Schneidbretter hervorgeholt. In jeder Ecke klappert und raschelt es. Es ist 18 Uhr. Ein Dienstagabend mitten im November: Unter dem Motto "Mauldasch trifft Falafel" hat die Integrationsmanagerin in die Berkenschule zum interkulturellen Kochabend eingeladen.

Der Programmpunkt ist Teil der Nachbarschaftsgespräche Holzgerlingen. Ziel ist es, Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen und Gemeinsamkeiten zu finden. "Es haben sich viele gemeldet, die mitkochen wollten, sogar Männer haben angefragt. Denen mussten wir aber leider absagen, weil es ein reiner Kochabend für Frauen sein soll." Viele der Frauen an diesem Abend kommen aus Syrien, eine aus Afghanistan, manche aus dem Irak und einige aus den kurdischen Gebieten im Norden von Syrien und dem Irak. Gemeinsam mit neun Landfrauen vom Ortsverein "Am Schönbuch" - erkennbar an ihren hellgrünen Polohemden - kochen sie heute verschiedene Gerichte auf schwäbisch, kurdisch, arabisch und syrisch.

So auch Fahmja Hajqurban, 33, und Dalal Jabban, 46, die gerade Auberginen und Kartoffeln in mundgerechte Stücke schneiden. Auf dem kreisrunden Backblech vor ihnen türmen sich bereits Zucchini, Tomaten, Paprika und Zwiebeln.

Verständigung notfalls mit Kochlöffel und Schneebesen

In der Küche herrscht buntes Treiben. Verschiedene Sprachen erfüllen den Raum. Die ersten Herdplatten laufen auf Hochtouren und an jeder Kochinsel dampft und zischt es. Nur die Abzugshauben scheinen aus irgendeinem unbekannten Grund an diesem Abend nicht zu funktionieren. Jemand öffnet kurz die Fenster. Sofort beschlagen die Scheiben mit Wasserdampf, aufgrund des Temperaturunterschieds. Mitten im November ist es draußen inzwischen kalt geworden.

Auch in der Heimat von Fahmja Hajqurban kann es im Winter sehr kalt werden. Ihr Heimatort ist die westsyrische Stadt Homs. Dalal Jabbana kommt aus der Hauptstadt Damaskus. Vor fünf und zwei Jahren flohen beide über die Türkei nach Deutschland. Ihre Flucht aus den Kriegsgebieten ist an diesem Abend unwichtig. Heute leben sie in Holzgerlingen, lernen Deutsch und wollen ankommen und dabei sein. Doch manche der Frauen bleiben unter sich, kochen routiniert ihre Gerichte. Manche aber tauschen sich aus und schnuppern bei der jeweils anderen Kultur hinein. Für die Landfrauen ist es das erste gemeinsame Kochen mit Geflüchteten. Eine etwas andere Begegnung, bei der die Frauen sich, trotz sprachlicher Barrieren, auf Anhieb verstehen - notfalls mit Händen und Füßen, sprich Kochlöffel und Schneebesen.

"Das Essen heißt Sieben Stadt", erzählt Fahmja Hajqurban und zeigt mit ihren Händen die Zahl Sieben. Sie wischt sich die Hände an der Schürze und greift nach dem Olivenöl. "In Syrien kennt jeder das Essen", sagt die dreifache Mutter und erklärt, dass der Name "Sieben Stadt" sieben verschiedene Gemüsesorten in dem Gericht meint. Sie mischt Rinderhackfleisch und etwas Hühnerbrühe mit dem Gemüse, zum Schluss Tomatenmark, Salz, Pfeffer und Gewürze. Anschließend schiebt sie das Backblech vorsichtig in den Ofen. Dann heißt es warten.

Baba Ghannouj trifft Gaisburger Marsch

Während die Landfrauen Maultaschen formen und Spätzlesteig in den Wassertopf pressen, rührt Sanaa Alshikh Ali nebenan Joghurt, Mandeln, Petersilie und eine scharfe Tahini-Sauce mit Hackfleisch in einer Schüssel zusammen. "Das heißt Muchabas", erzählt Sanaa Alshikh Ali, die ebenfalls von Syrien nach Deutschland floh. Das Rezept zum Joghurt-Hackfleisch-Gericht hat sie aus ihrer Heimatstadt Aleppo mitgebracht, ebenso den Salat mit dem Namen Baba Ghannouj: Granatapfel, Aubergine, viel Petersilie, Tomaten, Paprika und Olivenöl. Schnell wird klar, dass die verschiedenen Speisen an diesem Abend zwar in ganz Syrien bekannt sind, aber von Stadt zu Stadt und Region zu Region häufig einen anderen Namen haben.

Um 19.40 Uhr befüllen zwei der Landfrauen noch die letzten Maultaschen, während Dalal Jabban und Fahmja Hajqurban das Sieben-Stadt-Gericht zu den anderen Speisen dazu stellen. Die Theke, auf dem jedes selbstgemachte Abendessen präsentiert wird, dient praktischerweise als Raumteiler zwischen der Küche und dem Essbereich. Es gibt Reis, Fleisch und viel Gemüse, kalte und warme Speisen. Und auch die Landfrauen haben ihre schwäbischen Kochkünste aufblitzen lassen: Aus einem großen Topf schöpft Helga Heinzmann eine Kelle Gaisburger Marsch in die tiefen Teller der hungrigen Damen.

Nach dem Essen dauert es nicht lange, bis alles Geschirr in der Spülmaschine steht und die Kochinseln wieder blitzblank sind. Doris Waldherr behält den Abend in guter Erinnerung, ist begeistert von der Vielzahl an Gerichten: "Wahnsinn, mit welchem Aufwand die syrischen Frauen das Essen zubereitet und teilweise von Zuhause noch mitgebracht haben - wirklich lecker."

Fazit: Völkerverständigung kann durch den Magen gehen.