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Selbst ist die Frau im Baumarkt

Unsere KRZ-Reporterin greift mit 100 weiteren Teilnehmerinnen bei Sekt und Bier zum Holzschleifer und Fließenkleister

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    Mit vereinten Kräften: Mit Gabriele Ulmann übt unsere Reporterin das Tapezieren

Tausche Popcorn und Filmabend gegen Bohrer und Sägespäne: Beim Projektabend Woman@Work im Sindelfinger Hornbach machte sich unsere Reporterin die Hände schmutzig und verbrachte eine etwas andere Art Mädelsabend.

Artikel vom 22. November 2019 - 18:08

Von Isabelle Zeiher

SINDELFINGEN. Ich setze an, fixiere mein Ziel, stelle mich breitbeinig auf und dann drücke ich ab: der Aufsatz des Bohrers rotiert, dreht sich mit Gewalt in das dunkle Holz. Sägespäne wehen mir ins Gesicht und rieseln wie brauner Schnee auf meine Haare nieder. Das Metall ist durch die Reibung ganz heiß geworden. Der Duft von brennendem Holz liegt in der Luft und erinnert an kalte Winterabende vor dem Kaminofen.

Von dieser bequemen Sofa-Atmosphäre ist an diesem Abend sonst nichts zu spüren. Hier wird zwar gelacht, aber auch geschuftet und geschwitzt. Der Sindelfinger Hornbach-Baumarkt verzeichnet in diesen Stunden Spitzenwerte - die Frauenquote liegt bei fast 100 Prozent, denn neben mir bohren, fließen und tapezieren fleißig um die 100 weitere Frauen, die an dem kostenlosen Event "Women@Work", ein Heimwerkerabend mit verschiedenen Workshops nur für Frauen, teilnehmen.

Seit sechs Jahren gibt es diese Projektabende bei Hornbach. "Sie sind immer ausgebucht", sagt Marktleiter Andreas Mohr, "natürlich hoffen wir, dass die Frauen ihr Material durch solche Aktionen eher bei uns als bei der Konkurrenz kaufen, aber primär wollen wir die Teilnehmerinnen mit solchen Abenden ermutigen, Dinge selbst anzupacken. In diesem Rahmen können wir uns Zeit nehmen und Tipps geben."

Die habe ich bitter nötig. Das letzte Mal, dass ich im Baumarkt stand, ist Jahre her - für ein Musik-Festival musste ein Bollerwagen gekauft werden. Natürlich schon autogerecht verpackt und mit wenigen Handgriffen aufgebaut. Jetzt laufe ich in einem weißen Schutzanzug durch die gefliesten Flure, umrahmt von hohen Regalreihen voller Leuchtstoffröhren, Mal-Planen und Reinigungsmitteln. Warum? Der Umzug klopft an meiner Tür und hinter ihm steht heimtückisch lauernd mein handwerkliches Unvermögen.

Auch meine Mitstreiterinnen haben konkrete Pläne. Die eine möchte ein Vogelhaus bauen, die andere eine Katzenleiter. Manche wollen Kleinigkeiten reparieren, die Nächsten alles komplett neu gestalten. In der Holzwerkstatt bohrt neben mir Katrin Moor. "Das geht ganz schön in die Arme", sagt die 32-Jährige. Sie arbeitet gerade an einem Windlicht. Beim späteren Hausbau soll ihr das Erlernte helfen. "Vielleicht für eine Holzterrasse." Ingrid Ettwein hat sich ein anderes Ziel gesetzt. "Ich bin alleinstehend", sagt die 70-Jährige, "es gibt im Haushalt immer etwas zu tun und ich möchte das selber erledigen können. Handwerker kommen nicht wegen Kleinigkeiten."

Immer wieder fällt das Wort Frauen-Power und der Satz "selbst ist die Frau". Das treibt mich an und ich begebe mich zur Holz-Fräse. Der Stationsleiter reicht mir gelb-schwarze Kopfhörer. Einmal aufgesetzt sind die rund zehn Bohrer um mich herum still - ein leises Brummen, nicht lauter als das eines Kühlschranks, ist noch zu hören. Die Erkenntnis, als ich dem Stationsleiter ins Gesicht schaue: Ich hätte besser mit dem Anziehen warten sollen. Lippenlesen gehört nämlich ebenso wenig zu meinen Talenten, wie das Bedienen des viel zu großen Gerätes zwischen meinen Händen. Ein paar Minuten und Instruktionen später schaue ich stolz auf meine abgerundeten "Ecken" hinunter. "Viele Frauen trauen sich nicht, selbst anzupacken", sagt Jan Göttsche vom Marktmanagement, "die müssen darum betteln, dass ihnen jemand ein Loch in die Wand bohrt. Dabei könnten sie das selber machen."

Dass es ein reiner Frauenabend ist, kommt nicht nur bei mir gut an. "Wenn das jetzt eine gemischte Gruppe wäre, dann würde es sicherlich einen Mann geben, der sagt ,das musst du so machen und das so'", sagt Melanie Grünewald aus Sindelfingen, "so haben wir in dieser Männerdomäne Spaß. Und Sekt gibt es auch noch." Egal zu welcher Station ich komme, die Frauen haben gute Laune und unterstützen sich gegenseitig. Ich fühle mich wie auf einem Mädelsabend, ohne Wein und Jogginghose, stattdessen mit Schutzanzug und einem Bohrer in der Hand. Eine gelungene Abwechslung.

Als nächstes probiere ich mich im Fliesen legen. Der strenge Geruch vom braunen Kleber kommt mir entgegen - eine Mischung aus Schlamm- und Alkoholduft. Kaum stehe ich dort, schon bekomme ich eine Spachtel in die Hand gedrückt. An der Hand entlang auf dem Zeigefinger muss der Henkel aufliegen. Total unpraktisch und schmerzhaft, wie ich finde, als ich beim krampfhaften Versuch die Paste auf die Wand zu befördern, scheitere. Am Ende ist beinahe genauso viel Kleister an der Wand wie an meinen Händen - die aufgeklebte Fliese leicht schief und locker. Dafür hole ich dann wohl besser einen Handwerker. Sara Kaminski ist mutiger: "Wir haben uns ein Haus gekauft und werden das Bad rausreißen und neue Fliesen verlegen", sagt die 30-Jährige.

Vielleicht habe ich beim Tapezieren mehr Glück - so eine schöne Foto-Tapete mit Backsteinmuster würde sich wunderbar in meinem neuen Wohnzimmer machen. Bei der Ankunft an der Workshop-Station nimmt mich Gabriele Ulmann unter ihre Fittiche. Die 70-Jährige war schon öfter Teilnehmerin am Frauen-Projektabend. "Man kann hier alles Fragen, ohne dass die Antwort ,typisch Frau' kommt", sagt sie. Gemeinsam schmücken wir die Wand mit einem bunten Schmetterlingsmuster.

Für den einfachen Tapetenwechsel den geeigneten Anstrich, davon nicht zu viel verwenden und diesen dann regelmäßig verteilen und glatt streichen: Mit diesen Tipps endet der Abend für mich. Den gemütlichen Stunden auf dem Sofa vor der neuen Backstein-Tapete steht nichts mehr im Wege.