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Erkenntnis einer Fachtagung: Jedes dritte Mädchen ist öfters betatscht worden

Was tun, wenn Jugendliche übergriffig werden? Aktionsbündnis "Kein Raum für Missbrauch" hat zum siebten Mal getagt - Beifall von 160 Teilnehmenden

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Schon die vergangenen sechs Treffen des Aktionsbündnisses "Kein Raum für Missbrauch im Landkreis" waren bestens besucht. Die siebte Fachveranstaltung am Donnerstag in Böblingen toppte alles noch. 160 Teilnehmende lauschten und diskutierten zu "Echt grenzwertig?! Wenn Jugendliche übergriffig werden - was tun?"

Artikel vom 18. November 2019 - 18:16

KREIS BÖBLINGEN. Ist sexualisierte Gewalt in Peer-Groups, also unter jugendlichen Gleichaltrigen, ein Rand- oder ein alltägliches Phänomen? Sabine Maschke, Professorin an der Philipps-Universität Marburg, redete nicht um den heißen Brei herum. Sexualisierte Gewalt durchdringe die Lebenswelt von Jugendlichen. Ja, sie werde beinahe schon als normal angesehen, sagte die Dozentin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Beleidigungen wie "Hure" oder "Fotze", "Lesbe" oder "Schwuchtel", verbal dahin gerotzt oder per WhatsApp verbreitet: normal? Die zahlreichen Lehrer(innen) und Schulsozialarbeiter(innen) im Publikum mag es wenig überrascht haben.

Maschke, Buchautorin, ist das Thema wissenschaftlich-statistisch angegangen. Der größeren Validität wegen. Sie hat in 2016/17 eine erste Studie in Hessen durchgeführt mit Schüler(innen) aller Schularten. 2017/18 schwirrten geschulte Interviewer nochmals aus. 2700 beziehungsweise 3000 Teenager füllten im Klassenverband den 50-seitigen anonymisierten, datengeschützten Bogen mit 100 Fragen aus. Dass sie es zu 90 Prozent bis zur letzten Seite taten - für die Professorin ein klarer Hinweis darauf, dass es ihnen ein "inneres Bedürfnis" war. Sie litten unter sexualisierter Gewalt, so der Gast am Rednerpult: Ängste seien mit Witzen, Gesten, Schmähungen verbunden, Scham, Tränen, Vertrauensverlust, geringeres Selbstwertgefühl. Wo sich die Drangsal bis zum Mobbing steigere, reichten die Reaktionen bis hin zu Suizidgedanken.

Die Ergebnisse der Studie, sie machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Befragung betroffen. 48 Prozent der Befragten, also fast die Hälfte, gaben an, schon einmal von nicht-körperlicher sexualisierter Gewalt betroffen gewesen zu sein. Mädchen deutlich mehr als Jungs. Ein Drittel der Mädchen sei im Netz schon sexuell beleidigt oder angemacht worden (Jungs zu neun Prozent). Förderschülerinnen seien tendenziell noch stärker davon betroffen.

Für die Zuhörerinnen und Zuhörer der Hessin schockierend: Fast ein Viertel der Befragten gab an, körperliche Formen sexualisierter Gewalt erlebt zu haben: "Jedes dritte Mädchen hat öfter erlebt, an Po oder Brust angetatscht worden zu sein", so Sabine Maschke; elf Prozent hätten einen versuchten Geschlechtsverkehr angegeben gegen ihren Willen. Zu Nackt- oder pornographischen Aufnahmen gezwungen zu werden - wohl keine Seltenheit.

Sabine Maschke: Eine verletzungsmächtige Alltagsgewalt

Ein Realschüler in der Studie schildert: Auf Festen oder auf der Kirmes sei das Anfassen an Po oder Brust ebenso wie das ungewollte Küssen "fast schon normal geworden". Wodka oder "Gras" spielten dabei wohl eine mit enthemmende Rolle. Über 80 Prozent der Befragten schilderten solche Erfahrungen, Mädchen durchweg häufiger. Jedes siebte Mädchen berichte von versuchter oder gar vollzogener Penetration. Peinliche Bilder kursieren rasch im Netz und sind nur schwer wieder daraus herauszubekommen.

Sabine Maschkes Fazit: Sexualisierte Gewalt sei "so etwas wie Alltagsgewalt" und "verletzungsmächtig". Ab einem Alter von elf, zwölf Jahren steigere sich das. Frühentwickelte Mädchen würden häufiger Opfer. Pornokonsum sei unter männlichen Jugendlichen weit verbreitet, liest die Wissenschaftlerin aus ihrer Studie heraus. Und unter denen, die das zur Selbstbefriedigung schauten, sei fast die Hälfte wiederum "heavy user", intensiv Nutzende. Das Aufhörenkönnen aber sinke mit der Häufigkeit des Schauens. Und auch diese Korrelation macht die Forscherin aus: je häufiger der Konsum, desto öfter die ausgeübte sexualisierte Gewalt. In Beratungsstellen klagten Mädchen über Sexualpraktiken, die ihr Freund dort gesehen habe und von ihnen auch verlange.

Jugendliche aber seien verletzlich, sagt Sabine Maschke: "Das sehen wir Erwachsenen oft nicht." Sie bräuchten einen elterlichen und schulischen Schutzraum, der Sicherheit biete. Auch für die Schulsozialarbeit gebe es da noch eine ganze Menge zu tun.

Tatsächlich kommen weder Eltern noch Schule oder Schulsozialarbeit in der Studie gut weg, wenn Mädels und Jungs Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Das Thema ist besetzt von Angst und Scham, tabuisiert. "Petzen" will man oft auch nicht, hat Sorgen um die Dynamik, die so was annehmen kann, zeigt man das doch mal an oder spricht zumindest mit jemandem darüber. Am ehesten ist es der Freund/die Freundin, dem/der man sich anvertraut. Lehrer(innen) schauten meistens weg, täten nichts, selbst wenn sie was beobachtet hätten, wird in der Studie mehr als ein Befragte zitiert. Auch in der lebhaften anschließenden Diskussion der über vierstündigen Veranstaltung wurde beklagt, dass Schulleitungen auch schon so reagiert hätten: "Hauptsache, da dringt nichts nach außen!"

Genau diesem Kopf-in-den-Sand-Stecken tritt das Aktionsbündnis mit seinen Mitgliedern - Thamar, Kirchen, Schulen, (Sport-)Vereine, der Sportkreis, Erzieher(innen), Polizei, Jugendämter, die Gleichstellungsbeauftragte und andere - entschieden entgegen. Wie es etwa der Sportverein Kuppingen oder die Böblinger Paul-Lechler-Schule machen, nämlich Schutzkonzepte zu entwickeln, müssten es andere auch tun. Tun sie teils auch. "Wir sind da 2019 erst an einem Anfang und haben noch viel vor uns", sagte eine Schulsozialarbeiterin: "Aber die Richtung, die wir eingeschlagen haben, stimmt." Prävention müsse früh ansetzen, am besten schon in der Grundschule.

"Nutzen Sie die Präventionsangebote der Polizei"

Das sieht auch Karin Stark so. Die Mitarbeiterin im Referat Prävention beim Polizeipräsidium Ludwigsburg wunderte sich, wie wenige sexuelle Übergriffe an Schulen der Polizei gemeldet würden, obwohl sie dort mutmaßlich häufig passieren und nicht nur im sonstigen öffentlichen Raum. 2018 seien im Kreis Böblingen 172 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt worden - bei einer vermutlich hohen Dunkelziffer.

Davon seien als Täter 21 zwischen 14 und 17 Jahre alt gewesen. Karin Stark: "Das, finde ich, sind ganz schön viel." Auch dass ein Drittel der Sexualstraftäter unter 21 war, sei enorm viel "gemessen an deren Anteil an der Gesamtbevölkerung. Die sind da überproportional vertreten". 85 Prozent der Opfer seien weiblich. Jugendliche seien siebenmal so oft in Gefahr, Opfer einer sexuellen Straftat zu werden. Ambivalent ist das Täter-Opfer-Verhältnis. Weil Täter zumeist aus dem familiären Nahraum stammten oder Bekannte seien, seien sie "benennbar". Das erklärt eine Aufklärungsquote von 85 Prozent. Zugleich dürfte es öfters auch eine Hemmschwelle darstellen, sie anzuzeigen. Doch die Polizei sei ja nicht nur Repression, so der Gast aus Ludwigsburg. "Wir machen auch Gewaltprävention." Schon ab den Klassen 5 bis 9 gehe es in den Klassenzimmern um Körperwahrnehmung, das "Stopp!-Sagen" und die Zivilcourage. "Nehmen Sie das an", forderte Karin Stark.

Kreissozialdezernent Alfred Schmid will Nachhaltigkeit, kein Strohfeuer

Kreissozialdezernent Alfred Schmid und Kreisjugendamtsleiter Wolfgang Trede versicherten, das Thema "Kein Missbrauch" auch sechs Jahre nach der Gründung des Aktionsbündnisses auf der Agenda zu behalten: "Die Akteure haben nie auf ein Strohfeuer gesetzt, sondern auf Nachhaltigkeit." Solange in jedem Klassenzimmer ein, zwei Betroffene von sexueller Gewalt säßen und "oft keine Woche vergeht, wo das Thema nicht unschöne Schlagzeilen schreibt", gebe es dafür jeden Grund.

Am Ende der Veranstaltung gab es langanhaltenden Applaus. Und im Heimgehen meinten Teilnehmerinnen ins gegenseitige Gespräch vertieft: "Die haben das mal wieder klasse gemacht. Man merkt denen an, dass sie Erfahrung haben, gute Referenten und echt was vom Thema verstehen." Größer kann ein Kompliment kaum ausfallen.

Weitere Infos: http://www.speak-studie.de