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Sindelfinger Unfallforscher sind seit 50 Jahren auf Achse

Unfallforschung im Werk Sindelfingen feiert 50. Geburtstag - Über 100 Mal im Jahr schwirrt siebenköpfige Truppe aus

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    Drei von sieben Mercedes-Benz-Unfallexperten an einem havarierten Kombi der Marke: Im Bild bewerten (von links) Uwe Nagel, Stefan Sellner und ihr Chef Heiko Bürkle tragende Bauteile und ermitteln den Überdeckungsgrad der beiden Fahrzeuge während der Kollision am verunfallten Fahrzeug Fotos: Dirk Weyhenmeyer/Daimler

"Sicherheit gehört von jeher zu unserer Marken-DNA", sagen die Ingenieure im Sindelfinger Mercedes-Werk. Um diesen Selbstanspruch zu untermauern, haben sie eine Unfallforschung geschaffen. Seit 50 Jahren schwirren die Experten aus, um reale Unfälle mit Mercedes-Beteiligung auszuwerten. Mit Akribie.

Artikel vom 04. November 2019 - 17:42

SINDELFINGEN. "Schrott sei Dank!" Mit diesem Motto, auf die große Anzeigentafel am neuen S-Klasse-Rohbau gebeamt, erinnern die Sindelfinger Autobauer an ein markantes Datum. Seit 60 Jahren schon schrotten sie Karossen in der Crashhalle. Zerbeultes Blech, das die Maßgaben des Gesetzgebers an Insassensicherheit erfüllen, besser: übererfüllen soll.

Genau diesem Ziel freilich dient auch das, was Daimler vor 50 Jahren auf den Weg gebracht hat. Eine eigene Abteilung, die immer dann auf Achse geht, wenn in Baden-Württemberg ein schwerer Unfall passiert, bei dem ein Unfallbeteiligter einen Stern auf dem Kühler hat. "UFO" für Unfallforschung kürzt sich die Sieben-Mann-Truppe ab - und genießt im Werk einen Ruf, der von viel Respekt zeugt.

Denn was die Männer und Frauen aus der Daimlerstadt antreibt und was sie aus lädierten Unfallautos herauslesen, dient einem Zweck: aktuelle Mercedes-Modelle besser zu machen. Erkenntnisse in die laufende Produktion und in die Konstruktion künftiger Modelle einfließen zu lassen. Dem Sherlock-Holmes-Auge der Unfallspurenleser entgeht so gut wie nichts, wie Medienvertreter kürzlich auf dem Daimler-Test- und Prüfgelände in Immendingen selbst mit ansehen konnten. "Gucken Sie hier", zeigt UFO-Chef Heiko Bürkle auf den Beifahrergurt eines schwer demolierten E-Klasse-Kombis. Hmmm, denkt sich der Laie. Was meint der Mann bloß? Doch Heiko Bürkles Finger am Gurtband tippt präzise auf eine Stelle, die am Einheitsschwarz des Lebensretters Nummer eins tatsächlich anders aussieht - ein wenig abgeriebenes Textil. "Das sind Anschmelzspuren, die uns zeigen, ob der Insasse angeschnallt war", erklärt Heiko Bürkle die Aufrauhung am Umlenkpunkt des Gurtes. Der Gurtstraffer habe beim Unfall "Reibungswärme erzeugt". Verblüffend, so ein geschultes Adlerauge. Nicht anders die Sichtung der aufgegangenen Airbags (auch per Auslese des Steuergeräts) oder der Pedalerie im Fahrer-Fußraum. Unfallverletzungen bei den Insassen werden korreliert mit den Schadensbildern am und im Auto.

Informationen aus Deformationen

Dass die UFO-Ingenieure seit fünf Jahrzehnten auf Reise gehen (seit 1972 auch deutschlandweit für Unfälle mit Nutzfahrzeugen), fußt auf einer Kooperation des Landes-Innenministeriums mit den Sindelfingern. Die Polizei hat deren Telefonnummern und E-Mail-Adressen. Ereignet sich irgendwo im Umkreis von 200 Kilometern um Sindelfingen ein schwerer Unfall mit Beteiligung eines aktuellen MB-Modells, können die Gesetzeshüter die Daimlerstadt-Detektive aktivieren. Tun sie auch öfters, nämlich etwa 100 Mal im Jahr in Baden-Württemberg - das schriftliche Einverständnis des Fahrzeughalters vorausgesetzt. 4700 Unfälle mit Mercedes-Beteiligung sind mittlerweile in der Datenbank gespeichert.

Natürlich sind die Unfallstellen in aller Regel längst geräumt, wenn die Sindelfinger UFO-Leute vor Ort eintreffen. Schließlich sind die Entfernungen groß. "Wir sind nur in maximal fünf Prozent aller Fälle direkt an der Unfallstelle", sagt Heiko Bürkle. Findet das aber nicht weiter schlimm, weil: Die Unfallfahrzeuge in der Werkstatt, in die sie verbracht wurden, gäben mit ihren Deformationen schon vieles an wertvollen Informationen preis.

Neben ihrem erfahrenen Blick bringen die Experten jede Menge Technik mit. Gerätschaften, die es ermöglichen, die verbeult-verbogene Karosseriestruktur in bis zu 4000 Einzelpunkten zu erfassen. Laser nehmen für dreidimensionale Skizzen bis zu 360 Grad auf. Über sie kann ein unbeschädigtes Mercedes- (oder Smart-)Modell gelegt werden. Mittels Überkopfstativ und Kamera werden 200 Aufnahmen gemacht, die zeigen, ob beispielsweise durch den Zusammenprall der Motorblock verlagert worden ist.

Welches Bauteil ist für welche Verletzung ursächlich? Müssen zum Beispiel Längsträger verstärkt werden? Wie effektiv waren beim Aufprall die Assistenzsysteme? Diese und viele andere Fragen dokumentiert die Daimler-Detektei. Mitarbeiter Stefan Sellner: "Wir arbeiten am Tablet sukzessive eine immens lange Checkliste ab, sind dabei online und übermitteln alle gewonnenen Daten sofort an unsere Research- und Development-Abteilung in Sindelfingen."

Motto: ständig besser werden

Danach wird der Unfallort aufgesucht, um den Unfallhergang auch bei Alleinunfällen zu rekonstruieren. Liegen alle Infos vor, wird die Kollision systematisch rekonstruiert. "Die Ergebnisse werden schließlich mit den Daten anderer Unfälle verglichen, sodass die Automobil-Ingenieure im Laufe der Zeit ein genaues Bild über typische Schadensmuster bekommen", heißt es in einer Daimler-Bilanz: So seien Erkenntnisse für die Entwicklung neuer, noch wirksamerer Schutzsysteme zu gewinnen: "Um ihre Neutralität als Forscher nicht zu gefährden, erstellen die UFO-Experten grundsätzlich keine Gutachten für Unfallbeteiligte oder als Sachverständige für die Justiz."

"Never stop improving", ständig besser zu werden - so laute das Motto, sagt Jochen Feese, Leiter der Unfallforschung, Sensorik-Funktionen und Fußgängerschutz. Jeder einzelne der im letzten Jahr getöteten 1424 Pkw-Insassen (von bundesweit 3275 Verkehrstoten) sei einer zu viel. Feese ist deshalb überzeugt, dass für die Daimler-Detektive noch auf Jahre hinaus viel zu tun bleibt. Ihre Erkenntnisse geben sie dabei gerne weiter. So haben sie in China und Indien Unfallforscher stationiert, mit denen sie per Augmented-Reality-Brillen an dortigen Unfallautos kommunizieren. Die Zahl der im Straßenverkehr pro Jahr ums Leben Gekommenen ist dort nämlich enorm hoch - zuletzt 64 000 in China, in Indien sogar 150 000.