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Zirkus Knie auf dem Flugfeld: So schuften die Arbeiter beim Aufbau

Bevor die Zuschauer ins Zirkuszelt strömen, muss Knochenarbeit geleistet werden - einen Tag lang Zirkusarbeiter im Selbstversuch

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    Red. KRZ-Foto:
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    Die heimlichen Helden: Reporterin Isabelle Zeiher unterstützt die Arbeiter vom Zirkus Charles Knie beim Zeltaufbau Fotos: Stefanie Schlecht
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    Gar nicht so leicht: Damit das Zelt steht, braucht es den vollen Körpereinsatz

In nicht einmal 24 Stunden bauen sie 14,5 Tonnen Stahl ab und in der nächsten Stadt wieder auf: Die Arbeiter des Zirkus Charles Knie sorgen für das nostalgische Zelt-Ambiente - selbst bei Regen und Schnee. Im Selbstversuch schnuppert unsere Reporterin einen Tag lang Zirkusluft.

Artikel vom 25. Oktober 2019 - 15:40

BÖBLINGEN/SINDELFINGEN. Die Hände glühen, der Atem geht schnell, die Armmuskeln sind angespannt. Als würde ich gegen einen Riese Tauziehen spielen, stemme ich mich mit meinen Beinen nach hinten ab. Reiße mit aller Kraft, auf die mein 1,63 Meter großer Körper zurückgreifen kann, an dem roten Stoffband. Die Plane am Ende des Bandes bäumt sich auf. Streckt sich. Ich greife schnell nach hinten, lasse das Seil in die Metallschlaufe einrasten. Stolz schaue ich nach oben: Ein Stück vom rot-weiß gestreiften Zirkuszelt auf dem Flugfeld steht.

Viel Zeit, um mein Kunstwerk zu bewundern, bleibt mir nicht. Meine Kollegen rennen schon zum nächsten Pfeiler. In ein paar Stunden muss alles stehen, 14,5 Tonnen Stahl. Seit sechs Uhr arbeiten die 28 Fachkräfte. Direkt nach der Vorstellung in Ehingen bei Ulm sind die insgesamt 40 Wohnwägen der Artisten und Arbeiter und 60 Transporter mit Tieren und Material losgerollt. Um zwei Uhr sind die letzten im 108 Kilometer entfernten Böblingen angekommen. Viel Schlaf hat das Team nicht abbekommen.

"Wir sind circa eine Stunde im Verzug", sagt der Zeltmeister Ionut Calin. Bereits die dritte Tasse Kaffee trinkt der 30-Jährige an diesem Morgen. "Das ist meine Energiequelle." Er verantwortet den ganzen Aufbau. Wenn etwas kaputt geht, oder nicht richtig montiert wird, fällt die Schuld auf ihn zurück. "Das mag ich gar nicht. Ich muss meinen Jungs vertrauen", sagt Calin, "ich kann ja nicht jeden Schritt überwachen."

Mit der Zeit weitet sich mein Aufgabengebiet aus. Ich darf das Zelt mit einem Motor per Knopfdruck langsam hochfahren lassen. "Wenn ich Stop sage, musst du sofort anhalten. Verhängt sich ein Seil, könnte sonst alles auseinanderreißen", sagt Calin. Der Druck ist groß, aber meine Motivation noch größer - alles klappt, das Zelt steht.

Amtssprache unter den Arbeitern ist Rumänisch - ich versteh kein Wort

Auch wenn ich gefühlt mehr im Weg stehe, als zu helfen, lassen mich die Männer weiter unterstützen: Bühnenbeleuchtung putzen, Knoten um die Stangen binden, Schaltknüppel bedienen - langweilig wird es nicht. Im Gegensatz zu meinen sind die Griffe der Arbeiter routiniert und schnell. Jeder weiß, was er zu tun hat und wie er die Aufgaben am schnellsten erledigt. Seit März arbeitet das Team aus Technikern, ehemaligen Autolackierern und Autodidakten zusammen - Böblingen ist dieses Jahr ihr letzter Halt. Viele kennen sich schon von den vergangenen Saisons beim Zirkus Knie oder arbeiten schon mehr als zehn Jahre dort.

Der Baustellen-Lärm, das Zippen von Gabelstaplern, die dumpfen Schläge, wenn etwas auf den Boden geworfen wird und die schrillen Klänge, wenn Metall auf Metall rauscht - alles geht in lauten Rufen unter. Die Stimmen der Arbeiter dominieren. Der Umgangston ist rau, ab und an wird laut geschimpft, aber auch gelacht. Ich verstehe kein Wort. Die Witze gehen an mir vorbei. Rumänisch ist hier Amtssprache und ich bin ihr nicht mächtig.

Wenn die Jungs mit mir reden, ändert sich ihr Ton. Sie sind hilfsbereit, lächeln, loben mich, als ich den "viel zu schweren" Metallstab selbstbewusst durch die Gegend trage. Ich fühle mich wohl in dem Team. Weiblichen Besuch seien sie nicht gewohnt, sagt der Technische Leiter Mirjan Mavriqi. Bisher gab es lediglich eine weibliche Arbeiterin, und die war für die Wildtiere verantwortlich. Ich versuche, mit den Männern mitzuhalten. Meine Arme werden aber mit jeder Metallstange schwerer. "Früher hatte ich noch Muskelkater, wenn ich den ganzen Tag getragen habe", sagt Ionut Calin, "das ist jetzt nur noch zu Saisonanfang so."

Erstmal eine Pause. Marek Jama nimmt mich unter seine Fittiche. Der Tiertrainer geht mit mir zu einem Transporter und öffnet die Türen. Er reicht mir eine Leine, an der ein Lama hängt. Es kommt mir so vor, als würde es mich mit seinen gelben Zähnen breit anlächeln. Es heißt "Kleine" und schaut mich mit großen Kulleraugen an. Nachdem das Lama in seinem Gehege ist, geht es für mich zu Uganda und Kenia - den zwei Zebra-Ladys, denen ich Wasser in die Tränke fülle.

Hinter mir versammelt sich eine Kindergarten-Gruppe. Die jungen Zuschauer schauen fasziniert zu den Zirkustieren. Auch nach einer Viertelstunde noch. "Wir lieben unsere Tiere", sagt Ionut Calin. Aber geht es ihnen auch gut? "Natürlich. Man darf nicht immer pauschalisieren. Es gibt in jeder Branche gute und nicht so gute Unternehmen. Zirkus Knie ist eines der guten." Ein schwieriges Thema, denke ich mir. Die Tiere sehen nicht so aus, als würde ihnen etwas fehlen, und der Tierlehrer Marek Jama kümmert sich liebevoll um seine Schützlinge. So der Eindruck für den Moment.

Calin legt gerade Gummi-Matten in der Manege aus - damit die Tiere sich beim Auftritt nicht verletzen. Der Raum nimmt langsam Form an. Das Gerüst für die Sitzbänke steht fast. Es riecht nach Bauernhof, Pferden und Sägespänen. In 24 Stunden werden die ersten Zuschauer zur Premiere hereinschneien. Sie werden lachen, Popcorn naschen und entspannt auf den Klappsitzen hocken und die Show genießen. Den Applaus gibt es am Ende für die Artisten.

Die Arbeiter sind die Artisten im Dunkeln

Calin und sein Team stehen im Schatten. Das Scheinwerferlicht gehört den anderen. Die Arbeiter sind die heimlichen Helden, die Artisten im Dunkeln. Auch wenn sie während der Show durchaus ihre Aufgaben haben. "Manche von uns übernehmen das Scheinwerferlicht, andere räumen in schwarzen Klamotten die Requisiten der Artisten zurecht", sagt der Technische Leiter Mirjan Mavriqi. Neid oder Frust, dass nicht die Arbeiter den Applaus bekommen, sondern die Artisten, gibt es nicht. "Keiner ist besser als der andere", sagt Calin, "wir sind gleichwertig. Die Arbeiter meistern den Aufbau zwar alleine, aber die Artisten unterstützen uns auch. Ich glaube, die Zuschauer würdigen unsere Arbeit auch."

Wenige Stunden später ist die geschafft. Es war ein guter Aufbau, bei gutem Wetter, so die allgemeine Resonanz. Schnee und Regen seien kein Problem. "Aber bei Sturm ein Zelt aufzubauen, ist der Horror. Das macht keinen Spaß", sagt der Zeltmeister.

Wenig Schlaf und lange Arbeitstage - warum sollte man da im Zirkus arbeiten?

"Es gibt wirklich viele Nachteile. Man hat keine Ferien und arbeitet die ganze Zeit. Die Sache mit ,Ich kann die ganze Welt bereisen' ist auch Quatsch, meistens ist man am Zeltplatz", sagt der Betriebsleiter Rudi Altdorf, "aber man sieht seine Familie solange und so oft, wie man möchte. Das ist wirklich ein großer Pluspunkt. Ich bin in einer Zirkusfamilie groß geworden. Für mich wäre niemals ein Job woanders in Frage gekommen."

Ein langer Tag liegt hinter den Arbeitern. "Ich gönne mir jetzt erst mal ein saftiges Steak. Das habe ich verdient", freut sich Altdorf. "Und ich werde mit meiner Frau und meiner Tochter Böblingen anschauen", sagt Calin. Viel Freizeit bleibt jedoch nicht. Um neun Uhr am nächsten Tag geht es auch schon weiter. Stühle waschen, defekte Geräte reparieren, Bürokram erledigen. Und dann kommen auch schon die Zuschauer.