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Zu viele Gänse: Insel im Oberen See soll weichen

Eiland dient ungeliebten Tieren als Brutplatz und soll deshalb verschwinden - Flachwasserzone geplant

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    Um die Gänseplage in den Griff zu bekommen, muss die Insel wohl weichen / Foto: Eibner/Drofitsch

2014 haben sich Graugänse am Oberen See angesiedelt, und es wurden immer mehr. Im Sommer 2019 tummelten sich dort rund 100 Tiere, die auf Wegen und Spielplätzen massenweise Kot zurückließen. Alle Gegenmaßnahmen fruchteten bislang nicht. Nun soll die Insel weichen, denn für die Gänse ist sie ein wichtiger Brutplatz.

Artikel vom 22. Oktober 2019 - 18:02

BÖBLINGEN. Eines der beliebtesten Bildmotive bietet Böblingen am Oberen See. Die Perspektive vom Bootshaus in Richtung Stadtkirche, links die Wandelhalle, rechts die kleine Insel, diente vielen Fotografen bereits häufig als Vorlage für eine atmosphärische Aufnahme. Doch das Eiland könnte bald der Vergangenheit angehören, denn die Stadtverwaltung plant, die Insel zu versenken.

Seit 2014 kämpfen die Rathaus-Verantwortlichen gegen die Ausbreitung der Gänse - keine ganz leichte Aufgabe. Der erste Appell geht stets an die selbst ernannten "Tierfreunde", die Gänse auf keinen Fall zu füttern. Was aber, wie die Erfahrung zeigt, wenig fruchtet. Die rabiateste Methode, die überzähligen Tiere abzuschießen, wäre im Herbst und Winter in Baden-Württemberg zwar zulässig, ist im Stadtgebiet aber nicht machbar. Außerdem überwintern die Tiere eh in südlichen Gefilden. Den brütenden Gänsen die Eier wegzunehmen beziehungsweise sie mit Attrappen zu tauschen, ist wiederum naturschutzrechtlich nicht gestattet. Also konzentrierten sich die Stadtverantwortlichen bislang darauf, durch Veränderungen in der Ufergestaltung den See für die Gänse unattraktiver zu machen - mit durchwachsenem Erfolg.

Immerhin für eine gewisse Eindämmung sorgte eine Maßnahme auf der Insel im Winter 2016/17, nämlich die üppigen Büsche dort zu roden. An dieser Stelle brüten die Gänse gerne ihre Jungen aus, durch den Radikalschnitt der Sträucher verlor der Platz an Anziehungskraft für die Tiere - doch leider nicht nachhaltig. Denn inzwischen ist nicht nur die Insel wieder komplett bewuchert, parallel haben sich die Gänse erneut ordentlich vermehrt. Gerade in diesem Sommer klagten Anrainer einmal mehr über die zahllosen Vögel und ihre Hinterlassenschaften, seit geraumer Zeit haben sich zu den zahlreichen Graugänsen einige wenige Nilgänse und sogar eine Kanadagans gesellt.

Nun geht das Tiefbau- und Grünflächenamt der Stadt Böblingen in die Offensive. Abteilungsleiterin Barbara Mischke stellte zuletzt im Umweltbeirat des Böblinger Gemeinderats die aktuellen Überlegungen vor. "Wir sind ja schon eine Weile an dem Gänsethema dran", sagte Mischke. Und damit sei man auch nicht allein, andere Städte hätten ebenfalls zu kämpfen - ohne dass bislang jemand das Allheilmittel gefunden hätte. "Leider gibt es keine Superlösung, die wir aus einer anderen Stadt übernehmen können", so Barbara Mischke, "wir haben für die Insel nun drei Varianten erarbeiten lassen und favorisieren eine davon."

Holger Kappich vom Stuttgarter Planungsbüro Geitz und Partner stellte die Möglichkeiten im Umweltbeirat vor. "Da die Bejagung und der Eiertausch nicht machbar sind", erläuterte Kappich, "müssen wir die Brutmöglichkeiten auf der Insel einschränken." Dies haben alle drei vorgeschlagenen Maßnahmen zum Ziel. An diesem Mittwoch berät der Ausschuss für Technik, Umwelt und Straßenverkehr über die Umgestaltung und empfiehlt dann eine Lösung an den Gemeinderat, der wiederum am 6. November das letzte Wort hat.

 

Variante 1 - Steininsel mit Wasserfontäne: Bei dieser Variante würde die Insel um 40 Zentimeter abgetragen und mit groben Kieseln sowie großen Steinen bedeckt werden. Auf der Insel soll dann eine Wasserfontäne installiert werden, die - vor allem bei Beleuchtung - die Gänse vergrämen würde. Die Kosten schätzen die Planer auf etwa 230 000 Euro, also relativ hoch.

 

Variante 2 - Insel für Menschen und andere Tiere zugänglich machen: Durch große Trittsteine, die man zwischen Ufer und Insel ins Wasser legen würde, könnten Menschen auf die Insel gelangen, aber auch tierische Gänse-Feinde wie Fuchs und Marder. Welche Folgen dieser Plan aber wiederum für die Insel und die Umgebung haben könnte, wenn dort womöglich "Party gemacht" wird, blieb offen. Kostenpunkt: etwa 140 000 Euro.

 

Variante 3 - Umgestaltung zu einem Unterwasserbiotop: Bei dieser Variante muss die Insel weichen. Mit dem abgetragenen Material könnte man eine 15 Meter breite Flachwasserzone anlegen, die vom Ufer zum See hin tiefer wird. Diese Fläche würden die Experten mit Röhrichten und Schwimmblattpflanzen gestalten. Für Fische und andere Gewässer-Lebewesen würde so ein idealer Laichplatz entstehen, Boote müssten allerdings außenrum fahren. Diese Maßnahme käme auf etwa 180 000 Euro Kosten.

 

Die Planer setzten alle Vor- und Nachteile der drei möglichen Maßnahmen in eine Bewertungsmatrix ein, worauf die Variante 3 die meisten Punkte erhielt, nur knapp vor Variante 2. "Wir halten nach heutigem Wissensstand die Variante 3 für die erfolgversprechendste Umgestaltung", fasste Holger Kappich zusammen. Sowohl hinsichtlich der Gänse-Abwehr als auch des ökologischen Nutzens sei das Umwandeln der Insel in ein Unterwasserbiotop eine gute Lösung.

Der Nachteil liegt auf der Hand: Die Böblinger müssten sich an einen insellosen Oberen See gewöhnen - auch nicht einfach.