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Daimler-Knoten: Autofahrer jubilieren, Radler protestieren

Daimler-Knoten ist nach halbem Jahr Bauzeit offiziell eröffnet worden - Sind Bordsteine an Straßenquerung Gefahrenquelle?

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    Eine Seite abgeflacht, die andere mit einem acht Zentimeter hohen Bordstein versehen: Die Straßenübergänge am Daimler-Knoten irritieren Radfahrer. Und bergen eine Sturzgefahr Foto: sd

Freigegeben ist der Daimler-Knoten zwischen Böblingen und Dagersheim bereits seit Ende September. Am Mittwoch wurde die verkehrsumtoste Kreuzung nun offiziell eröffnet. Die Pkw- und Lkw-Fahrer sind mit ihr zufrieden. Die Radfahrer nicht. Halbseitige Bordsteine an den Querungen machen sie als Gefahrenquelle aus.

Artikel vom 17. Oktober 2019 - 15:40

BÖBLINGEN. Eigentlich sollte die Verkehrsdrehscheibe zwischen Böblingen und Dagersheim, der Böblinger Hulb und dem Sindelfinger Daimler schon 2017/18 saniert werden. Vor allem die Reifen des Schwerlastverkehrs hatten große Teile der Fahrbahndecke in Mitleidenschaft gezogen. In zwölf Zentimeter hohen Spurrillen sammelte sich Regenwasser. Doch dann hat sich der Landkreis entschieden, erst die Herrenberger Straße Richtung Ehningen, B 464 und die Autobahn instand zu setzen und die Daimler-Kreuzung zu schieben, weil: "Zwei Großbaustellen gleichzeitig - so einen Umleitungsverkehr konnten wir niemandem zumuten", sagte zur Eröffnung des Riesenbauwerks Landrat Roland Bernhard.

Ein Bauwerk, das halten soll. Dauerhaft und nicht nur zehn, 15 Jahre. Deshalb ist der täglich mit 28 000 Fahrzeugen - davon 3650 Lkw über 3,5 Tonnen - hochbelastete Knoten in Beton ausgeführt worden. 6000 Quadratmeter, 26 Zentimeter dick, hat die Spezialfirma Eurovia vor Ort gegossen; zumeist mit einer Spezialmaschine, teilweise "von Hand". Das mit Polypropylen-Fasern (gegen Rissbildung) verstärkte Material "hält Jahrzehnte", versicherte der Kreischef. So schnell wolle man an die vor allem für den Daimler und dessen Schichtverkehr gebaute Trasse nicht wieder ranmüssen.

Allein die nackten Daten für die großteils unter laufendem Verkehr umgebaute Kreuzung sind beeindruckend. Zu 6000 Quadratmeter Beton addieren sich 8000 Quadratmeter neuer Asphalt, 1,5 Kilometer Bordsteine, ein Kilometer Schutzplanken und Betonschutzwände. Die Ampelanlage ist komplett neu, die Beschilderung auch. Allein dafür seien 4,5 Kilometer Kabel mit 17 neuen Masten verbunden worden, sagt Wolfgang Behrens, technischer Bauleiter.

Als Randepisode einer im Großen und Ganzen höchst erfolgreichen (Um-)Baugeschichte nannte Roland Bernhard die jüngste Nachbesserung. Aufgrund eines Fehlers des Planungsbüros war der Rechtsabbieger von Dagersheim auf die Hulb nicht breit genug ausgeführt worden. Das ist nun behoben und kostet laut Straßenbauamtsleiter Jörg Aichele 10 000 bis 15 000 Euro mehr. Angesichts eines eingehaltenen Zeit- und Kostenplans für den Landrat ein verschmerzbarer Mehraufwand. 3,1 Millionen Euro musste der Landkreis aus seiner Schatulle nehmen, um die Kreuzung zu sanieren. Eine Million Euro kommen von der Stadt Sindelfingen, weil sie mit dem Umbau die Brücke über die Schwippe ertüchtigt und modernisiert hat.

Erstmals habe das Vermessungsamt für Aufmaße, Abrechnungen, Massen, Höhenabwicklungen und Ähnliches eine Drohne eingesetzt. "Das hat sich angesichts der Komplexität der Aufgabe bewährt", so Jörg Aichele unter Applaus, als Baubeteiligte das Band zur Eröffnung durchschnitten.

Läuft's blöd, liegt man auf der Nase

Keinen Applaus indes gibt es seit der Wiederinbetriebnahme von Radfahrern. Konnten sie bisher die vierspurige Straße eben queren, wurden die Furten mit ihren Mitteninseln jetzt zweigeteilt. Die eine Hälfte ist auf Fahrbahnniveau abgesenkt, die andere steigt bis auf einen acht Zentimeter hohen Bordstein an. Für die Radlerfraktion sei das eine unnötige Gefahrenquelle, kritisiert Roland Schmitt, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Böblingen. Auch ADFC-Kreischef Peter Grotz haben Protestmails von Pedaleuren erreicht. Bestenfalls habe man bei Kontakt mit dem Bordstein einen Platten und eine verbogene Felge; schlimmstenfalls einen schmerzhaften Sturz.

Wer die Situation vor Ort beobachtet, sieht: Radpendler murren (auch über zu lange Ampelgrün-Wartezeiten), Ortsunkundige sind irritiert, wie herum sie um die Ampelmasten fahren sollen - vor allem, wenn Radler in Gruppen kommen, Gegenverkehr die Wegbreite verschmälert. Regen und Dunkelheit, im Winter Schnee, Ablenkung durch abbiegende Fahrzeuge sind weitere Gefahrenmomente, die vorgebracht werden. Das Argument Dunkelheit akzeptiert Bauleiter Wolfgang Behrens nicht. Die Kreuzung mit ihren LED-Masten sei nachts taghell beleuchtet "wie sonst nur Postabfertigungszentren".

Die erhöhten Bordsteine hat der Landkreis auf Wunsch der Stadt Böblingen einbauen lassen. Sie sollen sicherstellen, dass auch Blinde und Sehbehinderte eine Grenze mit ihrem Stock ertasten können. Taktile Leiteinrichtungen für Seh-Gehandicapte - Steine mit Rillen und Punkten - sollen nachgerüstet werden. Die akustischen Signalgeber unterhalb der Ampelmännchen würden auch noch in Betrieb genommen, heißt es mit Verweis auf zwei Bushaltestellen in der Nähe, deren Borde für Niederflurbusse optimiert worden sind.

Sehbehinderte, Blinde, Rollstuhlfahrer, Rollator-Nutzende - es gelte, alle Verkehrsteilnehmer im Blick zu haben, Auflagen des Gesetzgebers Rechnung zu tragen, so der Landrat. Die Kritik der Radler sei freilich angekommen, will er "die Sache in den nächsten Wochen beobachten", seinen Radfahrbeauftragten Marcel Haas einbinden. Er schlägt Vor-Ort-Gespräche mit dem ADFC vor: "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Jetzt bringen wir Piktogramme auf und schauen, was mit Farbe zur Problemlösung geht." Ob das den Knoten durchschlägt? ADFCler Grotz ist verärgert: "Ein Problem in Böblingen ist durchgängig, dass man zwar in Worten den Anteil am Radfahrverkehr steigern will, die Maßnahmen aber an der Ernsthaftigkeit zweifeln lassen."