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Weil im Schönbuch schafft weiteres Nebaugebiet in den Lohwiesen

Mit drei Stimmen Mehrheit stimmte der Gemeinderat für das 1,7 Hektar große Neubaugebiet

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    Markante Hochstämme von Äpfeln und Birnen dominieren das Landschaftsbild am Ortsrand - noch

Weil im Schönbuch wächst weiter: Mit den 16 Hektar beim Bäumlesweg und den zwei Hektar bei den Neuweiler Pfadäckern soll es noch nicht genug sein in Sachen Wohnungsbau. Hinzu kommen nochmal 1,7 Hektar im Osten der Fleckertsiedlung. Das hat der Gemeinderat am Dienstag mit knapper Mehrheit beschlossen.

Artikel vom 17. Oktober 2019 - 12:22

WEIL IM SCHÖNBUCH. Ein lauer Herbstwind fächelt Kühle zu, die letzten Birnen und Äpfel glänzen im Abendlicht. Kein Autoverkehr dringt ans Ohr, stattdessen läuten von Ferne die Glocken der Martinskirche. So geht es zurzeit zu in den Lohwiesen von Weil im Schönbuch - auf halber Höhe über jenem Feldweg, der zur Kläranlage führt und in dessen Kehre die Holzbarone von Weil im Schönbuch ihre Scheite zu meterhohen Stapeln aufgetürmt haben.

Doch das soll sich ändern. Das 1,7 Hektar große Terrain am östlichen Ende der Fleckertsiedlung ist Bauerwartungsland, und die "Ostendstraße" dort wird künftig ihren Namen nicht mehr zu recht tragen. Zwei Parallelstraßen kommen dann im Osten der Ostendstraße dazu, die wie eine überdimensionierte Stimmgabel von der Lauhwiesenstraße im Norden abzweigen und über eine gemeinsame Ausfahrt nach Süden in den Wendehammer beim Herdweg einmünden.

Dann wird freilich auch Schluss sein mit der Idylle des Weilemer Weltenendes - denn das Neubaugebiet "Lohwiesen" soll mitten hinein gepflanzt werden in den angrenzenden Streuobstwiesengürtel mit seinen 23 zum Teil sehr stattlichen Hochstämmen, die fallen werden.

Nachdem die Eigentümer der elf betroffenen Grundstücke ihre Mitwirkungsbereitschaft signalisierten, hatte der Gemeinderat vor ziemlich genau einem Jahr die Verwaltung beauftragt, die Planung für das Gebiet voranzutreiben. Am Dienstag selbst fiel nun der Beschluss zur Aufstellung des Bebauungsplans äußerst knapp aus: zehn Jastimmen standen sieben Neinstimmen (Grüne und UBW) und einer Enthaltung (Wolfgang Ehrmann, CDU) gegenüber.

Zuvor hatte Manfred Mezger vom beauftragten Erschließungsträger, dem Büro mquadrat aus Bad Boll, die Pläne des Vorentwurfs erläutert. Zugrunde liegt dem Bebauungsplan, der im beschleunigten Verfahren ohne begleitenden Umweltbericht aufgestellt werden soll, der Paragraph 13b des Baugesetzbuches: Ein Instrument, das es den Gemeinden erleichtern soll, vorwiegend auch günstiges Wohnbauland jenseits des Flächennutzungsplans auszuweisen. Dies trifft für den östlichen Teil des Neubaugebiets Lohwiesen zu. Weil diese Gesetzesvorlage Ende des Jahres abläuft, so Mezger, müsse ein Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan jetzt erfolgen. Auf den naturschutzrechtlichen Ausgleich könne im beschleunigten Verfahren verzichtet werden, ein Artenschutzgutachten sei indes Pflicht.

Günstig wird die neue Weiler Wohnlandschaft freilich nicht: Auf den Lohwiesen sollen ausschließlich Einfamilienhäuser und Doppelhäuser mit maximal je zwei Wohneinheiten entstehen - Zielgruppe ist da eher eine ausgesprochen betuchte Klientel. Das liegt erstens an der exquisiten Lage am Ortsrand; zweitens am nach Süden immer stärker abfallenden Gelände, was die Erschließung erschwert. Drei bis vier Höhenmeter pro Bauplatz müssen dort überwunden werden. Und weil es im näheren Umfeld keine ausreichenden Kapazitäten im Entwässerungsnetz gibt, muss ein Misch- und Regenwasserkanal gebaut und voraussichtlich bis hinab in den Talgrund des Totenbachs geführt werden - was die Kosten zusätzlich treibt.

Neubaugebiet soll enormem Wohnungsdruck entgegenwirken

Im oberen, nördlichen Teil sind 20 Bauplätze für Einzel- und Doppelhäuser vorgesehen, dazu gehören am Westrand vier Bauplätze für alleinstehende Wohnhäuser und in der Mitte zehn kleinere in der Größenordnung von plusminus 400 Quadratmetern. Der östliche und südliche Abschnitt gibt nochmals rund zehn Bauplätze her. Für jeden Baukörper wird der Ausbau von zwei Vollgeschossen vorgeschrieben; ein Verbot von Graugärten und die Einbaupflicht für Zisternen sollen ebenfalls in den Bebauungsplan hineingetextet werden.

Bürgermeister Wolfgang Lahl stellte nochmals die Notwendigkeit für den Aufstellungsbeschluss heraus. Der Wohnungsdruck in der Region sei enorm. Selbst wenn alle Kommunen alle verfügbaren Flächen ihrer Nutzungspläne einbrächten, ließe sich damit noch nicht einmal der Eigenbedarf decken. Kämmererin Kathrin Böhringer betonte, dass "täglich zehn" Anfragen nach Bauplätzen auf ihrem Schreibtisch landen. Wer jetzt zurückziehe und das Vorhaben ausbremse, schlussfolgerte Bürgermeister Lahl, schicke Familien, denen Weil ans Herz gewachsen ist, in die Fremde. Zudem bleibe die Gemeinde dann auf den Kosten für die bisherigen Planungen sitzen. Für ihn handelt es sich bei den Lohwiesen auch um "keine gewalttätige Ausweitung unserer Gemeinde".

Eine Argumentation, die Klaus Heydenreich (Grüne) so nicht gelten lassen wollte: Ein neuer Gemeinderat sei inzwischen am Start, der auch Nein zu Vorplanungen sagen dürfe, selbst wenn dies dann Kosten verursache. Seine Fraktion sehe sehr wohl den besonderen Wohnbedarf, "aber nicht für diese Preisklasse". Das große Baugebiet Weil Mitte/Bäumlesweg für 1000 Menschen biete genügend geeignete Grundstücke auch für junge Familien der schwächeren Einkommensklassen und solle lieber forciert werden, anstatt die Lohwiesen anzutasten. "Hier lohnt es sich zu investierten. Aber man baut eine Gemeinde nicht dort aus, wo man die Natur am meisten verletzt und die höchsten Kosten hat." Als Gemeinderat stehe er in der Pflicht, das Gesamtwohl der Gemeinde im Auge zu haben und nicht das Wohl einzelner Grundbesitzer, mahnte er.

Seine Fraktionskollegin Dorothe Belser stieß ins selbe Horn: Mit den Lohwiesen werde "dem letzten verbliebenen Investment ins Betongold" Vorschub geleistet. Die Arbeitsplatzentwicklung in der Region könne in Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs aber nicht einfach geradlinig nach vorne verlängert werden. Ihre "Horrorvision": ein leer stehender Großraum Stuttgart mit vielen Neubauten aber keinerlei Streuobstwiesen und kaum noch Natur.

Am Ende bekam Wolfgang Lahl mit zehn zu sieben Stimmen die Mehrheit hinter sich: "Das eine tun, heißt nicht, das andere lassen", resümierte er mit Blick auf das zusätzlich zum Bäumlesweg nun auf den Weg gebrachte Neubaugebiet Lohwiesen etwas abgekämpft.

Parallel zum Bebauungsplanverfahren wird die Umlegung der Grundstücke in Angriff genommen; hierfür ist am Dienstag aus den Reihen des Gemeinderats ein Umlegungsausschuss gegründet worden.