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Sindelfinger Fotograf: Diamententauchen im Amazonas

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    Auf dem Umschlag ist Norbert Frick als Taucher im Wasser. Eines der wenigen Bilder von ihm, weil er ja viel selbst fotografiert hat Fotos: Norbert Frick

Die Bilder von Fotograf Norbert Frick sprechen Bände: Schlangen, Piranhas, reißende Flüsse, Gefahren, die im Urwald lauern. Und das alles für eine Hand voll glitzernder Steinchen. In seinem Buch "Diamantentaucher" schildert Frick sehr persönliche Eindrücke.

Artikel vom 09. Oktober 2019 - 10:12

SINDELFINGEN. Norbert Frick ist vor Kurzem 75 geworden. Grund genug, einen Blick zurückzuwerfen, denn er hat einiges erlebt in diesen 75 Jahren. Seine abenteuerlichen Geschichten hat Frick in seinem autobiografischen Bildband "Diamantentaucher" zusammengeführt. Die zweieinhalb Jahre in Venezuela, "im Süden an der Grenze zu Brasilien im dichten Dschungel", ist wohl die abenteuerlichste Zeit gewesen.

Urwald pur: keine Zivilisation, keine Elektronik, nur die Natur um sich herum. "So weiß man erst das heutige Leben zu schätzen und den Überfluss sehr kritisch zu betrachten. Man kann mit viel weniger auskommen", erzählt Norbert Frick. Er ist gelernter Fotograf. Nach der Meisterprüfung machten sich er und sein Freund Lutz Fährmann mit 27 Jahren auf den Weg in den Urwald. Dort suchten sie nach Diamanten. Binnen Kurzem wurde aus "dem blutigen Anfänger ein Diamantfachmann, der genau gewusst hat, wo man die Steine finden kann". In den Flüssen Venezuelas nach Diamanten zu tauchen, war alles andere als ein Zuckerschlecken. Bei jedem Tauchgang riskierte Frick sein Leben.

"Im Meer sieht man zehn oder 20 Meter weit. Als ich das erste Mal in einen Fluss abtauchte, schaute ich in die Dunkelheit", berichtet Frick. Auch die Strömung machte dem Taucher zu schaffen. Da helfen auch keine Taucherlampen, denn sie wären davongespült worden. Ein Tauchgang konnte bis zu eineinhalb Stunden lang gehen. Die Strömung, im Wasser treibende Baumstämme und Strudel waren große Gefahren.

Glücksmomente

Jeder im Team hatte seine Aufgabe: Einer war am Tauchen, einer saß an der Leine und gab Signale nach unten, einer war an der Maschine. Mit einer Eisenstange klopfte der Taucher die Lavaschicht auf dem Boden des Flussbetts auf. Wenn er darunter gepressten Kies ertasten konnte, war das ein gutes Zeichen für Diamanten, so Frick. "Dann nimmt man eine Art Wasserstaugsauber, hält das Ende in das gegrabene Loch und gibt über das Seil ein Signal nach oben." Wenn die Kollegen oben im Sauggut Diamanten fanden, gaben sie die frohe Botschaft an den Taucher weiter. "Da gibt es extra Signale für ,wenig Steine, ,viele Steine, ,kleine Steine, ,große Steine. Da vergisst man alles, da hält man einfach nur auf das Loch", schwärmt Frick - und die Erinnerung an diese Glücksmomente entfacht noch heute ein Feuer in seinen Augen.

Den größten Fund, den er und sein Team machten, war ein ganzes Diamantennest. Er schmunzelt, als er sich an diesen Moment erinnert: "Das war genau unter einem Regenbogen. Das klingt so poetisch, aber das war wirklich so." Vor einem riesigen Fels buddelte das Team zwei Tage lang fünf Meter in die Tiefe, bis es auf die Lavaschicht stieß. Dann arbeiteten die Diamantentaucher ganze drei Tage und drei Nächte ununterbrochen. "Wir mussten dranbleiben", erklärt Frick. "Die Strömung haut einem sonst das Loch wieder zu. Uns hat's zum Schluss gefroren wie die Schneider. Das Wasser hatte 28 Grad, aber man hat es als eiskalt empfunden." Die Rohdiamanten nach dem Tauchgang in den Händen zu halten, beschreibt Norbert Frick als Gefühl wie bei einem Sechser im Lotto. Er entwickelte sich zum Diamantenexperten und konnte die hochwertigen Steine herausfiltern.

Über die Jahre wechselten die Teammitglieder, sodass der Sindelfinger immer wieder neuen Menschen begegnete. Periodenweise ist er auch mit Indios im Urwald umhergezogen: "Wir haben sehr viel von den Indios gelernt. Die haben uns gezeigt, wie man fischt und wie man jagt." Das Wichtigste war, "den Urwald auf keinen Fall zu unterschätzen". Durch die ständige Vorsicht werde der Überlebensinstinkt geweckt: "Man hat Ahnungen, wo man besser nicht hintritt, weil darunter eine Gefahr lauern könnte."

Die Erfahrungen, die Frick während seines Urwaldaufenthalts machte, prägten ihn für sein Leben. "Man war eigentlich immer unter Spannung. Selbst nach dieser langen Zeit habe ich noch Albträume, dass mich eine Schlange beißt. Ich habe all diese Geschichten aus meinem Kopf herausgeschrieben, weil das immer noch sehr aufwühlend ist", erzählt er. Was er erlebt hat, definiert der Fotograf als "angenehmes Trauma": "Wir wollten es ja so. Auch die schmerzhaften Dinge haben wir gewollt. Und wir haben es genossen. Wir wollten den Urwald körperlich erleben mit allen Konsequenzen."

"Ich fühlte mich eingesperrt"

Nach zweieinhalb Jahren hatte Norbert Frick genug von der Hitze, der Feuchtigkeit, den Moskitos, den ständigen Gefahren und von der ganzen Diamantensucherei. Später kehrte der Sindelfingen in den Urwald zurück, um Dokumentarfilme über die Indios zu drehen. Die Rückkehr in die Zivilisation empfand Frick als "schrecklich": "Ich konnte nicht mehr normal essen. Viele Sachen vertrug ich nicht mehr. Ich konnte nachts auch nicht im Zimmer bleiben; ich musste im Freien schlafen. Ich fühlte mich eingesperrt. Darüber hinwegzukommen habe ich lange gebraucht." An den Erfahrungen ist Frick gewachsen. Er sei reifer, geduldiger und ruhiger geworden, sinniert er.

Bei einem Fotografen durfte natürlich auch die Kamera nicht fehlen, damals noch eine analoge Kamera, eine Leica M 4. Schwierigkeiten bereitete ihm aber die hohe Luftfeuchtigkeit in den tropischen Wäldern: "Die Feuchtigkeit kam überall rein. Wenn ich ein paar Tage nicht fotografiert habe, hat der Film geklebt." Darum kamen die Filme in Aluminiumdosen mit Silicagel, das die Feuchtigkeit aufnahm. Ab und zu gab er sein Filmmaterial einem Missionar oder einem Indio mit, damit es nach Deutschland geschickt und nicht im Urwald zerstört wurde. "Ich habe nichts verloren, auch meine Liebesbriefe nicht, die kamen alle sicher daheim an. Das hat natürlich beeindruckt", lacht Frick - in Erinnerungen schwelgend.