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Die Stadtbücherei Waldenbuch setzt mit ihrer Leihbar auf die Bibliothek der Dinge

Gegengewicht zum Kaufzwang

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    In der Stadtbücherei von Waldenbuch hat die Leihbar eröffnet. Dort können Bürger ab sofort nicht nur Bücher ausleihen, sondern noch allerhand andere Sachen Foto: Stefanie Schlecht

Die Waldenbucher Bibliothekarinnen Anette Störrle und Susanne Dosch trauen sich mit der Mitarbeiterin Andrea Ehmann auf neues Terrain und setzen ein Exempel: Über ihre "Leihbar" vergeben sie ab sofort neben Büchern auch elektrische Geräte, Werkzeuge, Spielsachen und weitere Alltagsgegenstände.

Artikel vom 08. Oktober 2019 - 17:02

WALDENBUCH. "Letztes Jahr erfuhren wir von der Bibliothek der Dinge und fanden das auf Anhieb gut", erinnert sich die Bibliothekarin Susanne Dosch in der Stadtbücherei auf dem Kalkofen. Die langjährige Mitarbeiterin steht in der hinteren linken Ecke vor zwei Regalen, in denen allerlei Dinge zu sehen sind - nur nicht Bücher.

Stereoanlage, Slackline, Hängematte

Kaum zu übersehen finden sich dort stattdessen Stereoanlage, Slackline, Hängematte, Kindersitze, Schokobrunnen, verschiedene Werkzeuge, Sprach-Lern-Sets und weiteres "Zeugs", wie der Schwabe sagen würde. Alles ordentlich eingeräumt. Und auf jedem der Teile klebt ein Strichcode und gut erkennbar die Bezeichnung. Ein ungewöhnlicher Ort für Alltags-Gegenstände - und trotzdem gehören sie nun zum regulären Sortiment der Stadtbücherei.

Seit Anfang des Monats ist hier in der Forststraße die Leihbar - keine Bar im klassischen Sinn, aber eine in die Bücherei integrierte Ecke, aus der die Waldenbucher nun allerlei Dinge sich borgen statt kaufen können. In der Leihbar ist jeder Gegenstand mietbar. "Es wird Bargeld gespart und der nachhaltige Umgang mit Ressourcen geschult", sagt Bürgermeister Michael Lutz bei der Eröffnung. Die Stadtbücherei ergänzt damit in Waldenbuch anderweitige nachhaltige Angebote, die in den vergangenen zehn Jahren dazukamen, darunter das Repair-Café.

Mithilfe des Repair-Cafés lässt die Bücherei alle elektrischen Geräte vorab gründlich prüfen, bevor sie in der Leihbar landen. Denn bekanntlich gehen Elektrogeräte heute nach einer kürzeren Laufzeit kaputt als früher. Rund 44,7 Millionen Tonnen Elektrogeräte werden jährlich laut Global Waste Bericht 2017 der UN und des Weltwirtschaftsforums weggeschmissen. Selbst wenn, wie im Landkreis Böblingen, die Altgeräte ordnungsgemäß entsorgt und recycelt werden, so erfüllt das immer seltener die Nachhaltigkeitsziele (siehe Infokasten), die die Stadt verfolgt. Und in vielen Fällen werden Sachen nur kurzzeitig gebraucht, beispielsweise zu besonderen Anlässen. "Das Foto-Set und die Sofortbildkamera haben kürzlich ein Hochzeitspaar für ihre Feier ausgeliehen", freut sich die Bibliothekarin.

Woher das Konzept kommt

Der Vorgang ist denkbar einfach: Büchereikunden können die Gegenstände kostenfrei ausleihen, genau wie Bücher. Für NichtKunden ist dasselbe gegen eine Gebühr von fünf Euro machbar. Vorausgesetzt das Mindestalter von 18 Jahren ist erreicht. Online reservieren und leihen die Waldenbucher schon heute ihre Bücher. Ähnlich funktioniert der Vorgang mit der Leihbar, da alle Gegenstände im selben Verleih-System hinterlegt sind. Ein Blick in die Bestandsliste zeigt, dass derzeit vier der fünfzig Gegenstände ausgeliehen sind. Doch irgendwo muss der "Kruscht" doch aufbewahrt werden? "Wir haben einiges im Lager nebenan und im Keller untergebracht", sagt Susanne Dosch. Die Sachen, die nicht in das Regal passen, sind auf Bilder-Karten abgedruckt.

Im angelsächsischen Raum ist die Bibliothek der Dinge besser unter der Bezeichnung "Library of Things" bekannt. Und dazu gehören mehrere Leihläden, abgekürzt "Leilas" in New York, Toronto, Wien und London. In Deutschland gibt es sie in Bochum, Leipzig, Heidelberg, Karlsruhe und Berlin. Seit März 2019 sogar in Stuttgart-West. Nachdem die Bibliothek im Goethe-Institut Bratislava die Bibliothek der Dinge im April 2016 integrierte, werden nach und nach auch hierzulande Einrichtungen auf das Konzept aufmerksam.

Stadtbücherei Waldenbuch nimmt Vorreiterrolle ein

Zwei Büchereien in Süßen und Geislingen an der Steige folgten dem Beispiel. Und doch scheinen der Begriff und der Vorgang in Baden-Württemberg auf Nachfrage bei der Württembergischen Landesbibliothek noch weitgehend unbekannt zu sein.

Die Stadtbücherei Waldenbuch, eine vergleichsweise kleine Einrichtung, nimmt derzeit eine Vorreiter-Rolle im Landkreis Böblingen ein. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Nachfrage innerhalb eines Jahres entwickelt und ob die Stadtgesellschaft das Angebot annimmt.

     
   

 Hintergrund Initiative „Nachhaltiges Waldenbuch – Ich bin dabei“
 
        Neue Mitmach-Aktionen der Stadt sollen Kreise ziehen


    ■    Waldenbucher Tütle
Wer das Tütle – nach Holzgerlinger Vorbild – beim Einkauf verwendet, bekommt einen Stempel. Ab drei Stempeln gibt es im Museum der Alltagskultur ein Weckglas. Unternehmen, die mitmachen, bekommen einen „Ich bin   dabei“ - Aufkleber für?s Schaufenster. Eine Aktion in Kooperation mit dem Gewerbe- und Handelsverein.
 
    ■    Einkaufen ohne Plastik
Im EDEKA Hacker und in der Lidl-Filiale gibt es Netze statt Einweg-Knotenbeutel für Obst und Gemüse zur Reduzierung von Verpackungsmaterialien.

    ■    Ausstellung „Adieu Plastiktüte“
Das Museum der Alltagskultur zeigt in der Sonderausstellung ab dem 26. Oktober eine Sammlung von geschätzt 50?000 Plastiktüten aus der Zeit Mitte der 1960er Jahre bis um das Jahr 2010. Dazu gibt es Workshops (z.B. zum Thema Upcycling), Vorträge und Filmvorführungen.


    ■    Kampagne „Sauberes Waldenbuch – Mitmachen lohnt sich!“
Der Verband Dettenhausen-Waldenbuch „Handwerk, Technik, Natur“ versieht 100 städtische Mülleimer mit humorvollen Sprüchen, passend zur Umgebung. Spruch-Vorschläge nimmt Petra Eisele im Stadtmarketing entgegen. Ascher-Zusätze gibt es an ausgewählten Mülleimern. Derzeit wird nach einer Alternative zur Plastik-Mülltüte gesucht.
 
    ■    Stadtfest Frühlingserwachen
Verkaufsoffener Sonntag in der Altstadt mit Nachhaltigskeitsmarkt zum Thema Nachhaltigkeit und Mitmachangebote.
 
    ■    Coffee-to-go: BB-Pfandbecher mit RECUP-Pfand
Seit Februar 2019 gibt es den BB-Pfandbecher vom Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Böblingen; im Landkreis werden stündlich 1484 Einwegbecher weggeworfen. Das Ziel: Die Becherflut reduzieren und ein Zeichen gegen die Wegwerfmentalität setzen. Der Becher ist an das deutschlandweite Pfandsystem der Firma RECUP GmbH angeschlossen.
 
    ■    LEIHBAR – Stadtbücherei Waldenbuch
Das Leihbar-Konzept der Stadtbücherei gehört explizit zur Nachhaltigkeitsstrategie. Die ersten 50 Sachen sind mithilfe der Volksbank „Gewinnsparen“ finanziert worden. Jetzt ist die Bücherei auf Sachspenden angewiesen. Jeder darf mitwirken.
 
    ■    Informationen zur Initiative im Amtsblatt
In der Rubrik „Nachhaltigkeit in Waldenbuch“ in den Stadtnachrichten gibt es Berichte über verschiedene Aktionen mit Tipps und Alternativen zum Reduzieren von Plastikmüll.
 
Mehr Infos unter: www.waldenbuch.de
Ansprechpartner: Petra Eisele, Stadtmarketing, Telefon: (07157) 12 93 48 und
Desdemona Winkler, Nachhaltigkeitsbüro, Telefon: (07157)12 93 35. (red/tag)