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Leben am Limit: Ein Tag als Böblinger Feuerwehrfrau

Der Selbstversuch: Einen ganzen Tag in Feuerwehr-Klamotten zu verbringen, ist ganz schön anstrengend

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    Wer bei der Feuerwehr ist, muss anpacken und darf nicht zimperlich sein: KRZ-Redakteurin im Einsatz Fotos: Thomas Bischof/Archiv

Brennende Muskeln. Unkontrollierter Atem. Lauter Herzschlag. Schweiß. Und ein Gedanke: "Ach Isabelle, was um Himmels Willen machst du hier eigentlich?! Einen Tag lang Feuerwehrluft schnuppern natürlich.

Artikel vom 07. Oktober 2019 - 19:39

BÖBLINGEN. Ich spurte einen achtstöckigen Betonturm hinauf. Renne in zwölf Kilo schweren Feuerwehrklamotten, dicken Stiefeln und einem 15 Kilo schweren Atemschutzgerät auf dem Rücken. Sprinte, als würde ein Leben davon abhängen. Ein Wohnungsbrand im obersten Stockwerk des Gebäudes - und nur ich kann die Insassen retten. Zumindest in der Theorie.

In der Praxis verausgabe ich mich nur zur Übung. Im Gebäude brennt es nicht, kein Mensch in Gefahr, außer mir leidet niemand an Luftnot. Mein Outfit, rote Jacke mit Signalstreifen, gelber Helm, ist mehr Schein als Sein: Ich bin keine Feuerwehrfrau, sondern Zeitungsreporterin. Warum ich trotzdem so angezogen bin? Ich darf einen Tag lang Feuerwehrluft schnuppern, mit allem, was dazu gehört.

Das Rennen lässt sich inzwischen eher als Mitleid erregendes Kriechen betiteln. Endlich geschafft. Ich stehe auf dem Balkon und schaue die 20 Meter nach unten - hinter diese Aufgabe setze ich einen Haken. "Morgen werde ich einem grausamen Muskelkater erliegen, sage ich trocken und schaue zu meinem sichtlich entspannten Feuerwehrkollegen und Begleiter Tobias Wankmüller. Der lacht nur und sagt: "Ein paar unserer aktiven Freiwilligen trainieren hier." Zum Beispiel für den Frankfurter Messeturm-Skyrun oder den Rottweiler Thyssenturm-Lauf, der zuletzt erst wieder stattfand. Jeweils müssen die Einsatzkräfte die unzähligen Etagen in kompletter Brandschutzkluft erklimmen - für mich eine wahnwitzige Vorstellung!

Wer Feuerwehrmann werden will, muss sportlich sein. Die Hauptamtlichen sollten zweimal die Woche zirka 1,5 Stunden im Fitnessraum trainieren. Auch die Freiwilligen müssen fit sein. "Allerdings finden wir selbst für diejenigen eine Lösung, die nicht ganz so sportlich sind, sagt der Abteilungsleiter Jürgen Ernst und lächelt. Zur letzteren Gruppe gehöre dann wohl ich. Mir schwimmt immer noch ein wenig Übelkeit vom Turmerklimmen im Bauch herum. "Am wichtigsten ist es uns aber, dass man ein Teamplayer ist, ergänzt Ernst, "wir sind eine große Gemeinschaft und müssen uns aufeinander verlassen können. Auch nach Dienstschluss trifft sich die Crew. "Ich kann mir kein besseres Arbeitsklima vorstellen. Megalocker alles, und wir haben viel Spaß", schwärmt Marlene Geßlein, die einzige und vor allem die erste hauptamtliche Feuerwehrfrau in Böblingen.

Ich nutze die Chance, um sie nach typischen Survival-Tipps für Frauen in einer männerbesetzten Domäne zu fragen. "Es ist einfach ein kumpelhafter Umgangston. Dir darf so schnell nichts peinlich sein, und du musst auch mal einen blöden Spruch kontern können, erklärt sie mir, "wenn sich jemand vor unangenehmen Arbeiten drückt, weil er seine Nägel nicht kaputt machen möchte oder sich eben frisch geschminkt hat, kommt das natürlich gar nicht gut an. Es kommt sowohl auf den Typ Mensch als auf das Geschlecht an. Selbst ohne Feuerwehreinsatz hat das Team genug zu tun. Im Hof werden die ganz großen Geräte aufgebaut. "Bist du schon mal Drehleiter gefahren?, fragt mich Tobias Wankmüller. "Nein, gebe ich zu und schon stehe ich im Aluminiumkorb und rattere in die Luft. 23 Meter hoch. Was für ein Ausblick.

Wieder unten angekommen, wartet Daniel Rieß vor einem alten Auto auf mich. "Wir schneiden jetzt das Lenkrad ab." Er holt eine große Hydraulikschere aus dem Feuerwehrwagen. "Achtung, schwer!", warnt er mich, und schon zieht es meinen Arm nach unten. "Wenn ein Unfall auf der Autobahn passiert, ist die Feuerwehr auch da. Leistet erste Hilfe", erklärt Rieß, "es kann sein, dass die Verletzten zwischen dem Lenkrad eingeklemmt sind. Um uns oder dem Rettungspersonal mehr Platz zu verschaffen, haben wir unsere Geräte."

Jetzt erprobe ich den Ernstfall. "Immer schön mit der Maschine mitgehen", weist mich Marlene Geßlein an. Das Lenkrad knackt. Dreht sich langsam, aber stetig nach rechts, und plötzlich kracht es. Ich lege die Maschine schnell auf den Boden. "Und jetzt zieh es raus", fordert die junge Frau mich auf. Gesagt, getan - wenige Minuten später halte ich das Lenkrad in der Hand. Die alten Autos bekommen sie in der Regel von Schrotthändlern. Insgesamt verschleißen sie 20 Pkw pro Jahr. "An echten Wagen zu üben hilft, beim Einsatz schneller und besser reagieren zu können", erklärt Wankmüller.

Diese Übungen gehören zum Alltag der Feuerwehrmänner. Bis zu zwei Stunden täglich bilden sie sich weiter oder trainieren. Mir hat die Lerneinheit Spaß gemacht. Wenn ich aber an einen tatsächlichen Einsatz denke, bei dem man so viel beachten muss, und Menschenleben auf dem Spiel stehen, wird mir mulmig im Magen.

"Autobahnunfälle sind die schlimmsten", erzählt der Abteilungsleiter Jürgen Ernst, "teilweise ist von den Menschen nicht mehr viel übrig. Die Bilder die im Kopf bleiben sind schrecklich." Wie er diese Eindrücke bewältigt? "Ich gehe sachlich vor und überlege nicht, ob der Verletzte eine Frau und Kinder hat", sagt Ernst, "außerdem sage ich mir immer wieder, dass wir nicht Schuld an der Situation sind. Wir versuchen zu helfen."

Den Helm in der Feuerwehrwache liegen gelassen

871 Einsätze hatte die Feuerwehr in Böblingen im vergangenen Jahr. Das sind um die 73 im Monat, also durchschnittlich zwei pro Tag. In der Leitstelle gehen jährlich um die 173 000 Anrufe ein. Meistens sind es medizinische Notfälle. An diesem Tag ist es erstaunlich ruhig.

Gerade als sich die Männer zur Mittagspause niederlassen wollen, ertönt die Sirene. "Ein Feuermelder aus den Mercaden schlägt Alarm", dröhnt die Stimme von Stefan Dickgiessers durch die Lautsprecher. Er nimmt an diesem Tag die Anrufe in der Leitzentrale entgegen. Während ich in Hektik verfalle, zu meinem Feuerwehrklamotten haste und krampfhaft versuche, meine Hose über die Stiefel zu ziehen, sind die Jungs schon angezogen und im Löschfahrzeug. Mit offener Jacke und herabhängenden Hosenträgern klettere ich ins Auto. Während ich den Anschnallgurt suche und feststelle, dass es ihn nicht gibt, fällt mir auf, dass ich meinen Helm in der Kabine liegen gelassen habe. "Das müssen wir aber noch üben", sagt Tobias Wankmüller spöttisch.

Die Fahrt ist kurz und turbulent. Viele Autofahrer scheinen überfordert zu sein, wenn es darum geht, eine Rettungsgasse zu bilden. Wir werden kräftig durchgeschüttelt. Daniel Rieß und Gunter Grabein ziehen sich Atemmaske, Taschenlampe und Wärmedetektor an. Nach vier Minuten bleibt der Wagen vor den Mercaden stehen. Der Einsatzleiter rennt ins Gebäude, schaut sich erstmal um. Nach fünf Minuten die Entwarnung: Eine Fehlermeldung vom Feuermelder. Es geht zurück in die Wachstelle. Jederzeit alarmiert werden zu können, nie wirklich Feierabend zu haben, immer erreichbar sein, auch an wichtigen Familienfesten - das sind die Schattenseiten des Feuerwehrlebens. "Es gab schon Weihnachtsabende, da saß meine Familie auf einmal alleine da", erzählt Abteilungsleiter Jürgen Ernst.

Eine große Unterstützung sind die freiwilligen Feuerwehrmänner, die übernehmen den Bereitschaftsdienst ab 17 Uhr, wenn Ernst und die anderen 18 Hauptberuflichen den Helm an den Haken hängen. Um die 140 Freiwillige sind Mitglieder im Verein. Der harte Kern besteht aber aus 15 bis 25 Leuten. "Es wird immer schwerer, Nachwuchs zu finden", klagt Ernst, "dabei ist die Aufgabe wirklich vielfältig und abwechslungsreich. Wir tun Gutes."

Mein Tag als Feuerwehrfrau neigt sich dem Ende zu. Ich habe viel gelernt und ausprobiert. Bin erschöpft und verschwitzt. Das Wichtigste aber: Ich bin absolut zufrieden.