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Das Böblinger Häs ist die korrekte Wasen-Kluft

Trachtenjammer beim Volksfest: Bajuwarische Kleidung hat in Cannstatt nichts verloren, historisch korrekt wäre das Böblinger Häs

Derzeit sind sie wieder los: die Lederhosen-Buben und Dirndl-Mädchen, die aufs Volksfest nach Stuttgart strömen. Auch wenn die Kleidung nach Brauchtum aussieht, hat sie mit dem Cannstatter Wasen nichts zu tun. Wie wären Mann und Frau stilecht unterwegs? Zum Beispiel mit dem "Böblinger Häs" der Stadtkapelle.

Artikel vom 04. Oktober 2019 - 18:30

BÖBLINGEN/STUTTGART. Trachten sind ein spannendes wie gleichermaßen kniffliges Thema. Zwar stehen sie für Tradition, Brauchtum und regionale Verankerung, doch war diese Bekleidung auch stetem Wandel und diversen Einflüssen ausgesetzt. Speziell bayerische Lederhose und Dirndl haben in den vergangenen 150 Jahren viele modische Varianten erfahren, wurden politisch eingesetzt und als Marketing-Gag benutzt. Mit den Traditionen des Cannstatter Wasens hat diese Kleiderordnung jedenfalls nichts zu tun, sondern ist in ihrer ganzen Wucht erst in den letzten Jahren entstanden.

Dass heutzutage das Festzelt-Partyvolk geschnürt und kariert nach Cannstatt strömt, hat für den Trachten-Experten Gunter Dlabal einen nachvollziehbaren Grund: "Es geht um die Identifikation mit dem Fest und den anderen Feiernden, deshalb ziehen sich alle gleich an", sagt der Vorsitzende des Südwestdeutschen Gauverbands der Heimat- und Trachtenvereine. An sich habe er damit kein Problem, aber: "Mich ärgert es, wenn man das als Tracht bezeichnet", betont Dlabal, "das ist Event-Kleidung - nicht mehr und nicht weniger."

Wie müssten nun aber Hose, Jacke, Bluse und Rock denn aussehen, um historischen Ansprüchen beim Gang auf das Volksfest zu genügen? Auch wenn der Kreis Böblingen insgesamt gesehen beim Thema Tracht nicht gerade als Hochburg gilt, so gibt es doch vor Ort eine Variante, die sich sehen lassen kann: das Böblinger Häs (was nichts mit der Fasnet zu tun hat, sondern einfach die damals übliche Kleidung meint). Die Stadtkapelle hat diese städtische Tracht, die um 1830 getragen wurde, in den 1980er Jahren rekonstruieren lassen und verwendet sie bis heute bei besonderen Anlässen. "Tatsächlich haben wir das Häs auch schon beim Cannstatter Volksfestumzug getragen", berichtet der stellvertretende Vorsitzende Fabian Strauch.

Als junger Stadtarchivar hat Günter Scholz seinerzeit die Informationen zusammengetragen, um die Tracht in möglichst korrekter Form wiederaufleben zu lassen. "Das war ziemlich aufwendig", berichtet der 79-Jährige heute, "wir haben viel recherchiert." Aus der Oberamtsbeschreibung von 1850 ließ sich einiges herauslesen, dazu fanden die Historiker alte Beschreibungen und auch Abbildungen, die viel über die Kleidung der damaligen Zeit verrieten. Die Spezialisten der Uniformfabrik Negele in Tübingen setzten die Vorgaben in Schnittzeichnungen um, und schließlich ging das Häs "in Serie" - zumindest wurden die Musiker der Stadtkapelle ausgestattet.

Zur Männertracht gehören die schwarzen Schnallenschuhe, die weißen Kniebund-Strümpfe, die dunkle Lederhose, ein weißes Baumwollhemd sowie eine rote Weste und ein blaues Sakko, jeweils mit zahlreichen Knöpfen verziert. Ganz wichtig: der Dreispitzhut und ein schwarzes Halstuch. "Das dunkle Tuch ist eine Böblinger Besonderheit", weiß der ehemalige Kulturamtsleiter Günter Scholz zu berichten. Die Frauen tragen zu schwarzen Schuhen und weißen Strümpfen ein Miederkleid (unten blau, oben rot), eine weiße Bluse, eine schwarze Jacke und eine weiße Schürze. "Eigentlich gehört auch noch eine schwarze Bänderhaube dazu", erläutert Gerda Graf von der Böblinger Stadtkapelle, "aber damit sieht man aus wie eine alte Oma, deshalb verzichten wir da gerne drauf."

Die Flötistin, die seit sage und schreibe 58 Jahren der Stadtkapelle angehört, verwaltet die Unifomen und Trachten des Böblinger Blasorchesters. Einige der historischen Anzüge hat sie noch im Schrank. "Für die Männer gibt es noch ein paar, aber bei den Damen sind es nur noch zwei oder drei", berichtet Graf. Bis heute kann die Stadtkapelle bei der Firma Negele in Tübingen nachbestellen. "Eine einzelne Ausführung kostet etwa 2000 Euro", weiß die 67-Jährige, "wenn wir mehrere bestellen, etwas weniger." Für das schwarze Halstuch hat Gerda Graf übrigens eine simple Erklärung. "Damit der weiße Hemdkragen nicht so schnell dreckig wird."

Für die Böblinger des 19. Jahrhunderts war diese Kleidung der Sonntagsanzug. "Es gab das Werktagshäs - also die Arbeitskleidung - und das Sonntagshäs", erläutert Günter Scholz. Die rekonstruierte Version habe der Durchschnittsbürger getragen und besuchte damit womöglich auch das Volksfest in Cannstatt - mit dieser Tracht würde man als Böblinger dem Wasen also historisch gerecht.