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Das Hausarzt-Sterben erfasst Böblingen

Im Stadtteil Grund hat eine große Praxis für immer dicht gemacht - folgen demnächst zwei weitere?

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    Immer häufiger schließen sich die Sprechzimmer in den Hausarzt-Praxen für immer - jetzt scheint der Trend auch Böblingen zu erfassen Foto: Archiv

Nach über 30 Jahren ist nun Schluss. Ulrike Fritsch-Nölke und Gerhard Nölke haben ihre Praxis zugemacht. Einen Nachfolger gibt es nicht, und damit hat Böblingen zwei Hausärzte weniger. Dabei wird es wohl nicht bleiben. Das Allgemeinmediziner-Sterben scheint auch in der Kreisstadt angekommen zu sein.

Artikel vom 02. Oktober 2019 - 19:06

BÖBLINGEN. Viel sagen möchte Gerhard Nölke nicht zu seinem Abschied. Als Arzt hat er sich zusammen mit seiner Frau Ulrike drei Jahrzehnte um die Böblinger im Stadtteil Grund medizinisch gekümmert. Mit 70 Jahren, davon 32 Jahren als Hausarzt in Böblingen, sei der Zeitpunkt nun erreicht, wo man auch noch andere Dinge machen wolle, erklärt er.

Der Wechsel in den Ruhestand hat für Gerhard Nölke jedoch einen bitteren Beigeschmack. "Schade und traurig" findet er, dass die Praxistüren seit vergangenem Freitag an der Breslauer Straße für immer geschlossen bleiben. Einen Nachfolger? Gibt es nicht. Nicht einmal einen Interessenten hat es gegeben. Zwei Jahre lang, erzählt Nölke, habe er die Praxis angeboten. In sämtlichen Fachpublikationen der Republik und auf vielen Online-Kanälen der Branche. Reaktionen: null.

Als einziger Lichtblick bleibt Gerhard Nölke, dass die knapp 2000 Patienten der Gemeinschaftspraxis, die er mit seiner Frau betrieben hat, alle versorgt sind. Kollegen in der Umgebung haben die Menschen in ihre Kartei übernommen und auf diese Weise die weitere medizinische Betreuung gesichert.

Eine Praxis, die in einem der größten Böblinger Stadtteile nach über 30 Jahren Geschichte ist, 2000 Menschen, die den Hausarzt nicht mehr in der Nähe ihres Wohnortes haben: Man merkt dem altgedienten Mediziner seine Enttäuschung darüber an, dass es so weit gekommen ist. Öffentliche Schelte möchte Gerhard Nölke jedoch nicht üben, auch wenn er durchblicken lässt, dass er die Politik für nicht ganz unschuldig hält.

Dem Vernehmen nach wird die Praxis von Ulrike Fritsch-Nölke und Gerhard Nölke nicht die einzige sein, die ihre Wartezimmer in absehbarer Zeit dicht macht. Zwei weitere Böblinger Hausärzte, heißt es, werden demnächst ihre Doktorkittel für immer an den Haken hängen. Ob diese Nachfolger finden werden, scheint mehr als ungewiss. Einer ist zumindest aktiv am Suchen: Auf der Internet-Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg findet sich eine Chiffre-Anzeige, mit der ein Nachfolger für eine "ertragsstarke und ausbaufähige" Hausarztpraxis in Böblingen gesucht wird. Termin: Ende 2019. Damit wäre Böblingen nicht mehr weit entfernt vom Schicksal der Nachbarstadt. Wie berichtet, hat Sindelfingen in den vergangenen beiden Jahren vier Hausarztpraxen verloren, weil es keine Nachfolger gab.

Einer, der diese Entwicklung auch für Böblingen vorausgesagt hat, ist Hans-Joachim Rühle. Der Kreisärztechef, selbst einer der vom Nachfolgeproblem betroffenen Sindelfinger Mediziner, prophezeite bereits im Januar, dass es nur eine Frage der Zeit sein werde, bis die Hausarzt-Problematik über die Autobahn schwappen wird. Rühle kann aktuell keine Namen nennen, spricht aber von "zwei älteren Kollegen", die wohl planen, sich demnächst zur Ruhe zu setzen. "Das könnte drohen", sagt er. Pro Praxis seien rund 850 Patienten betroffen.

Wenn es um das Nachfolgeproblem geht, dann kann Hans-Joachim Rühle stundenlang analysieren, erklären und erzählen. Denn das Thema ist vielschichtig und wird sowohl von Faktoren vor Ort bestimmt wie auch von Bedingungen, die nur die "große" Politik beeinflussen kann.

Zum Beispiel die Ausbildung: Zu wenige Studienplätze, geknüpft an Zugangsbeschränkungen, die zwar Leute mit guten Noten an die Unis bringen, aber damit noch lange keine Befähigung zum Medizinerjob garantieren, kritisiert Rühle. Ein großes Problem ist für den Ärztevertreter auch das gewandelte Verständnis vom Doktor-Job: Viele angehende Mediziner, sagt Rühle, seien heute nicht mehr bereit, die hohe Arbeitsbelastung und den organisatorischen Aufwand hinzunehmen, die eine eigene Praxis erfordert. Die Folgen sind drastisch: Die Zahl der angestellten Ärzte in Deutschland hat sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren versechsfacht, weiß Rühle. Selbstständigkeit in dieser Branche ist ein Auslaufmodell, der Medizinerberuf mit klar festgelegten Arbeitszeiten deutlich angesagter.

Während die Ärzte immer weniger Begeisterung für eine Niederlassung aufbringen, scheinen die Arztpraxen für die Patienten eine immer größere Anziehungskraft zu entwickeln: 18-mal gehen laut Hans-Joachim Rühle die Menschen in Deutschland pro Jahr durchschnittlich zum Arzt, in Schweden nur 2,3-mal. Deutschland also ein Land der Ärzte-Fans? "50 bis 60 Prozent der Besuche in den Notfallambulanzen und 30 Prozent der Notarzteinsätze sind überflüssig", sagt Rühle.

Arztpraxen, die aus den Nähten platzen, sind für Rühle wesentliche Faktoren, dass Mediziner heutzutage nicht mehr Chef eines solchen Kleinunternehmens sein wollen. Abhilfe schaffen könne nur, dass die Menschen im eigenen Geldbeutel merken, dass Arztbesuche etwas kosten. Zehn Euro pro Besuch hält Rühle mindestens für notwendig, damit die Patientenflut in den Praxen reduziert werden kann.

Die Kommunen können kurieren helfen

Aber auch für die politisch Verantwortlichen vor Ort sieht Hans-Joachim Rühle Möglichkeiten, die grassierende Hausarzt-Misere zu kurieren. 200 bis 300 Quadratmeter Praxisfläche, rechnet er vor, benötigt heute ein niedergelassener Allgemeinarzt. Raum, der aufgrund spezieller gesetzlicher Vorgaben wie Wasseranschlüssen in sämtlichen Räumen nur in Neubauten zu haben ist. Hier sieht Rühle die städtischen Entscheider, die kommunalen Wohnbaugesellschaften und die heimischen Banken gemeinsam in der Pflicht, für Gebäude zu sorgen, in denen Hausärzten zu "vernünftigen Mietpreisen" Praxisflächen angeboten werden können. "Wir sind interessiert" - diese Botschaft müsste aus den Kommunen in Richtung der Allgemeinmediziner viel deutlicher versendet werden, fordert Hans-Joachim Rühle.

In Böblingen scheint nicht mehr allzu viel Zeit dafür.