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Hochprozentiges und Heroin: Tom L. führt jahrelang ein Doppelleben

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    Seinen letzten Drogen-Rückfall hatte Tom L. 2018: Hätte die Feuerwehr seine Tür nicht rechtzeitig aufgebrochen, wäre er jetzt tot Foto: Weller/Eibner

Artikel vom 26. September 2019 - 17:14

BÖBLINGEN. 1978: Drei Jugendliche sitzen in einer Vier-Zimmer-Wohnung auf dem Boden. Sie haben sturmfrei, die Wohnung für sich. Tom L. (Name geändert) ist einer von ihnen. Vor einem Jahr hat er angefangen zu kiffen. Doch die Neugier treibt ihn und seine Freunde an. Heute wollen sie etwas Härteres probieren. Heroin. Sie schmelzen das braune Pulver in einem Löffel, bis es sich in eine trübe Flüssigkeit verwandelt. Tom L. steckt die spitze Nadel in die Brühe. Millimeter für Millimeter füllt sich die Kanüle. Er setzt an seinem Arm an. Drückt ab. Langsam fließt das Heroin in die Adern des 16-Jährigen. "Es war schön", erinnert sich Tom L., "angenehm warm. Ich fühlte mich geborgen und glücklich. Alle negativen Gedanken waren weg." Seit diesem Moment sind Rauschgifte seine treusten Begleiter.

Schnell ist Tom L. süchtig. Ohne Heroin bekommt er heftige Entzugserscheinungen: Schweißausbrüche, Zittern, innere Unruhe, Übelkeit. Von außen betrachtet führt er ein ganz normales Leben. "Ich hatte alles", sagt der inzwischen 57-Jährige, "ich war Kfz-Mechaniker, hatte ein Motorrad, einen Alpha GTV und bin regelmäßig in den Urlaub gefahren." Er spielt ein Doppelleben: auf der einen Seite liebevoller Vater zweier Kinder, guter Ehemann und hilfsbereiter Kumpel, auf der anderen Seite Drogensüchtiger und Dealer. Er perfektioniert sein Versteckspiel. Balanciert zwischen dem Abendessen mit der Familie und den Clubgängen, bei denen er den Feierlustigen Heroin andreht, um seine Sucht zu finanzieren.

Aber wie konnte es so weit kommen? Warum versank Tom L. im Drogenmoor? Wieso war niemand da, um ihm zu helfen? Mit 16 Jahren stirbt sein Vater. Ein Schock und eine dunkle Zeit für den Jungen und seine Familie. Schon zuvor hatte er keine leichte Kindheit. Sein Umfeld ist Rauschmitteln nicht abgeneigt, die Familienverhältnisse sind kompliziert. Mit 18 Jahren hat er die gesamte Rauschgift-Palette durchprobiert: LSD, Kokain, Ecstasy. Heroin gehört zu seinem Alltag. "Ich habe alles mitgenommen, was geht. Wollte alles ausprobieren." Um ihn herum sterben immer wieder Bekannte an den Folgen der Sucht oder einer Überdosis. "Mit 17 spritzte sich eine Freundin direkt neben mir zu viel Zeug. Der goldene Schuss", erinnert sich Tom L. Trotzdem besiegt die Sucht das rationale Denken.

Zwei Flaschen Wodka, drei Flaschen Wein und vier Dosen Bier täglich

"Mein Leben hätte ganz anders aussehen können", sagt Tom L., "mit 18 Jahren hatte ich mal eine Freundin. Eine tolle Frau." Er steht vom Sofa in seiner Wohnung auf und holt ein Bild aus dem Schrank. Das Foto zeigt ihn vor knapp 40 Jahren - unschuldig und unbeschwert. Keine Tattoos. Keine Sorgenfalten. Keine unterlaufenen Augen. Neben ihm eine hübsche Brünette. Die beiden liegen in einem Zelt, campen am Bodensee. "Ich hätte sie behalten sollen, dann wäre ich ein anderer Mensch", sagt der Böblinger und schaut sich das Bild traurig an, "stattdessen habe ich Schluss gemacht, weil ich in die weite Welt hinaus gehen wollte."

Er heiratet eine andere Frau. Bekommt zwei Söhne. 1995, zehn Jahre nach der Hochzeit, bricht sein Kartenhaus mit einem lauten Krachen zusammen. Im Urlaub geht ihm das Heroin aus. Mit starken Entzugserscheinungen torkelt er daheim durch die Eingangstür an seiner Frau vorbei. Direkt hastet er in die Garage. Klappt den Motorradsitz nach oben und holt aus seinem Versteck das braune Pulver hervor. Er legt sich eine Line. Zieht sich das Heroin durch die Nase. Was er zuerst nicht merkt: Seine Frau steht hinter ihm. In Tränen aufgelöst und schockiert. Kurze Zeit später die Trennung. Den letzten Halt gibt ihm sein Beruf, doch auch den verliert er nur wenige Jahre später.

Alleine, verlassen und einsam: Seinen Kummer ertränkt Tom L. im Alkohol. Täglich fließen ihm mindestens zwei Flaschen Wodka, drei Flaschen Wein und vier Dosen Bier durchs Blut. Tom L. sitzt nur noch zuhause, zahlt seine Miete nicht mehr und verschuldet sich immer weiter. Es folgt die Zwangsräumung - er zieht zu seiner Freundin. "Ich habe den Alkohol gebraucht, um überhaupt aufstehen zu können", sagt der Böblinger, "mit den Drogen konnte ich gut leben, aber beim Alkohol kannte ich keine Grenzen. Er hat mich fertiggemacht." Zudem kommen psychische Probleme. Wahnvorstellungen über mehrere Monate hinweg. "Die sind wie ein schlechter LSD-Trip. Ich höre Stimmen, die mir sagen, was ich machen soll. Meine Tattoos reden mit mir", sagt der Suchtkranke, "ich bin getrieben von anderen, überall sind Leute in Mönchskutten ohne Gesicht."

Heute ist Tom L. zwiegespalten. Nach vielen Tiefpunkten, Rückschlägen, Therapien und Nahtod-Erfahrungen lebt er seit einem Jahr endlich clean. Der 57-Jährige wohnt in der Martinshöhe, einem Haus für Suchtkranke in Böblingen. Sein Betreuer und die Einrichtung geben ihm Sicherheit und Geborgenheit - das gab ihm sonst nur Heroin. Und dennoch vermisst er sein früheres Leben. "Manchmal würde ich am liebsten wieder Drogen nehmen - wie früher, denn damals war alles gut", sagt er. Damit Tom L. nicht rückfällig wird, ist er auf Hilfe angewiesen. Deshalb kann er sich ein Leben außerhalb der Martinshöhe nicht mehr vorstellen. "Ich habe es schon einmal probiert und bin gescheitert."

Auf einem Regal in seinem Zimmer steht ein eingerahmtes Bild von seinen zwei Söhnen. Durch die Sucht sind die Verhältnisse schwierig. "Wenn du nicht aufhörst, Drogen zu nehmen, wollen wir nichts mehr mit dir zu tun haben", sagte sein älterer Sohn einmal zu dem 57-Jährigen. Inzwischen spricht nur noch der jüngere mit ihm.

Der Böblinger möchte clean bleiben. Die Angst vor dem Rückfall ist omnipräsent. "Es passiert viel zu schnell", sagt Tom L., "man wacht auf, verspürt einen Heißhunger auf Alkohol oder Drogen, gibt irgendwann nach, und schon fängt alles von vorne an."