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Ein Jahr Premium-Wanderweg bei Waldenbuch

Auf den Spuren der Waldgeschichte

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    Hoch hinauf geht es auf dem naturbelassenen Pfad am Bezenberg - was zeitweise ganz schön sportlich ist für die Wanderer Fotos: Tabea Günzler

Ein kurviger Pfad auf saftig grünen Wiesen und durch den Wald, mal breit, mal schmal. Außerhalb Waldenbuchs wird ein Wanderweg zur neuen Attraktion. Der ehemalige Revierförster Günther Schwarz kennt die Geschichten dazu und nimmt interessierte Wanderer mit ins frühere Jagdgebiet.

Artikel vom 17. September 2019 - 18:08

WALDENBUCH. Mit dem Herzog-Jäger-Pfad bei Waldenbuch gibt es in Baden-Württemberg seit gut einem Jahr den 84. Premium-Wanderweg - und den ersten im Schönbuch. Das Projekt "Premium-Wanderweg" von Anfang an begleitet hat Günther Schwarz, Waldenbuchs ehemaliger Revierförster. Seit Eröffnung organisiert der 71-Jährige bis zu fünf Mal im Jahr geführte Wanderungen für Kinder und Erwachsene. Am kommenden Sonntag ist die nächste Waldexkursion auf dem rund 14 Kilometer langen Herzog-Jäger-Pfad geplant. Dann nimmt Günther Schwarz bis zu dreißig Teilnehmer mit auf eine dreieinhalb-stündige Tour auf der Nordroute. Es geht hinaus in die Natur und auf die Spuren der Herzöge.

Einst war das Waldgebiet rund um den Bezenberg bei Waldenbuch die Heimat für tausende Hirsche und Wildschweine. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen die Herzöge von Württemberg hierher um das Wild zu jagen. Heute gibt es hier keine Hirsche mehr. Stattdessen gibt es die Hirsche und andere Waldbewohner auf ausgestanzten Bildern zwischen den Bäumen nahezu in Originalgröße - ein Suchspiel, das sich die Planer des Premium-Wanderwegs für Kinder ausgedacht haben.

Entlang des Herzog-Jäger-Pfads sind mehrere interaktive Stationen aufgebaut. Eine weitere steht im Glashütter Schaithau - ein Waldgebiet außerhalb Waldenbuchs. Dort führen zwei Wege in den Naturpark Schönbuch hinein: Geradeaus der Schotterweg und links ein schmaler naturbelassener Pfad. An der Station stehen Holzkisten auf nebeneinander aufgestellten Stelen. Die Idee ist es, durch blickdichte Löcher Gegenstände wie Eisen, Stein und Holz zu ertasten. Solche Kinderattraktionen geben Punkte, um das Premium-Siegel zu erhalten, erklärt Günther Schwarz. Denn der Verein des Deutschen Wanderinstituts zertifiziert einen Wanderweg erst als Premium-Wanderweg, wenn insgesamt vierunddreißig Punkte erfüllt sind.

Kein gewöhnlicher Wanderweg

Der Kriterienkatalog schreibt beispielsweise vor, dass "möglichst große Strecken auf naturbelassenen Pfaden" zurückzulegen sind. Rastplätze, Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkte braucht es ebenfalls. So sollen Wanderer einen Erlebniswert haben.

Einige Schritte weiter auf dem Weg wird der Blick frei auf die Stadtteile Liebenau und Kalkofen. Zwei weiße Hochhäuser ragen sichtbar zwischen den Baumwipfeln hindurch. Günther Schwarz läuft den Pfad weiter hinauf gen Bezenberg. Bei 435 Höhenmeter bleibt er stehen. Die Mittlere Knaupwiese erstreckt sich vor und hinter ihm - ein unebener Hang mit vielen kleinen Hügeln, den sogenannten Knaupen. "In nassen Jahren rutscht der Berg sogar stückchenweise ab", erklärt Schwarz. Deswegen pflanzte Herzog Carl Eugen im 18. Jahrhundert hier Obstbäume, um dem Hangrutsch Einhalt zu gebieten.

Um den Ausblick noch besser genießen zu können, steht hier eine hölzerne Hollywood-Schaukel. Günther Schwarz zieht seitlich der Armlehne ein dickes Buch aus einem Plastikbehälter heraus: das Gästebuch. Breite Tesastreifen halten den weinroten Umband zusammen. Es ist schon das zweite Buch, das hier ausliegt, erzählt der Forstmann und blättert zwischen den Seiten: Eine Frau schreibt von der Schönheit der Landschaft und ein anderer Eintrag erzählt in Gedichtform, was es auf dem Pfad zu sehen gibt.

Die Stadtverwaltung hatte im Dezember 2015 die Idee zum Premium-Wanderweg und kam auf den ehemaligen Revierförster zu. Da hat es gut gepasst, dass der Verein Naturpark Schönbuch seinerzeit ohnehin das Besucherleitsystem im Schönbuch erneuert hat. Und die Einträge im Gästebuch zeigen, dass der Herzog-Jäger-Pfad gut ankommt. Von der Hollywood-Schaukel verläuft der Pfad über die Obere Knaupwiese hinein in den Wald und zwischen den Bäumen hindurch vorbei an einer steinernen Wegmarkierung. "Die Grenzsteine der Jagdreviere von damals", erklärt Schwarz und entfernt Äste und Blätter, die die Steine bedecken. Das Revier gehörte Herzog Friedrich I (1557-1608) von Württemberg, der oft hierher kam und meist seinen gesamten Stuttgarter Hofstaat mitbrachte.

Eingerahmte Kulisse

Der Herzog ist heute noch auf allen Informationstafeln zusammen mit seinem Hund Friedl mitten im Wald zu sehen. "Ich hab mich mit der Stadtmarketingbeauftragten um den Inhalt gekümmert", sagt Günther Schwarz und ergänzt, dass das Projekt im Gemeinderat "nicht ganz unumstritten" war. Inzwischen sieht der ehemalige Förster das gelassen und pflügt eine der Brombeeren, die an unzähligen Sträuchern am Wegrand wachsen. Alle paar Meter befinden sich kleine weiße Schilder an den Baumstämmen. Die grüne Krone ist darauf gut zu erkennen - Symbol des Herzog-Jäger-Pfads. Nach zwanzig Gehminuten erscheint am Ende des Weges eine Lichtung. Dort angelangt, wird der Wanderfreund mit einem Panoramarundblick auf Waldenbuch, Steinenbronn und den davor liegenden Eichenhof belohnt. "Waldrand Auchtert. 440 Meter" steht auf einem Schild.

Von hier ist es knapp ein Kilometer bis zur Jungviehweide, die am Glashütter Schaithaus angrenzt. Doch bevor die Tour dort endet, zeigt der Förster einen nahegelegenen Rastplatz vor dem Eichenhof. Holztische und -bänke stehen hier zum Ausruhen und Vespern bereit. Ursprünglich war an diesem Hof eine Gastwirtschaft geplant, aber "die Landwirte wollten das nicht, da sie jedes Wochenende und an jedem Feiertag die Wanderer hätten bewirtschaften müssen", sagt Günther Schwarz. Stattdessen steuert Schwarz nun auf ein kleines hölzernes Häuschen zu - den Regiomaten. Darin sind Getränke und Snacks im Automaten gegen Kleingeld erhältlich, sogar Honig direkt vom Hof.

Zurück auf dem Weg, zweigt Schwarz auf eine nahegelegene Streuobstwiese ab. Zwischen den Bäumen taucht ein großer Bilderrahmen auf, der scheinbar frei in der Luft an einem Nagel schwebt. Die Illusion ist ein Highlight auf dem Herzog-Jäger-Pfad, erzählt Schwarz. Er steht genau davor und blickt durch den Rahmen auf Waldenbuch. Ein Bild zum einrahmen. Kindergeschrei in der Ferne durchbricht die Idylle. Nicht weit entfernt ist die Jungviehweide und Ponderosa, eine renovierte Scheune. Der Pfad dorthin ist zwischen dem hohen Gras der Wiese kaum noch zu erkennen, doch Günther Schwarz kennt den Weg. Vor dem Scheunengebäude der Ponderosa mündet der Pfad in einen Schotterweg. Jetzt sind es noch 500 Meter bis zum Ausgangspunkt.

 

  Am Sonntag, 22. September, um 14 Uhr beginnt die geführte Wanderung "Wolken, Wiesen, Kulturgeschichte(n)" auf der Nordroute. Treffpunkt ist der Brunnen in der Hauptstraße im Stadtteil Glashütte. Anmeldung unter http://www.herzog-jaeger-pfad.de.
  Günther Schwarz
    1948 geboren am 21. Mai 1948
    1972 Abschluss des Studiums der Forstwirtschaft in Rottenburg.
    1972-78 Als Förster bei der Forstdirektion Stuttgart (heute ForstBW).
    1978-2013 insgesamt 35 Jahre lang als Revierförster für wechselnde Waldgebiete zwischen Stuttgart-Rohr und Waldenbuch verantwortlich. Gebietsreformen veränderten seine Zuständigkeitsbereiche immer wieder.
    seit 2013 Mit Beginn seines Ruhestands ist Günther Schwarz ehrenamtlich für die Stadt Waldenbuch tätig, hier leitet er Waldexkursionen und Stadtführungen. Neben seiner Förstertätigkeit geht er parallel seinem Hobby der Makro- und Landschaftsfotografie nach. Manche der Bilder auf den Informationstafeln entlang des Herzog-Jäger-Pfads und in der dazugehörenden Broschüre stammen von ihm. (tag)