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"Heiners All Star Attraktion", kurz HASA, unterhält mit einem Kopfhörer-Konzert beim Böblinger Sommer am See

Signale aus Schwäbisch All gesendet

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    Schwäbisch-schwebiche Sounds und einarmige Handstände der Breank-Dancer: HASA hat beim Sommer am See experimentiert Foto: Bernd Epple

Silent-Disco-Technik bei einer Live-Performance, das gab es in Böblingen wohl noch nie. Ein Kopfhörer-Konzert mit außerirdischen Grooves erreichte am Freitagabend das Spacelab "Alte TÜV Halle" - mit HASA, "Heiners All Star Attraktion".

Artikel vom 09. September 2019 - 11:10

BÖBLINGEN. Dem Ende der Veranstaltungssaison, den Sommerferienurlaubern, einem Fußball-Länderspiel und der kühlen Wetterlage war es wohl geschuldet, dass lediglich 50 Besucher ins Raumschiff stiegen. Die jedoch genossen das etwas andere Konzert.

Am Eingang wurden die Besucher mit Funkkopfhörern versehen und bekamen vom Sommer-am-See-Team eine kurze technische Einweisung: Position des An- und Ausschalters, der drei verschiedenfarbig leuchtenden Kanäle und des Lautstärkereglers. Kulturmanager Andreas Wolfer ergänzte noch, dass man mit abgesetzten Kopfhörern durchaus auch der Musik lauschen könne, allerdings ohne Gesang.

Beim Premierenkonzert dieser Art im Biergarten des Tübinger Sudhauses vor zwei Monaten war es genau umgekehrt. Heute hieß es: Kopfhörer weg - Stimmen weg. Aber wozu den Kopfhörer absetzen, wenn der Gesamtsound doch nur über jenen zu hören ist? Dennoch experimentierten zahlreiche Gäste mit der Wahlmöglichkeit zwischen schwäbischem O-Ton, englischer Voice-Over-Spur oder stummem Kanal für einen kurzen Austausch mit dem Nachbarn. Der gesamte Event stand ohnehin unter dem Motto: Lasst uns mal gemeinsam was ausprobieren! Ganz dem Anspruch der Raumfahrt gemäß, bei der es ja auch darum geht, etwas Neues zu entdecken.

Neue Klangerlebnisse - mit oder ohne Kopfhörer

Diesmal ging es um neue Klangerlebnisse - und die erfuhr jeder, mit oder ohne Kopfhörer, mit halb aufgesetztem Kopfhörer oder beim kurzfristigen Verlassen der Halle, bei dem die Musik in den Ohren halt einfach weiterlief.

Bandleader Heiner Reiff (Gitarre, Gesang) ist viel daran gelegen, neue Räume zu erkunden und das nicht nur musikalisch. Für seine "schwebiche" Musik hat er mit Ralf Schuon (Tasten, Gesang und Arrangements), Dieter Schumacher (Schlagzeug, Gesang), Jane Walters (Gesang) und Ellen Reinhardt (Gesang, Space Toys und E-Bass) kongeniale Partner um sich geschart. Diese Besatzung steuert das HASA-Raumschiff seit rund drei Jahren immer wieder in neue, spannende musikalische Sphären mit einer großen Bandbreite musikalischer Genres. Das neue Format Kopfhörer-Konzert wurde in der Alten TÜV-Halle noch mit einem weiteren Novum garniert. In der vordersten Reihe stiegen zum "Bschiss Jazz" plötzlich drei junge Männer aus den HASA-Liegestühlen. Wie Frank Zappa seinerzeit schon die Puppen tanzen ließ, setzten die "Zappalike"-Grooves diesmal die Männer, die sich als Breakdancer entpuppten, in Bewegung.

Der Überraschungseffekt schlug voll ein; sowohl Tänzer, Band als auch Publikum hatten sichtlich Spaß daran. Toni (23), Chau (27) und Mo (33) sind Tanzprofis der Breakdance-Crew "Tru Cru"; sie nehmen ansonsten an internationalen Break-Dance-Battles teil oder rockten die Bühne auch schon mit dem renommierten kanadischen Tanz-Crack Eric Gauthier, wie sie der Kreiszeitung verraten.

"Wir haben HASA im Renitenz gesehen und festgestellt, das ist unser Rhythm, unser Funk. Es ist für uns authentische Musik und Heiner fühlt unseren Stil!", schwärmten sie. Dementsprechend ging auf der kleinen Vorbühne auch die Post ab. Für einarmige Handstände gab es Szenenapplaus und Reiff meinte: "Da bekomm ich schon vom Zugucken Rückenschmerzen!"

Szenenapplaus für einarmige Handstände

Der neuseeländische Besucher Brent Porter aus Holzgerlingen war einer der Wenigen, der vorwiegend auf dem Voice-Over-Kanal mit englischer Simultanübersetzung weilte und brachte die tiefe Übersetzerstimme mit dem amerikanischen Filmregisseur Orson Welles in Verbindung: "Ich finde die Kopfhöreridee klasse. Musik und Texte sind interessant. Ich habe so komplett alles verstanden, auch wenn das Schwäbische lustiger klingt. Der Breakdance ist eine tolle Ergänzung. Seit über 30 Jahren besuche ich viele Konzerte, aber so etwas habe ich noch nie erlebt!"

Reiff betont immer wieder, dass die Texte, im Gegensatz zum Ernst-und-Heinrich-Projekt, nicht im Vordergrund stehen. Er ist ein Sound-Freak und liebt den musikalischen Klang des schwäbischen Dialektes, den er oft dadaistisch in Szene setzt. Und trotzdem sind seine Lyrics wie "Lieblingspulli", "Tigerfelder Stay Blues" oder "I fahr fei Färrari" ("Woesch mr et no a Deko-Chick als Bei-Färrarerin?") nicht ohne Hintergrund und mit einer guten Portion Wortwitz versehen.

Musikalisch geht's bisweilen "schwebich" zu, besonders wenn Reinhard mit ihren Space-Toys spielt oder Reiff unter die Haut gehende Blues-Riffs auspackt. Und immer wieder "Down to Earth"-Überraschungsbreaks, damit das Ganze schön bunt bleibt. Kopfhörer sollte jedoch lediglich eine Variante bleiben, denn ohne ist für den ein oder anderen der unmittelbar belebtere Genuss.