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Über 100 Teilnehmer tummeln sich bei der Dorffreizeit der evangelischen Kirchengemeinde Altdorf

Von Nomaden und Abenteurern

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    Ganz schön harte Arbeit für ein kleines bisschen Gold: Jakob und Amanda versuchen eine Scheibe Holz abzusägen Fotos: Sandra Schumacher

45 Betreuer, über 100 Kinder und jede Menge Action: In der letzten Ferienwoche hat die evangelische Kirchengemeinde Altdorf wieder zur alle zwei Jahre stattfindenden Dorffreizeit gerufen. Bei der abenteuerlichen Reise durch die Zeit stand unter anderem auch ein Geländespiel auf dem Programm.

Artikel vom 04. September 2019 - 16:10

ALTDORF. Der 18-jährige Johnny hat eine wichtige Mission: Als Oberhaupt eines Nomadenvolkes ist er auf der Suche nach einem Ort, an dem er und seine Gefolgschaft rasten können. An dem sich sein Stamm nicht vor wilden Tieren fürchten muss und an dem er nicht Gefahr läuft, von Räubern überfallen zu werden. Vor ein paar Tagen hat Johnny sich daher aufgemacht, um die Umgebung auszukundschaften - und hat einen idealen Lagerplatz auf einer Waldwiese hinter dem Altdorfer Sportplatz erspäht. Dummerweise sind Handys und Laptops seinen Nomaden-Freunden ebenso fremd wie moderne Jeans und T-Shirts. Zumindest lässt Johnnys schräg-schickes Beduinen-Outfit darauf schließen. Wie soll er seine Gefolgschaft so ganz ohne Email und WhatsApp nun benachrichtigen? Glücklicherweise ist Johnny zwar ein wenig aus der Zeit, aber ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen. Ein Turm muss her. Ein möglichst hoher, damit er weithin sichtbar ist und seinen Leuten den Weg weist.

101 Kinder teilten sich in 14 Teams auf

Wie passend also, dass Schützenhilfe nicht weit ist: 101 Kinder haben sich am Montag im Rahmen der Altdorfer Dorffreizeit auf besagter Wiese versammelt, um den 18-Jährigen zu unterstützen. In 14 Teams aufgeteilt, sollen sie im Wettlauf gegen die Zeit möglichst viele Papp-Elemente aufeinanderstapeln. Es gewinnt, wer am Ende das höchste Bauwerk vorweisen kann.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn die Abenteurer müssen sich zuerst die notwendigen Materialien - Pappkartons und Klebebänder - besorgen. Und die sind ziemlich teuer. Geld verdienen ist also angesagt. Dazu können die Kids an 14 Stationen im umliegenden Wald Rohstoffe sammeln. Diese verkaufen sie später an die Händler, die auf dem Gelände herumstreunen. Im Gegenzug erhalten die Teams Goldmünzen, für die sie die Baustoffe einkaufen können. So weit die Theorie. Die Praxis hält aber einige weitere Herausforderungen bereit.

Das Team muss innerhalb von einer Minute 45 Liegestützen schaffen

Am Sägewerk, in dem Betreuerin Anna die Oberaufsicht führt, geht es noch verhältnismäßig unkompliziert zu. Hier können die Kids Holz im Wert von einer Goldmünze einsammeln. Allerdings nicht einfach so. "Nur, wenn das Team innerhalb von einer Minute 45 Liegestützen schafft", erklärt die 18-Jährige, die früher selbst regelmäßig an der Dorffreizeit teilgenommen hat. "Der Urlaub mit Mama und Papa war immer schön, aber die letzte Ferienwoche mit den Freunden zu rocken, war super", schwelgt sie mit leuchtenden Augen in Erinnerungen. Ein Funkeln, das sie heute an die nächste Generation weiterreicht. "Wenn man sieht, wie alle hier freudestrahlend mitmachen, weiß man, dass man etwas Sinnvolles tut." Und den Kids nebenbei eine wichtige Botschaft vermittelt: Denn bei jeder Aufgabe lernen sie, dass sie mit vereinten Kräften schneller ans Ziel gelangen. Der Trick beim Sägewerk: "Die Kinder dürfen sich bei ihren Liegestützen abwechseln", verrät Anna.

Erbitterter Kampf gegen einen Holzblock

Ein wenig schwieriger geht's zu an der Goldmiene, an der Betreuerin Lea mit wachsamen Augen verfolgt, wie der elfjährige Jakob und die zwölfjährige Amanda mit einer Stichsäge schon eine ganze Weile an einem Holzblock herumwerkeln. Ihre Aufgabe: Sie müssen eine Scheibe absägen, um den Rohstoff im Wert von vier Goldmünzen zu erhalten. Hoch konzentriert ritzen und schnitzen die beiden, drehen den Block mehrfach herum, hauen ihn mit voller Wucht auf einen Baumstumpf, versuchen gar, mithilfe eines anderen Stücks ihre Scheibe abzuhebeln. Vergeblich. "Die Säge ist total verbogen und stumpf", beklagen sich die Kids, geben aber unter den Anfeuerungsrufen und Tipps ihrer Teammitglieder nicht auf. "Wir lassen die beiden sägen, weil sie es am besten können", erklärt die 13-Jährige Kim die Team-Taktik. Sie war schon öfter bei der Dorffreizeit dabei und weiß, worauf es ankommt: "Jeder kann unterschiedliche Sachen gut, deshalb teilen wir uns auf", sagt sie. Nach einer gefühlten Ewigkeit zeigt Betreuerin Lea Erbarmen. "Ihr habt's ja fast geschafft", sagt sie und händigt dem Team die Beute aus.

Räuber mit Holzschwertern ziehen durch den Wald

Nun geht es flott zurück zur Waldwiese, um den Rohstoff in Goldmünzen umzutauschen. Der Weg ist allerdings nicht gänzlich ungefährlich. "Wir haben unterschiedliche Zonen im Wald. Je weiter hinten sie liegen, desto mehr Wert haben die Rohstoffe, die die Kinder dort bekommen können", verrät Stephan Decker, Jugendreferent und Diakon bei der evangelischen Kirchengemeinde Altdorf, der heute den Hut aufhat. "Allerdings ist dort die Gefahr, von Räubern überfallen zu werden, deutlich höher", erklärt er.

Die Räuber sind an ihren Holzschwertern zu erkennen und machen Jagd auf die Teams, um ihnen ihre Münzen und ihre Rohstoffe abzunehmen. Einer von ihnen ist Betreuer Noah, der gerade im Begriff ist, eine weitere Gruppe um ihr hart erarbeitetes Hab und Gut zu bringen. "Wir haben Schutz", ertönt es von weitem - und Noah bricht seinen Angriff ab. "An der Waldwiese können die Kinder ihre Münzen auch in nützliche Gegenstände, beispielsweise eine Schutzkarte umtauschen", erklärt Stephan Decker. Pech für Noah, der sich nun auf die Suche nach neuen Opfern machen muss.

Wo ist denn bloß die Glücksfee abgeblieben?

Derweil schlendert Händler Manuel über die Waldwiese und wird von verkaufswütigen Jugendlichen belagert. "Wir geben dir Diamanten für sechs Goldmünzen", feilscht ein Junge um einen möglichst guten Preis. "Fünf geb' ich euch. Kopf oder Zahl?", fragt Manuel und wirft eine Münze in die Luft. Denn an dieser Station entscheidet allein das Glück, ob die Turmbauer mit klimpernden oder leeren Taschen von dannen ziehen. "Wenn sie Pech haben, gibt's kein Geld und auch der Rohstoff bleibt bei mir", sagt Manuel. Und prompt geht das Team, das ihm gerade gegenübersteht, ganze dreimal leer aus. Die Glücksfee macht wohl heute selber Ferien. Ein bisschen Mitleid hat Manuel, der schon zum dritten oder vierten Mal als Betreuer mit an Bord ist, schon. Aber nicht genug, damit er den Jugendlichen eine Trost-Münze überlässt. Warum er jedes Jahr aufs Neue dabei ist? "Mein Ziel ist es, den Kindern von Gott und Jesus zu erzählen. Aber natürlich kommen der Spaß und die Gemeinschaft nicht zu kurz", erklärt der 25-jährige Student.

Das Programm, das die 45 Betreuer und viele weitere Helfer zusammengestellt haben, ist vielfältig. Nach den morgendlichen Andachten, kleinen Theaterstücken und Bibelarbeit stehen neben dem Geländespiel eine Olympiade, Bastelworkshops, ein Nachtgeländespiel mit anschließender Übernachtung und ein Ausflug an. Alle Aktionen sind unter das Motto "Zeitreise" gestellt. "Nach Abschluss jeder Aktion gibt es einen Code", verrät Betreuerin Anna. "Am Ende der Freizeit öffnet sich mithilfe aller Codes eine Truhe mit einem Schatz." Wie der allerdings genau aussieht, bleibt ein Geheimnis.

Und was halten die Kleinen von dem seit Januar akribisch ausgearbeiteten Konzept? "Ich find's total cool", sagt die zehnjährige Stella und bahnt sich weiter ihren Weg durchs Unterholz zur nächsten Rohstoff-Station. Allerdings nicht, ohne einen kurzen Blick auf die Bauwerke der Konkurrenz zu werfen. Schließlich muss das Team den Überblick behalten - und sich bei den langsam in die Höhe wachsenden Papp-Gebäuden vielleicht sogar ein wenig sputen.