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Schönaicher Bäcker kehrt aus dem Kongo zurück

Nach knapp einem Jahr muss Harald Spindler seine Backstube im afrikanischen Kinshasa schließen

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    Den Ofen an seinen Platz zu bringen war eine Tortur
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    Letztes Jahr hat Harald Spindler (links) seine Zelte in Deutschland abgebrochen und ist in dieses Haus im Kongo gezogen. Hier wollte der 58-Jährige als Bäcker neu durchstarten. Dann kam alles anders. Fotos: red
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    Harald Spindler ist inzwischen wieder in Stuttgart angekommen Foto: lad
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    In diesem Tank sammelte Spindler Regenwasser
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    Die Maschinen bleiben im Kongo. Spindler schenkt sie anderen Bäckern

Harald Spindler war gut 30 Jahre Dirigent. 2018 beschloss er: "Ich eröffne im Kongo eine Bäckerei!" Der Vollblutmusiker hatte nebenbei eine Bäcker-Lehre in Schönaich gemacht, ein Grundstück in einem Vorort von Kinshasa gekauft und begonnen, dort eine Bäckerei zu bauen. Jetzt musste er sein Experiment abbrechen.

Artikel vom 03. September 2019 - 12:43

SCHÖNAICH/KINSHASA/STUTTGART. Seit wenigen Wochen ist Harald Spindler wieder in Deutschland. Er war in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo - allerdings nicht im Urlaub. Er hat versucht, eine Bäckerei zu eröffnen (wir haben berichtet). Im Sommer 2018 flog Spindler mit 58 Jahren in den Süden, tonnenschwere Teigknet- und Kühlgeräte folgten ihm auf dem Seeweg. Alles schien zu klappen.

Bis er im April 2019 mit einer Nachricht überraschte: "Meine Kräfte sind erschöpft. Der Schlafmangel ist zu extrem, und der Arzt warnt vor Schlaganfällen. Ich habe entschieden, dass ich nach Deutschland zurückfliegen werde."

Nach kaum einem Jahr musste Spindler sein Experiment abbrechen. Enttäuscht ist der musikalische Bäcker heute aber nicht: "Ich bin sehr zufrieden, dass ich es gemacht habe", sagt der Heimkehrer. "Ich will die Zeit nicht missen. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas geleistet habe und das ist sehr befriedigend. Das Organisieren und Einrichten der Bäckerei, das in Gang zu bringen, das war ein großer Aufwand und eine große Aufgabe - die habe ich soweit ja erledigt."

So war für ihn der beste Moment auch das Backen an sich. "Wenn man nachts in der Backstube alles im Griff hat, wenn man sieht wie alles läuft - das war sehr schön für mich."

Mit den Menschen vor Ort kam er schnell in Kontakt. Als der Container mit den Maschinen ankam, mussten viele helfen. Seitdem waren sie natürlich neugierig. Wann geht's los? Wann gibt's Brot? Die Freude war groß, als Spindler die ersten Kostproben verschenkte.

Kinder nannten ihn "Mondele", was Weißer Mann oder Bleichgesicht bedeutet. Für die Kinder auf dem Land war er aber der "Chinois", erzählt Spindler. "Für die war ich Chinese."

Wirtschaftlich hätte es mit der Bäckerei tatsächlich klappen können. Einerseits wollte er für sein Viertel backen, zum Beispiel süße Stückle und Streuselkuchen für die Schulen. "Aber das sind dann sehr, sehr kleine Preise." Die "Mamas", die seine Waren weiterverkauften, wollten 20 Prozent der Einnahmen. Dazu ging die Hälfte des Geldes für Materialkosten drauf, Steuern, Maschinen, Diesel für den Ofen - auch in Kinshasa um die 1,30 Dollar. "Das geht dann so ins Geld, dass sich das Brot für die Kongolesen eigentlich gar nicht lohnt."

Die Katze hat wenig Interesse an Mäusen - Sie isst lieber Kuchen

Um schwarze Zahlen zu schreiben, brauchte er die Europäer, Kundschaft in der Stadt. Die Menschen konnten bei ihm per WhatsApp oder E-Mail bestellen. Fünf Stationen hatte er ausgemacht, darunter die deutsche Botschaft und die Hans Seidel Stiftung. Dorthin lieferte Spindler, auf dem Rücksitz eines Motorradtaxis, bepackt mit mehreren Taschen und Tüten voll Gebäck. Mit einem großen Kundenstamm hätte sich die Bäckerei rentiert. Zumindest theoretisch auf dem Papier.

In der Praxis sah das Leben aber anders aus. Jeden Tag war irgendwann der Strom weg. Beim Bau der Bäckerei hatte ein Elektriker einen Zähler eingebaut, "wie wir ihn kennen: schwarzes Ding mit Nummer, wo man die Kilowattstunden abzählen kann", erzählt Spindler. Das Strom-Unternehmen wollte aber seinen eigenen Zähler haben. "Dann haben die mir einen Zähler eingehängt, super modern, mit Display, mindestens 20 Anzeigen, die ständig wechselten." Als dann ein Mitarbeiter zum Ablesen kam, gab es ein Problem: Der Strom war weg, deswegen ging der Zähler nicht.

Privat hat ihn der Strommangel nicht gestört. "Dann macht man eben eine Kerze an oder geht früher ins Bett", sagt er. Schwierig wurde es beim Backbetrieb. "Wenn ich den Generator angeschmissen habe, wusste ich, jetzt verdiene ich gar nichts."

Kurz vor Schluss ein neues Problem."Die letzten zwei Monate hatten wir kein Wasser aus der Leitung", sagt Spindler. "Das war richtig heftig." Am Anfang konnte er den Mangel mit Zisternen und Regenwasser ausgleichen, aber letztendlich musste auch er beim Brunnen Wasser holen. Vier Häuser weiter haben drei Jungs damit angefangen, einen eigenen Brunnen zu graben. Sie waren 20 Meter tief, dann brach der Brunnen zusammen. Keiner hat den Unfall überlebt. Dramatisch, aber laut Spindler passierte so etwas im Kongo häufiger.

"Ich wäre wahrscheinlich irgendwann umgekippt"

Ein Ärgernis der ganz anderen Sorte: seine Katze. Auch in Afrika gibt es schließlich Mäuse, und so schaffte sich Spindler eine lebendige Mausefalle an. Die hatte aber wenig Interesse an den ganzen Mäusen, im Gegenteil, sie stand vielmehr auf Kuchen. "Da musste ich nachts alles in Sicherheit bringen, dass die mir nicht meine Sachen wegvespert."

Der Hauptgrund, warum Spindler sein Experiment abbrach, war seine Gesundheit. "Ich bin fast nicht mehr zum Schlafen gekommen", sagt der Ex-Bäcker. "Ich habe nachts gebacken und tagsüber ausgeliefert. Da war einfach keine Ruhe für mich zu finden. Einmal hatte ich Malaria. Diese vier Tage war absolut nichts zu machen." Am Ende kam er zu der Einsicht: "Ich wäre wahrscheinlich irgendwann umgekippt. Das Risiko wollte ich nicht eingehen." Die Warnung des Arztes, er hole sich so noch einen Schlaganfall, gab ihm den Rest. So beschloss er, die Boyau - so nennt er seine Bäckerei, nach dem Straßennamen in der sie steht - zu verkaufen.

Mit dem Ende der Bäckerei war der Stress aber noch lange nicht vorbei. So erzählt Spindler vom Verkauf seines Generators: "Ich habe den Leuten gesagt, ihr müsst einen Lkw organisieren mit Kran. Der Lkw kam natürlich ohne Kran, aber mit acht Mann." Kurzerhand wurde vor der Garage ein Loch gegraben, damit die Ladefläche des Lkws tiefer lag. Mit ein paar Paletten und etlicher Muskelkraft wurde das tonnenschwere Gerät auf die Ladefläche gehievt.

Doch das ist alles vorbei. Jetzt muss Spindler in Stuttgart erstmal eine Wohnung finden. Noch ist er bei Freunden in Degerloch untergebracht. Arbeitsangebote von Bäckereien hat er genug - sogar aus der Mongolei. "Ich könnte nach Ulan-Bator und dort eine Bäckerei aufbauen", sagt Spindler. Maschinen seien schon da. Und auch bei seiner Schwester auf La Palma gebe es ums Eck eine Bäckerei, voll ausgestattet, Spindler müsste nur kommen und weitermachen. Auch in die Schönaicher Bäckerei, in der er seine Ausbildung gemacht hat, könne er zurück. Als Dirigent wurde er ebenfalls wieder angefragt.

Doch Spindler steht der Sinn nach Neuem: "Ich möchte jetzt etwas ganz Anderes machen, eher im sozialen Bereich", sagt Spindler. Tatsächlich arbeitet er derzeit beim Stuttgarter Marienhospital im Patientenbegleitdienst. Dafür hatte er sich noch in Kinshasa beworben

"Ich habe ungefähr noch drei Jahre, bis ich Rente beantragen kann. Dann bin ich wieder etwas freier und kann schauen, ob sich vielleicht nochmal eine Tür auftut. Wenn es weiter so kalt bleibt, kann es auch sein, dass ich wieder weggehe." Vielleicht am Ende ja doch wieder in den Kongo.