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Förster Winfried Seitz verrät der KRZ seinen Lieblingsplatz im Herrenberger Stadtwald

"Wir wollen ruhige Ecken schaffen"

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    Den Galloway-Rindern steht ein großes Gelände zur Verfügung - frisches Wasser gibt es überall, weshalb sie kein zusätzliches Trinkwasser benötigen Foto: Michael Bermel/Eibner

In den Ferien gehen viele Menschen auf Reisen, um die schönen und versteckten Orte der Welt zu entdecken. Dabei warten einige von ihnen direkt vor der Haustür. Die KRZ hat Förster aus der Region zu ihren Lieblingsplätzen im Wald begleitet. Winfried Seitz hat uns die Herrenberger Waldweidefläche gezeigt.

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Herrenberg Waldweide
Herrenberg Waldweide
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Artikel vom 28. August 2019 - 16:54

HERRENBERG. An einem kühlen Morgen geht die Waldtour mit Förster Winfried Seitz am Wanderparkplatz Mönchberger Sattel los. Der Boden ist noch feucht vom Morgentau, doch die Waldbewohner sind schon hellwach: Vögel zwitschern, ein Wildhase kreuzt den Weg in sicherer Entfernung.

"Meine Lieblingsplätze wandeln sich von Jahr zu Jahr", erzählt der Förster auf dem Weg zu seinem ausgewählten Ort. "Ich bin jetzt seit 15 Jahren hier, da entwickelt sich der Wald weiter und ich auch", sagt Winfried Seitz. "Wenn mich also jemand nächstes Jahr fragt, dann werde ich wahrscheinlich einen anderen Platz nennen", fügt er hinzu.

Die lichten Flächen sind auch für Insekten und Amphibien gut

Links und rechts vom Weg erstreckt sich dichter Wald, hohe Bäume sind gesäumt von Gestrüpp und Büschen. Ein Blick in das Dickicht zeigt, dass es bereits nach einigen Metern so dunkel wird, dass Details mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen sind. Doch nach einigen Schritten ändert sich das Bild. Eine offene, lichte Waldfläche präsentiert sich, ein Elektrozaun mit Holzpfosten zieht sich entlang des Weges. "Das hier ist einer meiner Lieblingsplätze", sagt Winfried Seitz und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Waldweidefläche, die sich hier auf rund sieben Hektar erstreckt. In diesem Gebiet weiden seit Mai diesen Jahres fünf Galloway-Rinder. Solche Waldweiden sind eine historische Nutzungsform. Noch vor rund 300 Jahren haben viele Bauern ihre Rinder in den Hute-Wald getrieben, da die Wiesen als Nahrung nicht ausgereichten. Damals war dies die dominante Wirtschaftsform im Wald. "Waldweideflächen sind heutzutage sehr selten, kommen jetzt aber wieder in den Fokus", erklärt Förster Seitz.

Gartenrotschwanz, Mittelspecht und Wespenbussard profitieren von der Waldlandschaft

Die lichten Flächen sollen auch im Sinne des Naturschutzes wirken: Insekten, Käfer und Mausohrfledermäuse halten sich besonders gern an diesen Stellen auf. "Die Mausohren jagen Käfer am Boden - dafür eignen sich offene Waldflächen am besten", sagt er. Auch Vogelarten wie der Halsbandschnäpper, der Gartenrotschwanz, der Mittelspecht oder der Wespenbussard profitieren von der neuen Waldlandschaft in Herrenberg. "Wir wollen keinen einheitlichen Wald, sondern einen Naturpark, der für Natur, Tiere und Menschen gleichermaßen interessant bleibt", betont Winfried Seitz.

Nach einigen Schritten entlang des Zauns kommt eine schwarze Kuh in Sicht, die verstohlen durch die Bäume lugt. Ein Weile beobachtet sie die Neuankömmlinge versonnen, dann trabt sie auch schon neugierig auf den Zaun zu. "Früher waren hier über hundert Herden unterwegs. Mit den Galloway-Rindern haben wir also nichts Neues erfunden, sondern die Idee ist vielmehr aus einem Rückblick in alte Zeiten entstanden", erzählt der Förster. "Uns ist es wichtig, dass wir die verschiedenen Funktionen des Waldes alle gleich gewichten. Das heißt, Ökonomie, Ökologie und die Erholungsfunktion für die Menschen stehen bei uns an gleicher Stelle", fügt er hinzu.

Laubfrösche, Gelbbauchunken und Feuersalamander fühlen sich wohl

Deshalb sind auch rund 80 Prozent der Weide für Spaziergänger einsehbar. Nicht nur die Natur soll von den Galloway-Rindern profitieren, sondern auch die Menschen. Für die Rinder gibt es innerhalb des Gebiets insgesamt drei Tränkteiche und einen Bach, weshalb sie kein zusätzliches Trinkwasser benötigen. Der Bach, den eine Schulklasse mit dem Förster zusammen von losen Ästen und Gestrüpp befreit hat, bietet vielen Reptilien und Amphibien eine Heimat. "Durch das Licht, das jetzt durchdringt, haben wir bereits Laubfrösche, Gelbbauchunken, Ringelnattern und Feuersalamander sichten können", sagt er.

Von den Stimmen der Zaungäste angezogen, bewegt sich die Gruppe von Rindern langsam Richtung Zaun. Vier schwarze Exemplare sind dabei, eine ist weiß mit schwarz umrundeten Augen. "Die ist die Chefin im Ring", weiß Winfried Seitz und lacht. Als hätte sie zugehört, verteidigt sie auch prompt ihre Stellung, als eine ihrer Kolleginnen sich an einem ihrer Grasbüschel vergreift.

Die Tiere sind im August auf einer anderen Weide, damit das Gras Zeit hat, nachzuwachsen

"Wir sind im Moment noch in der Anfangsphase", meint der Förster. Das Gebiet soll in den nächsten Jahren noch optimiert werden, auch die Herdengröße steht noch nicht definitiv fest. Im August sind die Tiere für ein paar Wochen auf einer anderen Weide, damit das Gras Zeit hat, nachzuwachsen. "Ab September sind sie dann aber wieder hier", sagt er.

Da es im April und Mai sehr trocken war, hatte das Gras nicht genügend Zeit zu wachsen, weshalb dem Boden nun eine Pause gegönnt wird. "Das Tierwohl steht bei uns natürlich an oberster Stelle, wir wollen schließlich nicht, dass die Tiere hungern müssen", macht Winfried Seitz klar. Außerdem soll im Laufe des nächsten Jahres auch noch eine Besucherplattform mit Infotafeln entstehen. "Wir wollen versuchen, diese Plattform auch für Rollstuhl und Rollator zugänglich zu machen", sagt er. Damit soll der Parkcharakter weiter gefördert werden und erhalten bleiben.

Wer dem lichten Waldstück ein paar nähere Blicke gönnt, entdeckt auch einige skurrile Baumarten und Wuchsformen. Da stehen einige Wildobstbäume und Bäume, deren Äste beinahe waagerecht aus dem Stamm wachsen. "Durch das fehlende Gebüsch kommen jetzt die Besonderheiten der Bäume erst richtig zur Geltung", sagt der Förster. "Es ist unser Ziel, auch in Zukunft ruhige Ecken zu schaffen, an denen sich die Menschen hier im Wald erholen können."