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Die Schönbuchstrolche von Hildrizhausen toben durchs Unterholz

Aus dem Wald in Hildrizhausen tönt Kindergeschrei - die Schönbuchstrolche sind wieder unterwegs

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    Während des Morgenkreises im Waldkindergarten in Hildrizhausen begrüßen sich die Kinder und singen Lieder Fotos: Eky Eibner

Im Dreck buddeln, einen Unterschlupf aus Holz bauen oder doch Stöcke schnitzen? Der Nachwuchs im Waldkindergarten in Hildrizhausen ist bei Wind und Wetter draußen im Grünen. Die Kreiszeitung war für einige Zeit mit von der Partie und hat sich angeschaut, was die Schönbuchstrolche so treiben.

Artikel vom 27. August 2019 - 16:59

HILDRIZHAUSEN. Am Parkplatz des Waldhauses in Hildrizhausen steht bereits das erste Hinweisschild: Hier geht's zu den Schönbuchstrolchen. Nach einem labyrinth-ähnlichen Gang durch die Gebäude des Waldhauses, geradeaus vorbei an der Werkstatt, kommt auch schon die Schutzhütte am Rande von weiten Feldern in Sicht. Doch das wichtigste Zeichen, das die Richtung weist, ist das Kindergeschrei. Die Winzlinge tummeln sich auf dem Platz vor dem Holzhaus, rennen hinein und wieder heraus. Einige Eltern liefern ihre Kinder ab, Regenjacken werden in letzter Sekunde noch schnell in Rucksäcken verstaut. Bis halb neun können sie ihre Sprösslinge in den Waldkindergarten bringen.

Vor der Hütte befindet sich ein Stall mit zwei Häschen - Ella und Pünktchen -, die die Kinder versorgen dürfen. Ein Häschen-Versorger verrät, dass sie besonders gerne Löwenzahn und frische Karotten mögen. In der Holzhütte selbst gibt es eine Toilette, eine Küchenzeile mit Tischen und Stühlen zum Sitzen. "Wir verbringen meist die erste und letzte Stunde der Kindergartenzeit in der Hütte, die restliche Zeit sind wir im Wald", erklärt Klara Knapp, die Leiterin. Neben der Tür hat jeder ein kleines Körbchen, in dem Handschuhe und Mützen lagern. Die kleinen Waldbewohner müssen jeden Tag mit langer Hose, langen Ärmeln und einer Kopfbedeckung in den Kindergarten kommen.

Es stehen Aktivitäten sowohl drinnen als auch draußen an

"Wir haben meistens sowohl innen als auch draußen Aktivitäten im Programm", fügt Klara Knapp hinzu. Die freischaffende Künstlerin Elena Schmidt veranstaltet in regelmäßigen Abständen ein "offenes Atelier", in dem die Kinder dann kleine Kunstwerke schaffen können. "Zuletzt haben sie alle ein Bild mit einem Löwen drauf gemalt", erzählt Klara Knapp und zeigt einige Fotos auf ihrem Handy von den Malkünsten der kleinen Pinsel-Meister. Mit Richard Wilhelm, der staatlich anerkannter Kinderpfleger ist, arbeiten die Schönbuchstrolche auch ab und zu in der Werkstatt, in der sie lernen mit Werkzeugen umzugehen. Auf dem Tisch in der Mitte der Hütte stehen kleine Schiffe, die sie erst vor kurzem zusammen gebaut haben.

Nachdem alle Eltern gegangen sind, beginnt der Morgenkreis. Dafür stehen hinter der Hütte neben einem Außenspielbereich Baumstümpfe bereit, auf denen die Kinder sich niederlassen. Im Chor geben die Kleinen ein lautes "Guten Morgen" von sich, dann wird mit dem Würfel ein Helferchen gekürt, das beim Zählen der Gruppe behilflich ist. Und ein Guten-Morgen-Lied darf natürlich auch nicht fehlen: Die Wahl fällt auf ,Bruder Jakob', das die Dreikäsehochs auf Deutsch, Englisch und Französisch aus voller Kehle zum Besten geben.

In einer Dreirad-Karre wird alles notwendigen Dinge eingepackt

Dann geht es weiter mit einem der wichtigsten Punkte des Tages: der Pipi-Pause. Währenddessen wird eine Dreirad-Karre mit den wichtigsten Dingen bestückt. "Tee, Wasser zum Händewaschen, Sitzkissen, Schnitzmesser und nicht zu vergessen - der Heinrich", sagt Klara Knapp und lacht. Sie hält eine Plastik-Klobrille in die Höhe: "Das ist unser Heinrich." Falls die Pipi-Pause also nicht ausreicht, gibt es Abhilfe.

Die Kinder finden sich in Zweiergruppen zusammen, nehmen sich an der Hand und dann geht's auch schon los: Ziel ist der Hexenplatz im Wald. Nach einem kurzen Fußmarsch kommt die Gruppe an einem Platz an, auf dem bereits ein Tipi und ein Waldsofa aus Holz stehen. Ausgelassen rennen die Minis los. Obwohl es wenig bis gar keine Spielzeuge gibt, finden sie alle sofort eine Beschäftigung. "Wir merken, dass die Kinder hier sehr ideenreich und fantasievoll sind, weil sie sich ihre Spielzeuge selber machen müssen", erklärt Klara Knapp. Auch eine höhere Sozialkompetenz stellt die Kinderpädagogin immer wieder fest. In diesem Moment kommt ein kleiner Junge auf einen anderen zu, der auf dem Boden sitzt und fragt: "Brauchst du was zu essen?", woraufhin der andere nach kurzem Überlegen antwortet: "Ich möchte eine Curry-Ketchup-Wurst, die nach Bolognese schmeckt!" Sein Freund nickt ernst und dreht sich um, um den Essenswunsch, der höchstwahrscheinlich unerfüllt bleibt, zu übermitteln.

Die Kinder müssen immer in Hör- und Sichtweite bleiben

Aus 15 verschiedenen Plätzen im Wald können sie ihre Ausflugsziele wählen. "Die Orte haben alle unterschiedliche Anforderungen: einmal ist es steil, dann können sie klettern, und an anderen Stellen gibt es beispielsweise Wasser", erzählt Klara Knapp. Die Kinder haben jedoch auch strenge Regeln, an die sie sich halten müssen, wenn sie draußen im Wald sind. "Sie müssen immer in Sicht- und Hörweite bleiben. Da haben wir auch keinerlei Probleme, sie ermahnen sich sogar gegenseitig", erklärt sie. Mit Richard Wilhelm und Klara Knapp hat der Nachwuchs außerdem die Möglichkeit, seine Ansprechpartner selbst zu wählen. "Es ist immer noch eher selten, dass ein Mann in einem Kindergarten arbeitet," erklärt Klara Knapp. Außerdem haben die Arbeitskräfte im Waldkindergarten alle unterschiedliche Kompetenzen, weshalb den Kindern verschiedene Einflüsse und Perspektiven zu Gute kommen. Richard Wilhelm ist Kinderpfleger, Elena Schmidt ist freischaffende Künstlerin, Stefanie Niedermann ist Ergo-Therapeutin und Roland Beck ist Landschaftsarchitekt, der ihnen die Pflanzenwelt näher bringt. Klara Knapp hat ihren Bachelor in frühkindlicher Bildung und Erziehung absolviert.

Einige springen herum, andere beschäftigen sich leise mit allerlei Dingen, die sie auf dem Waldboden finden. Zwei Schönbuchstrolche sitzen bereits im Laub und verwandeln mit ihren Taschenmessern Äste in kleine Speere. "Ab vier bringen wir den Kindern bei, zu schnitzen. Sie lernen richtig schnell", erklärt Klara Knapp. Da fragt einer der Stöckchen-schnitzenden Jungs den anderen: "Verbrennst du die?" Sein Kumpane antwortet: "Nee, ich mach die in mein Zimmer." Als ein weiterer Junge hinzukommt folgt sofort die Ermahnung der anderen zwei: "Wer schnitzt, der sitzt!" - Bei den Schönbuchstrolchen sitzen offenbar nicht nur das Schnitzen, sondern auch die Sicherheitsregeln.