Instagram

Der Respekt wird immer geringer: Unterwegs mit einer Polizeistreife im Böblinger Nachtleben

  • img
    Einsatz am Böblinger Bahnhof. Für die Streifenbesatzungen ein Ort, den sie häufig aufsuchen in ihrem Job Fotos: Eky Eibner

In der Nacht auf den 5. Juli sticht ein Verwirrter mit dem Messer auf zwei Polizisten in Böblingen ein. Nur durch in Notwehr abgegebene Schüsse können sie sich retten. Der Fall zeigt: Gewalt gegen Polizeibeamte gehört mittlerweile zum Alltag. Und ist nur die Spitze des Eisbergs.

Artikel vom 26. August 2019 - 15:58

BÖBLINGEN. "Na, dann schauen wir doch gleich mal da vorbei", sagt Polizeihauptmeisterin Jeanette Herr und bringt ihren Streifenwagen auf Touren. Gerade hat ihre Nachtschicht begonnen. Es ist Freitagabend um 20.34 Uhr in Böblingen, die Sommerluft ist lau. Wie immer in solchen Nächten sind zwischen Bahnhof, Flugfeld und Innenstadt Nachtschwärmer unterwegs. Beliebte Wegzehrung bei den Jüngeren: eine Flasche Billig-Wodka in der einen, eine Flasche Billig-Energy-Drink in der anderen Hand. So bewaffnet ziehen sie um die Häuser, suchen sich dunkle Ecken, Vordächer, Parkbänke.

"Die Nachtschicht ist immer eine Wundertüte", sagt Polizeihauptkommissar Martin Katz vom Beifahrersitz aus, als das Polizeiauto auf die Albabrücke einbiegt. "Es kann total ruhig sein. Oder man ist die ganze Zeit auf Achse." Die Streife hält vor der Kongresshalle, die zurzeit wegen Umbauarbeiten verrammelt ist. Im benachbarten Restaurant steigt eine Party. Als hätten es die beiden Ordnungshüter geahnt, treffen sie unter dem Vordach des Haupteingangs auf eine Gruppe Jugendlicher.

Auf dem Boden stehen Wodkaflaschen, es wird geraucht, aus einem tragbaren Lautsprecher blubbert Rapmusik. "So bitte mal alle die Ausweise", unterbricht Katz die improvisierte Feierei. Zwei von den sieben sind noch nicht volljährig. Der Alkoholtest schlägt an, sie haben was intus. Da nur der Wodka infrage kommt, haben sie gegen das Gesetz verstoßen. Der gehört zu den branntweinhaltigen Getränken und darf erst ab 18 Jahren genossen werden. Alle Beschwichtigungen helfen nichts: Das 17-jährige Mädchen und ihr 17-jähriger Bekannter dürfen auf dem Rücksitz Platz nehmen und erhalten eine Gratisfahrt auf die Wache. Dort sollen sie von den Eltern abgeholt werden. Die Umstehenden geben sich betont cool: Polizeikontakt? Mir doch egal.

"Die Mutter des Mädchens hat am Telefon überhaupt nicht verstanden, was das Ganze soll. Sie ist offenbar sauer, dass sie jetzt herkommen muss", sagt der Polizist. Nicht die Tatsache, dass ihre Tochter sich irgendwo in der Stadt betrinkt und von der Polizei aufgegriffen wird, sorgt bei ihr für Unbehagen. Sondern dass sie sich vom Sofa bequemen soll. "Wir sind das mittlerweile gewohnt", sagt Katz. "Respekt vor der Polizei scheint bei gewissen Gruppen nicht mehr allzu ausgeprägt."

Den Grund dafür sieht der stämmige Beamte mit dem Vollbart in der Art und Weise, wie Polizisten in der Öffentlichkeit auftreten sollen. "Man hat hier über Jahre einen Kuschelkurs gefahren, sollte immerzu deeskalierend wirken. Doch das funktioniert nicht." Gewisse Gruppen hätten die freundliche Art als Aufforderung zum Pöbeln verstanden. Das Gewaltpotenzial gegenüber der Polizei sei dadurch immer weiter angestiegen, sagt er. Dass ihm einer den Arm wegschlägt, wenn er ihn packt, ist da noch das Geringste. "Ich wurde auch schon mal angespuckt", sagt der Polizist, der eine von fünf Dienstgruppen im Böblinger Revier leitet. "Viele probieren einfach mal aus, wie weit sie gehen können. Entfernen sich von der Kontrolle, reißen Sprüche. Das ist so der Anfang."

Die kleinen Provokationen stören die beiden schon gar nicht mehr. Jeanette Herr: "Hunde, die bellen, beißen nicht." Doch spätestens seit der Messerattacke auf zwei junge Kollegen in der Nacht auf 5. Juli in der Böblinger Bunsenstraße, fährt ein mulmiges Gefühl mit, wenn sie auf Streife sind. Das Gefühl lässt sich auch mit Zahlen belegen. Im Jahr 2018 wurden im Kreis Böblingen 190 Fälle von Gewalt gegen die Gesetzeshüter registriert. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 108. Im ganzen Präsidium, zu dem auch der Landkreis Ludwigsburg gehört, zählt die Statistik 355 Fälle auf. Dabei kamen 854 Beamte zu Schaden, die meisten trugen nur leichte Verletzungen davon. Doch wenn man bedenkt, dass in beiden Kreisen rund 1500 Beamte im Vollzugsdienst arbeiten, liegt die Chance, einmal im Jahr angegriffen zu werden, bei 56 Prozent.

Nachdem der Papierkram mit den Jugendlichen in den Computer getippt ist - mittlerweile ein echter Zeitfaktor -, bleibt das Funkgerät für eine Weile still. Jeanette Herr trägt wie alle Streifenbeamten im Präsidium seit Mai eine sogenannte Bodycam an der Uniform. Das kleine graue Kameragerät hängt auf Brusthöhe links an der schusssicheren Weste. "Wir schalten es vorsorglich ein, wenn wir zu einer Situation kommen, in der erkennbar Unfrieden herrscht", sagt die 36-Jährige Beamtin.

Dann kann sie das Gerät mit einem einfachen Knopfdruck aktivieren. Ein grüner Ring symbolisiert, dass gefilmt wird. Herr: "Die Funktion nennen wir Pre-Recording. Das bedeutet, es werden immer nur die letzten 90 Sekunden gespeichert." Drückt sie den Knopf aber zweimal, leuchtet der Ring rot und filmt dauerhaft. "Bis jetzt haben wir das zum Glück noch nicht oft benutzt", sagt ihr Vorgesetzter Katz.

Um 23.12 Uhr stört ein Funkspruch die kurze Verschnaufpause: Ruhestörung an der Ludwig-Uhland-Schule. Wieder seien es Jugendliche. Vor Ort zeigt sich ein vertrautes Bild: Vor dem Schuleingang lungert eine kleine Partymeute, lässt die Flaschen kreisen. Die Jüngste von ihnen ist erst 13. Die älteren Jungs sind volljährig, überspielen ihre Nervosität mit betonter Lässigkeit. Mal wieder. Nach der Kontrolle spricht die Polizei einen Platzverweis aus, harter Alk ist nicht im Spiel.

"Manchmal bin ich ganz froh, etwas ländlicher zu wohnen", sagt Martin Katz. Dort gelte eine Uniform noch deutlich mehr. "In meiner Ausbildung musste ich mal eine Gruppe Jugendlicher in einem kleineren Ort bei Leonberg kontrollieren. Um mir Gehör zu verschaffen, habe ich eben mal eine etwas lautere Ansage gemacht. Auf einmal standen die in Reih und Glied vor mir. Das wäre mir hier in Böblingen nie passiert. Die Stadt ist mittlerweile nicht ohne", sagt er.

Auffällig sei auch eine Häufung von Fällen, in denen Menschen "in psychischen Ausnahmesituationen Straftaten begehen", wie es in der Beamtensprache heißt. Sprich: völlig durchdrehen. So geschehen bei der Messerattacke auf die beiden Polizisten in der Nacht auf den 5. Juli. So geschehen in der Nacht auf den 12. Dezember 2018, als ein 17-Jähriger in einem Hochhaus in der Böblinger Eugen-Bolz-Straße im Wahn seine Mutter und seine Großmutter erstochen hat. "Meine Dienstgruppe war als erstes am Einsatzort", erinnert sich Katz nur ungern an diesen grausamen Mittwochmorgen. "Zum Glück gibt es mittlerweile gute Gesprächsangebote im Nachgang zu solchen Einsätzen, in denen man das Erlebte verarbeiten kann", sagt er. Doch Einsätze wie diese werden er und seine Kollegen wohl nie vergessen. Und sie häufen sich, wie ein Blick in die Statistik zeigt.

Dann kommt schon der nächste Einsatz rein. Unstimmigkeiten mit einem Taxifahrer am Haupteingang der Panzerkaserne. Wer weiß, was jetzt auf die beiden wartet. Das mulmige Gefühl fährt jedenfalls mit.