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Als Kind missbraucht: Wie Tanja W. ihr Trauma bekämpft

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    Blick auf eine schmerzvolle Kindheit: Tanja W. am Böblinger Elbenplatz, wo sie in den 1970er Jahren aufgewachsen ist Fotos: Thomas Bischof

Die Wut sitzt ganz tief. Tanja W. (Name von der Redaktion geändert) redet sich schnell in Rage. Ist verzweifelt, verärgert, hilflos. Der eigenen Adoptivmutter macht sie schwere Vorwürfe, ihre Kindergarten- und Schulzeit in Böblingen muss ein Horror gewesen sein. Bislang hat keine Therapie geholfen, doch zuletzt tat ein Treffen mit einer alten Bekannten gut.

Artikel vom 21. August 2019 - 19:19

BÖBLINGEN. Jahrzehnte war Tanja W. nicht mehr in ihrer Heimatstadt unterwegs. Jetzt streift sie am Unteren See in Böblingen entlang, immer wieder kommen Erinnerungen hoch - es sind fast nur schlechte. "Ich fühle mich gerade wie das kleine Kind damals", sagt sie verbittert. Am Elbenplatz ist die heute 47-Jährige aufgewachsen - und zwar als Junge. Doch bald entdeckte Tanja W. ihre Transsexualität, sie fühlte sich als Frau in einem männlichen Körper. Anfang 20 entschied sie sich für die Geschlechtsumwandlung. Doch das ist nur ein Part ihres Lebens, der von Irrungen und Wirrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Gewalt und Verzweiflung erzählt.

"Meine Adoptivmutter und mein Patenonkel haben mich misshandelt", klagt Tanja W. an, "sie haben mir Essen entzogen, mich gedemütigt und geschlagen." Die 47-Jährige erhebt schwere Vorwürfe, sogar sexueller Missbrauch sei vorgefallen. Das Umfeld habe zugeschaut oder mitgemacht. Im Kindergarten habe sie Fleisch essen und Milch trinken müssen - obwohl sie beides hasste. Dass sie als kleiner Bub gerne in der Puppenecke spielte, sei der Kindergartenleiterin ein Dorn im Auge gewesen. "Wenn er sich wie ein Mädchen verhält, dürft ihr ihn schlagen", habe die Erzieherin zu den anderen Kindern gesagt.

Wenn Tanja W. ihre Leidensgeschichte erzählt, klingt das extrem - zu extrem? Sie selbst geht freimütig mit ihren psychischen Erkrankungen um, zeigt ärztliche Gutachten. Darin ist von Impulskontrollverlusten, Depression und selbstverletzendem Verhalten die Rede, an anderer Stelle wird "Borderline" diagnostiziert. Heißt das auch, dass sie die schlimmen Erlebnisse ihrer Jugend überzeichnet? Das lässt sich wohl nicht abschließend klären, doch Tanja W. schildert die Vorgänge ergreifend plastisch und genau, kann sich auch spontan an Einzelheiten erinnern. Ihr Körper zittert, wenn sie von ihrer Kindheit berichtet, sie bebt vor Verzweiflung. Vielleicht auch, weil Missbrauchsopfer stets damit zu kämpfen haben, ernst genommen zu werden. Geht es um die Wahrheitsfindung, steht meist Aussage gegen Aussage. "Ich weiß, was passiert ist", zischt Tanja W. und ballt die Faust, "manchmal weiß ich nicht, wohin mit der Wut - die anderen nennen mich dann krank."

Der Jugendliche lässt sich in der Wohnung am Elbenplatz immer weniger von seiner Adoptivmutter gefallen, der Konflikt eskaliert. Die Erziehungsberechtigte schaltet das Jugendamt ein - und nun kommt Uschi Dick ins Spiel. Die Sozialpädagogin, heute bei der "Stiftung Jugendhilfe aktiv" in Böblingen tätig, nimmt sich Mitte der 80er Jahre des Falls an. "Es war klar, dass der Junge da raus muss", berichtet die 63-Jährige, die den 14-Jährigen in einem Heim in Heidenheim unterbringt. "Du hast mich damals gerettet", jubelt Tanja W. beim Besuch zuletzt in Böblingen, wo sich die beiden nach vielen Jahren wieder einmal getroffen haben. "Aber von dem Missbrauch habe ich gar nichts gewusst, das hast Du nicht erzählt", sagt Uschi Dick und hält ihrer einstigen Klientin die Hand. "Ich konnte nicht, ich habe mich geschämt", sagt Tanja W.

Der Umzug von Böblingen nach Heidenheim war zwar eine Erleichterung, brachte den jungen Mann aber nicht auf ein geordnetes Gleis. "Ich kam mit dem Schwulenstrich in Stuttgart in Kontakt und bin dort lange anschaffen gegangen", berichtet Tanja W. Doch als Homosexueller fühlt sich der Böblinger nicht - vielmehr entdeckt der junge Mann, dass er im falschen Körper steckt. Die Entscheidung steht bald fest: Geschlechtsumwandlung.

Zunächst kommt es zur Hormonbehandlung. Zu dieser Zeit hat der Böblinger aber gerade eine Friseurlehre begonnen, die ihm gut gefällt. Doch als er immer weiblicher wird und ihm Brüste wachsen, wird er gemobbt. "Alle haben mich wie einen Außerirdischen angeschaut", erinnert sich Tanja W. verbittert, "letztlich habe ich die Lehre leider nicht abgeschlossen." Dafür folgt die Operation. "Mit 21 Jahren war ich eine Frau", sagt Tanja W. feierlich.

Danach fühlt sie sich wohl - wie neugeboren. Aber auch das lässt den Rucksack voll Kummer, den die junge Frau seit Kindheitstagen mit sich herumschleppt, nicht leichter werden. Sie arbeitet als Prostituierte, nimmt Drogen, macht Therapien, ist verzweifelt. Tanja W. findet heraus, wo sich ihre leibliche Mutter aufhält. Dreimal treffen sie sich. Die alkoholkranke Frau arbeitet selbst als Prostituierte. Wer der leibliche Vater von Tanja W. ist, nimmt die Mutter 2018 mit ins Grab.

Seit etwa einem Jahr will Tanja W. ihr Leben umkrempeln. Ihr Frührentenbescheid - und damit auch eine gewisse Anerkennung ihres Schicksals - war ein Auslöser. Immer helfend an ihrer Seite (beziehungsweise an Ketten um ihren Hals): Heilsteine. Die bunten Klumpen glitzern in verschiedenen Farben und sollen in verschiedenen Lebenslagen unterstützen. "Sie geben mir Kraft", betont Tanja W.

Und die kann die gebeutelte Frau derzeit gut gebrauchen. Denn sie hat sich für den Konfrontationskurs entschlossen, geht unter anderem auf Zeitungen zu. "Das öffentlich zu machen, hilft mir", sagt die 47-Jährige, die seit einigen Jahren in Pforzheim wohnt, "aber vor allem sollte Missbrauch einfach nicht mehr passieren. Man muss viel genauer hinschauen."

Wie so viele Opfer macht sie die Verjährung der Taten wütend. "Warum sind solche Verbrechen nach einigen Jahren wie ungeschehen?", fragt Tanja W., "die Opfer leiden ihr ganzes Leben." Über ihre Adoptivmutter, die im Landkreis Tübingen lebt und sich dort sozial engagiert, liest Tanja W. hin und wieder in der Zeitung. "Da könnte ich kotzen", sagt sie barsch.

Auch dem Ort ihrer schmerzhaften Kindheit wollte sie wieder einen Besuch abstatten, das Treffen in Böblingen mit ihrer "Retterin" Uschi Dick klappt. "Auch wenn der Weg vom Bahnhof bis zum Elbenplatz ein Horror war", berichtet Tanja W., "die ganzen Erinnerungen."

Die ehemalige Jugendamt-Mitarbeiterin hat die Anfrage gerne angenommen. "Ich treffe mich oft mit ehemaligen Klienten", sagt die 63-Jährige, "ich finde total spannend, wie es ihnen geht." Zwei intensive Stunden verbringen die beiden in einem Café am Elbenplatz miteinander. Uschi Dick redet Tanja W. gut zu, empfiehlt ihr eine Trauma-Therapie. "Dein Leben lang wütend zu sein, bringt dir nichts", sagt die Sozialpädagogin, "man muss lernen, mit den Verletzungen zu leben."

Nach dem Besuch am Heimatort Böblingen geht es noch ins Heim

Das zeitigt Wirkung. Der Termin in Böblingen scheint Tanja W. zu helfen - als ein Element von vielen, um wieder eine gewisse Balance zu finden. "Dieser Tag war sehr anstrengend für mich, aber er hat viel Gutes in mir ausgelöst", bilanziert die 47-Jährige im Nachhinein. Zwei Wochen nach dem Treffen in Böblingen besucht sie noch das Heim in Heidenheim, wo sie Teile ihrer Jugend verbracht hat. "Dort habe ich meine liebe Erzieherin und weitere Gruppenmitglieder von damals getroffen", sagt Tanja W., "es war sehr emotional."

Im Moment geht der Blick nach vorne - auch wenn das Leben von Tanja W. mit ihrer Minirente, Hartz-4-Aufstockung und ohne Berufsausbildung nach wie vor auf wackeligen Füßen steht. "Ich möchte anderen Menschen helfen, an ihre eigene Kraft zu kommen", sagt Tanja W., "ich glaube, ich kann da als gutes Vorbild fungieren."