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"Klimawandel bei uns" (2): Landwirt Martin Schmid aus Holzgerlingen will künftig auf neue Getreide-Sorten setzen

Schlechte Ernten und kleinere Körner

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    Hitze und lange Trockenperioden haben dafür gesorgt, dass die Erntezeit heute viel früher einsetzt als noch vor einigen Jahren Fotos: Tabea Günzler

Weizenmehl im Brot, Haferflocken im Müsli: Landwirt Martin Schmid aus Holzgerlingen ist ein Erzeuger aus der Region. Auch bei ihm macht sich der Klimawandel bemerkbar. Er hat der KRZ verraten, wie genau sich Trockenheit und Starkregen auf das Getreide auswirken, und wie es um die Landwirte im Kreis bestellt ist.

Artikel vom 16. August 2019 - 16:20

HOLZGERLINGEN. Ein Freitagmittag mitten im August. In den letzten Tagen war es extrem heiß, heute zeigt das Thermometer "nur" lauschige 26 Grad an. Trotzdem brennt die Sonne bereits jetzt stark auf die Felder am Ortsrand von Holzgerlingen. Hier, direkt neben der B 464, liegt der "Schlosshof", eine Pferdepension mit landwirtschaftlichem Betrieb. Er gehört Landwirt Martin Schmid, der sich heute um seine Ernte auf den Feldern kümmert. Und das zu einem deutlich früheren Zeitpunkt im Vergleich zu den Vorjahren.

Schmid ist auf dem Bauernhof aufgewachsen, hat den Eltern über Jahre hinweg geholfen, bis er 1989 den "Schlosshof" von seinem Vater übernahm. Mitte der 1990er Jahre wurde er schließlich Vollzeitlandwirt und wandelte den Schweinemastbetrieb in eine Pferdepension um. Normalerweise holt Schmid das Getreide und Stroh erst im Spätsommer ein. Seit dem Hitzejahr 2003 rutscht mit jeder wiederkehrenden Trockenperiode der Zeitpunkt der Ernte immer weiter nach vorne. "2018 waren wir sogar noch zehn Tage früher fertig, also schon Mitte Juli. Aber auch in diesem Jahr sind wir früher dran als sonst." Erst am Tag zuvor habe er das Mähdreschern abgeschlossen. Gegen Ende August werde er voraussichtlich die vollständige Ernte eingefahren haben.

Martin Schmid bewirtschaftet eine Fläche von 65 Hektar

Rund zwei Minuten entfernt vom "Schlosshof" befindet sich eines von Schmids weit verstreut liegenden Getreidefeldern. Dieses Ziel steuert er heute mit seinem grünen Traktor an. Immer in seinem Schlepptau: Ein rot-farbenes Gespann, das einer übergroßen Harke ähnelt und an den Traktor angehängt ist. Der "Schwader", erklärt Martin Schmid, der dafür sorgt, dass das Stroh auf den Feldern aufgelockert wird, damit es anschließend gepresst werden kann.

Insgesamt bewirtschaftet Martin Schmid eine Fläche von 65 Hektar: Hafer, Gerste, Weizen und Raps baut er auf rund hundert Ackerflächen an. Allein das Getreide nimmt 35 Hektar ein. Wenn Gerste und Weizen im September und Oktober ausgesät werden, beginnt das "neue Jahr" im Ackerbau. Eigentlich sollte die Zeit bis zur Ernte zwölf Monate dauern, doch Schmid fährt bereits im August eine Bahn nach der anderen ab.

Dieses Jahr fährt der Landwirt 10 Prozent weniger Ernte ein

In einem "guten Jahr" kann er etwa 5200 Euro Umsatz machen. Wenn Weizen, Gerste und Hafer gesund sind, sind meistens 150 Euro pro Hektar Fläche drin. In diesem Jahr werden es jedoch wohl 20 Prozent weniger werden: "Nur 120 Euro habe ich pro Hektar Getreide bekommen", sagt er. Grund dafür seien zum einen die um zehn Prozent gefallenen Getreidepreise. Zum anderen sei aber auch der Ertrag der Ernte im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent zurückgegangen. Keine gute Bilanz, vor allem wenn man Schmids Arbeitszeit mitrechnet: "Im Verhältnis sind es 13 Stunden pro Hektar, die ich mit der Vorbereitung, Aussaat und dem Einholen der Ernte beschäftigt bin." Insgesamt sind das für ihn mehr als 400 Stunden Arbeit. Und das bei jedem Wetter. "Wenn andere bei der Hitze die Füße hochlegen, geh' ich in die Scheune und lagere das Stroh ein, selbst wenn das Thermometer dort 68 Grad anzeigt", sagt er.

Mit Traktor und Schwader zieht sich die holprige Fahrt weiter über Stroh, vertrocknete Erde und abgetrennte Halme, die nun als Stoppel aus dem Boden ragen. Je nach Länge der Ackerfläche braucht das Bahnenziehen mehrere Minuten von einem Feldweg zum nächsten. Das Zeitfenster ist knapp: Vor Einbruch der Dunkelheit muss Schmid das Stroh eingeholt haben. Bevor die Feuchtigkeit kommt, die zumindest noch in der Nacht auftaucht.

Fehlender Frost macht die Erde weniger wasserduchlässig

Aber nicht nur das Getreide leidet unter der Hitze. In diesem Jahr besonders betroffen war der Raps. "Nur 52 Tonnen habe ich eingefahren. Normalerweise sind es 65." Mit diesem Problem steht Schmid nicht allein da. Für viele Landwirte war das Aussäen der Rapskörner im vergangenen August geradezu eine Mutprobe: Aufgrund von Hitze und Trockenheit bestand die unmittelbare Gefahr, dass die Keimlinge nicht genug Wasser aufnehmen könnten. Weitere Sorgen bereitete den Landwirten der ebenfalls trockene Winter sowie der fehlende Frost, der im schlimmsten Fall dazu führt, dass sich die Erde nicht lockert und somit weniger wasserdurchlässig ist. Auch die weiteren heißen Wochen im Mai und Juni diesen Jahres machten die Situation nicht besser. Die Folge: Auch beim Raps verzeichnete Schmid Umsatzeinbußen in Höhe von 20 Prozent.

Folgen des voranschreitenden Klimawandels, meint der Holzgerlinger Landwirt: "Vor allem die Geschwindigkeit, in der sich das Klima verändert, macht mir zu schaffen. Die Auswirkungen zeigen sich in der Landwirtschaft im Grunde das ganze Jahr über." Die Gefahr, dass seine Ernte aufgrund der klimatischen Veränderungen ganz ausfällt, wächst und ist kaum im Voraus kalkulierbar.

Maßnahmen gegen den rasant voranschreitenden Klimawandel

Deswegen stellt sich Schmid der Herausforderung, um sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen: Er setzt auf verschiedene Methoden, um seine Ernten und das Einkommen in Zukunft zu sichern, denn "von der Landwirtschaft allein kann ich nicht leben", stellt der zweifacher Vater klar. Seit 2012 produziert er Biomasse mit dem Anbau von Miscanthus, einem schilfähnlichen Gras. Zu Pellets verarbeitet, werden acht Haushalte in Holzgerlingen mit ihrer Hilfe mit Wärme versorgt. Eine umweltfreundliche Heiz-Variante, mit der Schmid immerhin einen kleinen Beitrag zur CO2-Reduzierung und damit gegen die Erderwärmung leistet.

Vom Klimawandel verschont bleibt er trotz seiner Bemühungen allerdings nicht: Immer häufiger bemerkt der 52-jährige, dass seine Getreidekörner kleiner und schrumpeliger werden. Noch sei das kein Problem, weil die veränderte Optik den Verbrauchern nicht auffalle. Ob das allerdings so bleibt, sei fraglich.

Der Landwirt will in Zukunft hitzebeständigere Sorten anbauen

Schmid sieht in Anbetracht der Vielzahl an negativen Auswirkungen des Klimawandels nur eine Lösung für seinen Betrieb: Er muss sich den veränderten Bedingungen anpassen. Daher könnten seine Getreidefelder bald gänzlich anders bestückt sein: Der Landwirt will in Zukunft auf hitzebeständigere Sorten aus südlicheren Ländern umschwenken. "Ich versuche Getreide aus Spanien oder Frankreich hier anzubauen." Das Problem: "Minusgrade vertragen diese Sorten nicht", erklärt er und pflanzt deswegen vorerst nur auf jeweils einem Feld die beiden Arten an. "Damit senke ich das Risiko einer Missernte, falls es nicht klappt." Und dann heißt es abwarten.

Für Schmid stellt die Umstellung ein Experiment dar, das vor allem eines braucht: Zeit. Fünf bis acht Jahre könne eine Umstellung auf neue Sorten dauern. Zeit, die der immer schneller voranschreitende Klimawandel ihm vielleicht nicht geben wird. Trotzdem geht der Holzgerlinger Landwirt heute weiter seinem Tagewerk nach. Auflockern, Pressen, Auflesen. Sein ständiger Begleiter ist die Hoffnung, dass seine Maßnahmen fruchten und die neuen Sorten den fremden Boden annehmen werden. Und dass er auch in Zukunft noch mit seinem grünen Trecker seine Ernte einfahren kann.

In unserer dreiteiligen Serie „Klimawandel bei uns“ beleuchten wir die Auswirkungen der Wetterextreme auf den Wald, die Landwirtschaft und den Obst- und Gartenbau im Kreis Böblingen.
 

► Hier geht es zum Experten-Interview mit Yvonne Bäuerle, Leiterin des Amtes für Landwirtschaft und Naturschutz im Landratsamt