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Der Schreinermeister Michael Gauss aus Holzgerlingen verarbeitet Eichenpfähle aus Venedig zu Möbelstücken

Jeder Tisch erzählt eine Geschichte

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    Der Holzgerlinger Schreiner Michael Gauss zeigt in seiner Werkstatt, wie er aus venezianischen Stämmen Tischplatten herstellt Fotos: E. Eibner

Holzgerlingen - Venedig - Holzgerlingen. Bei der rund 700 Kilometer langen Strecke handelt es sich nicht etwa um die diesjährige Urlaubsroute von Michael Gauss. Vielmehr ist es der Weg, den die Eichenstämme nehmen, denen der Schreinermeister auf seiner Werkbank neues Leben einhaucht.

Artikel vom 09. August 2019 - 15:41

HOLZGERLINGEN. Urige Tische, ungewöhnliche Weinregale und kreative Sitzgelegenheiten - in seiner Werkstatt in der Alemannenstraße hat der Holzgerlinger so manches schmucke Möbelstück für seine Kunden ausgestellt. Allesamt handgemachte Unikate, die mitunter eine außergewöhnliche Geschichte mitbringen.

So zum Beispiel ein hüfthoher Esstisch aus Eichenholz im hinteren Teil der Schreinerei. In seinem früheren Leben war er einer der Holzpfähle, an denen die venezianischen Gondoliere ihre Boote befestigt haben. Ursprünglich stammt das Holz aber aus dem Schönbuch.

"Für den Kriegsschiffbau im 16. Jahrhundert haben die Italiener viele ihrer Eichen abgeholzt. Jetzt beziehen sie die Bäume oftmals aus unserer Region", erklärt Michael Gauss, der das 1929 gegründete Familienunternehmen in dritter Generation führt. Nachdem die Stämme ihren Dienst in Venedig abgeleistet haben, holt der Schreinermeister sie zurück in ihre schwäbische Heimat. Und verpasst den ehemaligen Briccole di Venezia mit Schleifmaschine und ein bisschen Leim ein völlig neues Leben.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Eichen bereits einiges auf dem Kerbholz: Nachdem sie den Schönbuch verlassen haben und in Venedig angekommen sind, werden die schlanken Stämme mit einem Durchmesser von rund 30 Zentimetern auf eine Länge von zwölf bis 14 Meter zurechtgestutzt. Dann werden sie in den Meeresboden gerammt, wo sie bis zu 40 Jahre verweilen. "Es handelt sich um das einzige Holz, das unter diesen Bedingungen so lange hält", erklärt Michael Gauss.

Die äußere Schicht hat tiefe Kerben und Fraßgänge

Wird der Pfahl nach einigen Jahrzehnten wieder aus dem Boden heraus gezogen, sieht man ihm die Spuren der Zeit an: Die äußere Schicht ist dunkel und von Wasserwürmern durchbohrt, die tiefe Kerben in ihn hineingefressen haben. Die Mitte des Stammes ist jedoch unberührt und sieht noch aus wie neu. In ordentliche Scheiben zurechtgeschnitten landen die Holzstücke schließlich in der Gaussschen Werkstatt.

In der der Schreinermeister sie in seinen lichtdurchfluteten und von allen Holzspänen befreiten Räumen in Empfang nimmt, sie fein säuberlich stapelt und in stilvolle Tische verwandelt.

"Ich bin über meinen Olivenbaum-Lieferanten auf diese Idee gekommen", erklärt Michael Gauss und fährt mit einer Hand über eine bereits geschliffene Tischplatte. Dieser habe ihm von den venezianischen Pfählen erzählt, woraufhin er sich vor acht Jahren einen Zulieferer gesucht hat. "Der europäische Wirtschaftsraum hat mir meine Arbeit sehr erleichtert. Bei meinen Reisen mache ich zumeist einen großen Bogen um die Schweiz, die Zollformalitäten sind einfach zu viel Aufwand."

Wenn diese in seiner Werkstatt ankommen, muss Michael Gauss sie zuerst ein Jahr lagern, damit sie nachtrocknen. Das hat nicht nur einen erhöhten Aufwand, sondern auch eine Steigerung der Energiekosten zur Folge. "Normalerweise liegt die Holzfeuchte zwischen acht und zehn Prozent. Bei den Briccole di Venezia liegt sie nach mehreren Jahrzehnten im Wasser aber zumeist bei 26 Prozent", sagt der Schreiner. Nach der Trockenzeit schleift, leimt und ölt er die Bretter. "40 bis 60 Stunden, also etwa eine Woche Arbeitszeit fließt in so ein Möbelstück", sagt Michael Gauss. Die rauen Ränder der Bretter schleift er so oft, bis sie glatt sind und nichts mehr daran hängen bleibt. Zuletzt hatte er sich einen solchen Tisch als Ausstellungsstück geschreinert, doch kaum hatte einer seiner Kunden einen Blick darauf geworfen, war der Tisch auch schon wieder weg. "Dann stand ich wieder ohne Ausstellungsstück da", erzählt Michael Gauss und lacht.

Die Bretter trocknen ein Jahr, bevor sie weiterverarbeitet werden

Dass seine Kreationen weggehen, wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, liegt mitunter daran, dass die kreativen Arbeiten sich von der Massenware deutlich unterscheiden. Ein Konzept, das der Holzgerlinger bewusst gewählt hat: "In Zeiten von Ikea fallen viele der früher üblichen Schreinerarbeiten weg. Deshalb konzentriere ich mich auf speziellere Arbeiten." Die halb venezianisch, halb schwäbischen Tische sind ein Beispiel dafür. Jeder von ihnen erzählt seine eigene Geschichte.