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Büchertipps für den Sommer

Wer noch die Qual der Wahl hat, kann sich von den Lieblingsbüchern der KRZ-Redaktion inspirieren lassen

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Artikel vom 08. August 2019 - 10:01

Factfulness: Die Welt ist besser als wir denken

Von Melissa Schaich

Die Menschheit geht vor die Hunde: Kriege, Krankheiten, Mord und Totschlag stehen an der Tagesordnung. Eine Schreckensnachricht jagt die andere. Diesem Eindruck könnten so manche in unserer Gesellschaft verfallen. Der Gesundheitsforscher Hans Rosling beweist mit seinem Buch 'Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist' das Gegenteil.

Die Handlung: Der 2017 verstorbene Schwede erklärt in seinem Buch, wie wichtig Fakten sind, um Situationen richtig einschätzen zu können. Und mehr noch: Er meint, dass unser Hang zu Dramatik unser Weltbild negativ beeinflusst. Denn laut aktuellen Statistiken wird die Welt nicht gefährlicher und ungerechter, sondern fortschrittlicher. Sein Buch ist voller Statistiken und Quizfragen, so zum Beispiel: "Inwieweit hat sich in den letzten 20 Jahren der Anteil extrem armer Menschen verändert? Hat er sich a) fast verdoppelt, b) nicht verändert oder c) deutlich mehr als halbiert?" Die richtige Antwort ist c). Doch die meisten Menschen wüssten nicht, dass es diesen beachtlichen Fortschritt überhaupt gibt.

Deshalb hat der Forscher anhand von zehn Kapiteln verschiedene menschliche Instinkte erklärt, die es erschweren, die Welt mit Hilfe von Fakten zu beurteilen. Da beschreibt er beispielsweise den Hang zu Generalisierungen. Obwohl der Mensch Kategorisierungen braucht, schlägt Hans Rosling vor, sowohl über Unterschiede innerhalb von Gruppen als auch über Gemeinsamkeiten zwischen Gruppen nachzudenken. Mit zahlreichen Beispielen macht er deutlich, welche Annahmen uns oftmals auf die falsche Fährte führen.

Fazit: Hans Rosling gibt in seinem Buch also allerlei Ratschläge und Tipps an die Hand, wie wir Fakten analysieren und gewichten können. Er gibt zahlreiche Anstöße wie wir unser eigenes Denken überprüfen können und zeigt: Was vor 30 Jahren korrekt war, muss nicht zwangsläufig heute immer noch stimmen. Es ist ein Übersichtswerk: Wie ist der Zustand der Welt? Welche großen Trends gibt es momentan?

Hans Rosling mit Ola Rosling und Anna Rosling Rönnlund: Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Ullstein, 2018.

 

Qualityland: Eine satirische Kritik an der Zukunftsgesellschaft
Von Isabelle Zeiher


Er kann auch ernster: Das beweist der Erfolgsautor der Känguru-Chroniken Marc-Uwe-Kling mit seinem Roman „Qualityland”. Mit viel Humor malt er ein Zukunftsbild, das zum Lachen und zum Grübeln anregt.

Die Handlung: Die Geschichte spielt in Qualityland – einem Land der Zukunft. Die Digitalisierung ist dort perfektioniert. Algorithmen bestimmen das Leben der Bewohner: Sie suchen den geeigneten Partner aus, schlagen passende Freunde vor und wissen jederzeit, wann etwas gebraucht wird. Lust auf ein Bier? Die Drohne fliegt es vorbei, noch bevor der Trinklustige überhaupt weiß, dass er das Verlangen nach dem kühlen Hopfengetränk hat. Kein Mensch muss noch schwierige Entscheidungen treffen oder (unangenehme) Aufgaben übernehmen. Darum kümmern sich die Maschinen. Die Hauptcharaktere des Romans sind Peter Arbeitsloser, ein Maschinenverschrotter, John of Us, ein Androide, der erste Roboter als Präsidentschaftskandidat und das Unternehmen The Shop, der weltweit größte Versandhändler.  
John auf Us versucht, die Wahl für sich zu gewinnen, doch mit seinen Theorien über die Gesellschaft, die Politik und seine Ansicht zu den Aufgaben der Roboter kommt bei den Funktionären der Partei nicht gut an.
Sein menschlicher Gegenkandidat, ein populistischer Politiker, droht zu siegen. Peter Arbeitsloser bekommt zeitgleich ein Paket zugesendet, das nicht zu ihm und seinen Wünschen passt. Er hinterfragt das System und stellt fest, dass er in einem Teufelskreis gefangen ist. Für ihn ist das Aufsteigen in der Gesellschaft von vorn herein quasi unmöglich. Als The Shop verweigert, dass unliebsame Paket zurückzunehmen, klagt Peter den Versandhandel an. Die Situation eskaliert.

Fazit: Marc-Uwe Kling erschafft eine detailreiche Dystopie, in der Maschinen Gefühle haben und jeder Mensch beobachtet und vom System geführt und bewertet wird. Die abenteuerliche Reise mit Peter Arbeitsloser ist für jeden etwas, der sich für die möglichen Folgen der Digitalisierung interessiert und gleichzeitig Spaß beim Lesen haben möchte. Eine Portion schwarzen Humor gibt?s gratis oben drauf.


Marc-Uwe Kling: „Qualityland“, Ullstein, 2017. 11 Euro.

 

Die Flüsse von London: Eine Mischung aus Harry Potter und Sherlock Holmes
Von Julia Hanselmann


Bevor der Autor Ben Aaronovitch  Romane schrieb, arbeitete er als Buchhändler. Dabei merkte er, dass er selbst lieber aktiv werden und Bücher schreiben würde. Kurzerhand kündigte er seinen Job als Buchhändler und widmet sich seither seiner Arbeit als Schriftsteller. Dabei entstanden  „Die Flüsse von London.“ Mittlerweile hat er übrigens seinen eigenen Buchladen.

Die Handlung: In seinem Debütroman, dem ersten Teil der gleichnamigen Urban-Fantasy-Roman Reihe, schlüpft Aaronovitch in die Rolle des Ich-Erzählers. Aus der Sicht des Police Constable Peter Grant geht es für den Leser auf eine abenteuerliche Reise durch London.
Grant ist am Ende seiner Probezeit bei der Metropolitan Police von London angelangt und soll demnächst einen langweiligen Bürojob antreten. Seine Begeisterung hält sich daher eher in Grenzen. Eines Nachts wendet sich jedoch das Blatt: Alles beginnt mit einem Mord im Londoner Covent Garden. Peter hat die Aufgabe den Tatort zu bewachen, als plötzlich ein Geist auftaucht. Dieser entpuppt sich als einziger Zeuge des Mordes und schildert den Vorgang des Verbrechens. Als Chief Inspektor Thomas Nightingale von Peters Begegnung mit dem Geist erfährt, bietet er ihm eine Stelle als Zauberlehrling an – denn Nightingale ist der letzte aktive Zauberer Englands. Peter willigt trotz anfänglicher Bedenken ein und das Abenteuer der beiden nimmt seinen Lauf. Es gilt eine Reihe rätselhafter Morde aufzuklären, die alle auf magische Weise miteinander verstrickt sind.

Fazit: Von Anfang an nimmt der Autor den Leser an die Hand und taucht mit ihm in eine Welt voller Magie und ausgefallener Fabelwesen ein. Da Aaronovitch selbst in London geboren und aufgewachsen ist, bekommt der Leser die Möglichkeit die Stadt von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen. Der Schreibstil des Autors ist so individuell und besonders, wie der Inhalt seiner Bücher, weshalb der Roman absolut empfehlenswert ist.  Inzwischen gibt es schon sieben Folgebände, in denen die Geschichte von Peter Grant und Nightingale weiter erzählt wird. Der achte Band der erfolgreichen Romanreihe soll demnächst erscheinen.


Ben Aaronovitch: „Die Flüsse von London“. dtv Verlag, 2012. 10,95 Euro.

 

Little Bee: Roman über Flucht,  Konfrontation und Bindung
Von Tabea Günzler


Der Roman „Little Bee“ (Original: The Other Hand) des britischen Journalisten und Buchautors Chris Cleave, ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, spielt in England und beleuchtet das Leben zweier Frauen, Sarah und Little Bee, die ein traumatisches Erlebnis verbindet.

Die Handlung: Die 16-jährige Little Bee stammt aus Nigeria und wäre am liebsten kein afrikanisches Mädchen. Der Roman beginnt in einem Abschiebegefängnis in der Nähe von London. Der einzige Weg aus der Situation und vor der drohenden Abschiebung, ist der Führerschein eines Engländers, den Little Bee immer bei sich trägt. Sie erreicht ihn, aber kurz darauf begeht Andrew Suizid. Am Tag seiner Beerdigung erscheint Little Bee vor Andrews und dessen Ehefrau Sarahs Haustüre. Die Aufarbeitung des traumatischen Ereignisses beginnt, das die Frauen verbindet. Jahre zuvor kam es in Nigeria zu einer ungewöhnlichen Begegnung zwischen Little Bee, der britschen Journalistin Sarah und ihrem Mann Andrew. Little Bee und ihre Schwester flohen damals vor Soldaten, rannten durch den Dschungel bis zum Strand, standen schließlich vor dem  weißen Paar und flehten um Hilfe. Um die Mädchen vor dem sicheren Tod zu bewahren, gehen Andrew und Sarah eine Abmachung mit den Soldaten ein, doch der Plan geht schief. Im Trubel verliert Andrew seinen Führerschein im Sand.

Fazit: Ein unbequemes Buch, dass sich mit  aktuellen Themen wie Flucht und Asyl, der Beziehung zwischen Nigeria und Großbritannien beschäftigt und dabei auch Kritik an der westlichen Gesellschaft übt. In rückblickenden Szenen wird nach und nach deutlich was geschehen ist und warum Little Bee aus Afrika geflohen ist.  Die wechselnde Erzählperspektive zwischen Little Bee und Sarah, der britischen Journalistin, verleiht der Geschichte Hochspannung bis zum Ende. Chris Cleave schafft es auf eindrucksvolle Weise Unangenehmes packend aus der Sicht von Betroffenen zu erzählen. Er verbindet die europäische und afrikanische Lebenswelt der Frauen, in denen Raum bleibt für Kommunikationsschwierigkeiten, Liebe, Vertrauen und Trauer.  


Chris Cleave: „Little Bee“, Roman, Deutscher Taschenbuchverlag, 2011. 9,95 Euro.