Instagram

Wie eine Alleinerziehende aus Holzgerlingen ihre Hoffnung nicht verliert

Ein Blick in den schwierigen Alltag einer starken Frau aus Holzgerlingen

  • img
    Kinder groß zu ziehen stellt Eltern vor so manche Herausforderung - Insbesondere dann, wenn sie getrennte Wege gehen Foto: red

Heidi Brom aus Holzgerlingen (Name von der Redaktion geändert) ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Der KRZ hat sie verraten, wie sie ihren Alltag meistert, welchen Herausforderungen sie sich dabei stellen muss und weshalb die Intoleranz mancher Menschen sie gehörig auf die Palme bringt.

Artikel vom 07. August 2019 - 17:57

HOLZGERLINGEN. Wir schreiben das Jahr 2004. Heidi Brom ist zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt und lebt mit ihrem Ehemann und ihren drei Töchtern in Stuttgart-Möhringen. Gerade sitzen die Familienmitglieder gemeinsam am Frühstückstisch, erzählen Anekdoten, schmieden Pläne für die kommenden Stunden und Wochen. Dann ist plötzlich alles anders.

Heidi Broms Ehemann verkündet zwischen Marmeladenbrötchen und der nächsten Kaffeetasse, dass er ausziehen wird. Um mit einer anderen Frau zusammenzuleben. "Er hat uns von heute auf morgen verlassen. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen", erzählt Heidi Brom.

Mit einem Mal steht die gelernte Zahntechnikerin vor einem einzigen Scherbenhaufen. Wie soll sie ihre Kinder ernähren, wie dafür sorgen, dass sie zur Schule kommen und wieder abgeholt werden, wenn sie selbst zur Arbeit gehen muss? Heidi Broms Mutter scheidet als Betreuungsperson aus, ist sie zu diesem Zeitpunkt doch schon über 70 Jahre alt. "Die Kinder mal fünf Stunden zu ihr bringen oder auch nur zum Mittagessen war einfach nicht möglich."

Eine Situation, in der sich viele Alleinerziehende nach einer Trennung wiederfinden, weiß Susanne Binder, Leiterin des Familienzentrums Holzgerlingen: "Zum einen steht das alleinerziehende Elternteil unter einem hohen finanziellen Druck. Viele müssen ihre Vollzeitstelle prozentual verkürzen, einige sogar staatliche Hilfen in Anspruch nehmen." Das Zeitmanagement zwischen dem Job, den Bedürfnissen der Kinder und dem eigenen Haushalt gerate dann vollkommen durcheinander. Vor allem dann, wenn kein soziales Netz von Freunden und Verwandten da sei, um das jeweilige Elternteil aufzufangen.

Heidi Brom hat Glück und erhält Schützenhilfe von ihrem damaligen Arbeitgeber. Anstatt tagsüber, darf sie fortan ihre Arbeitszeit in die frühen Morgen- und späten Abendstunden verlegen. Nur so kann Heidi Brom weiterhin für den Familienunterhalt sorgen und gleichzeitig für ihre Kinder da sein. Denn die stehen für sie immer an erster Stelle. "Wir sind eine sehr offene Familie, haben über alles geredet, und die Kinder konnten immer zu mir kommen. Das war mein persönliches Rezept, um diese Zeit zu überstehen."

Wohl einer der Gründe, weshalb ihre drei Mädchen sich trotz der schwierigen Situation nicht hängen lassen. Weder in der Schule noch sonstwo. "Die Noten der drei sind nie schlechter geworden, meine Mädels gehörten immer zu den Klassenbesten. Auch sonst sind sie nie auffällig oder aggressiv geworden."

Ein Ausnahmefall, meint Jana Schürer, die unter anderem den Alleinerziehenden-Treff des Familienzentrums leitet: "Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass so gut wie alle Kinder, deren Eltern sich trennen, in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren schulische Schwierigkeiten bekommen. Wenn die Eltern auseinandergehen, hinterlässt das immer Spuren."

Um ihre Kinder zu schützen, arrangiert Heidi Brom sich mit der Situation so gut es eben geht. "Ich habe immer eine Trennlinie gezogen zwischen dem Menschen, der mich so verletzt hat, und dem Vater meiner Kinder - auch wenn das manchmal schwierig war", gibt sie zu. Trotzdem gelingt es den Eltern, einen Rosenkrieg zu vermeiden, und auch der regelmäßige Kontakt zwischen dem Vater und seinen Töchtern bleibt erhalten. "Meine Mädels durften ihn immer sehen, wenn sie es wollten. Das war mir wichtig, schließlich hätte ich ihnen niemals den Papa ersetzen können."

Während Heidi Brom versucht, ihren Kindern alle Lasten von den Schultern zu nehmen, bleibt für sie selbst kaum noch Zeit. "Dich selber gibt es dann eigentlich nicht mehr. Du stellst all deine eigenen Bedürfnisse komplett hinten an." Hin und wieder mal einkaufen gehen und sich etwas Schönes gönnen, ist für Heidi Brom nicht drin. Jeder Cent, der übrig bleibt, ist den Kindern vorbehalten. Luxus-Güter und teure Urlaube? Für Heidi Brom undenkbar. Auch viele ihrer Freunde lassen sich plötzlich nicht mehr blicken - auch jene, von denen sie es niemals erwartet hatte. "Bei einer Scheidung merkst du erst, wer wirklich hinter dir steht", sagt Heidi Brom.

Eine Erfahrung, die sie mit vielen anderen Alleinerziehenden teilt, sagt Susanne Binder. Zum einen müsse sich der gemeinsame Freundeskreis positionieren und einige Freundschaften brächen weg. "Außerdem bleibt vielen nicht mehr so viel Zeit, Bekanntschaften zu pflegen, weil es beispielsweise an ihnen hängen bleibt, die Kinder zum Sport, zur Musikschule oder zu Freunden zu fahren." Auch finanziell sei es häufig nicht mehr möglich mit dem Freundeskreis mitzuhalten.

Von der Angst allein zu bleiben

Zwei Jahre lang lebt Heidi Brom nur für ihre Kinder. Arbeitet. Bringt den Haushalt in Ordnung. Ist für die Mädels da. Arbeitet. Bringt den Haushalt in Ordnung. Ist für die Mädels da. Dann schlägt sie ein neues Kapitel ihres Lebens auf und geht eine Beziehung mit einem Mann ein, den sie schon von früher kennt. "Ich war so froh, dass ich jemanden gefunden hatte, der mich haben wollte. Denn wenn du alleinerziehend bist und mehr als ein Kind hast, schaut dich ja niemand mehr an." Endlich hat Heidi Brom das Gefühl, angekommen zu sein, bricht in Möhringen ihre Zelte ab, zieht zu ihrem neuen Lebensgefährten in sein Eigenheim nach Holzgerlingen und nimmt einen Job bei einem der hiesigen Einzelhändler an. Ihre drei Mädchen vergöttern den neuen Mann im Leben ihrer Mutter. Auch die Schwiegereltern kümmern sich rührend um die drei neuen Enkelkinder.

2008 tritt Heidi Brohm erneut vor den Traualtar und bringt kurze Zeit später einen Sohn zur Welt. Ihr Traum von einer perfekten Familie scheint sich doch noch zu erfüllen. "Leider war das aber der Anfang vom Ende", sagt sie. Denn plötzlich scheint ihrem Ehemann das Familienleben nicht mehr so recht zuzusagen. "Er ist eigentlich ein typischer Einzelgänger, wir waren ihm offenbar zu viel", vermutet Heidi Brom. Das versprochene Für Immer hält lediglich ein Jahr, dann ist Heidi Brom wieder auf sich gestellt. Und muss nun vier Kinder versorgen. "Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe, weil es mir schon wieder passiert ist. Ich bin ein Familienmensch, streite mich nicht herum. Warum also ausgerechnet ich?"

Eine Frage, die vielen betroffenen unaufhörlich durch den Kopf geistert, weiß Jana Schürer: "Sie empfinden nach einer Trennung ein tiefes Schamgefühl, weil sie glauben, es nicht geschafft zu haben, die Familie zusammenzuhalten." Hinzu komme die Angst davor, von der Gesellschaft stigmatisiert zu werden. Eine Angst, die nicht unbegründet ist, meint Heidi Brom.

Ihren Nachbarn bleibt natürlich nicht verborgen, dass ihr Ehemann auszieht. Und Heidi Brom muss immer wieder stichelnde Fragen und neugierige bis abfällige Blicke ertragen. "Du wirst von der Gesellschaft ausgegrenzt", sagt sie. "Ganz egal, ob du verschuldet oder unverschuldet in diese Situation geraten bist." Weil ihr Ex-Mann plötzlich eine horrende Miete von ihr fordert, begibt sich Heidi Brom auf Wohnungssuche. Vergeblich. "Egal ob du ein festes, geregeltes Einkommen hast, sobald du erwähnst, dass du alleinerziehend bist, kommst du nicht einmal mehr dazu zu fragen, wie hoch die Miete ist."

Eigentlich möchte Heidi Brom in Holzgerlingen bleiben, schließlich besucht ihr Sohn eine der städtischen Schulen. "Sollte mein Ex-Mann aber auf der Mieterhöhung bestehen - was bis jetzt noch nicht feststeht -, muss ich irgendwo hinziehen, wo die Preise noch nicht ganz so hoch sind. Denn hier werde ich nichts finden."

Trotz aller Schicksalsschläge steckt Heidi Brom den Kopf nicht in den Sand. Zum einen, weil sie eine Frohnatur ist. Zum anderen, weil ihre Kinder sie noch immer brauchen. "Sie leben von deinem Lachen. Depression und Selbstmitleid standen für mich nie zur Debatte." Die Hoffnung auf ein Happy End lässt Heidi Brom sich nicht nehmen - für sich selbst, aber auch für ihre Kinder.