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Böblinger Songtage: Schwelgen in Poesie

Publikum feiert die Band Karl die Große und Sarah Lesch

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    Sang schon bei der ersten Auflage der Böblinger Songtage: Sarah Lesch Fotos: Stefanie Schlecht
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    Extra aus der Region Straubing für den Auftritt von Sarah Lesch angereist: Izzy (links) und Chuck
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    Entspannte Gäste vor der Alten TÜV-Halle
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    Gitarristin Steffi Narr
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    Sängerin der Band Karl die Große: Wencke Wollny
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    Instrumentales Multitalent: Antonia Hausmann

Artikel vom 05. August 2019 - 18:42

BÖBLINGEN. Fünf Jahre sind vergangen, seit Sarah Lesch im August 2014 die Böblinger Songtage eröffnete. Die zu diesem Zeitpunkt 28-jährige Sängerin wohnte in Tübingen, arbeitete als Kindergärtnerin und hatte gerade erst damit begonnen, sich in der Region als Liedermacherin einen Namen zu machen.

Die Zuschauerzahl in der Alten TÜV-Halle war damals sehr überschaubar. Die rund 50 Gäste, die den charmanten Auftritt sahen, dürften die kleine blonde Frau jedoch nie wieder vergessen haben: Die Lieder waren witzig und zugleich sehr weise, der Gesang sinnlich-berührend, zugleich rotzfrech und auch ein bisschen verrückt.

Seit dem Jahr 2014 haben sowohl die Sängerin als auch die Böblinger Songtage eine bemerkenswerte Entwicklung gemacht. Dieses Jahr findet das Liedermacherfestival zum sechsten Mal statt. In und um den seitlich geöffneten Veranstaltungsraum drängen sich beim Eröffnungskonzert am Freitagabend 350 Zuschauer. "Ich bin einfach happy", strahlt Böblingens Kulturmanager Andreas Wolfer, der das Festival initiiert und nach zähem Start in den Anfangsjahren zu überregionaler Bekanntheit geführt hat.

Das zeigt sich auch an den Gästen: Während das für "Sommer am See"-Veranstaltungen typische 50-, 60- und sogar 70-Plus-Publikum vorne die Stuhlreihen besetzt, stehen und tanzen hinten jüngere Musikfans ab Anfang, Mitte 20. Die Musik verbindet dabei die Generationen: Als Sarah Lesch "Die Gedanken sind frei" anstimmt, singen alle gemeinsam mit - ein echter Gänsehautmoment.

Die Liedermacherin hat seit ihrem Umzug nach Leipzig vor vier Jahren zahlreiche Preise gewonnen - darunter den Panikpreis der Udo-Lindenberg-Stiftung. Besondere Anerkennung erntete sie für ihr Lied "Testament". Lesch, die schon mit 18 Jahren Mutter wurde, hat es ihrem Sohn gewidmet. Die kluge Abrechnung mit unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft wurde zu einem viralen Hit. Bei Auftritten im Norden und Osten Deutschlands spielt die gebürtige Thüringerin schon mal vor mehr als 1000 Zuschauern, bei "Songs an einem Sommerabend", wo sie sich unter anderem mit Konstantin Wecker die Bühne teilte, sogar vor 3000 Menschen.

Als die 33-Jährige auf die Bühne tritt, wird sie mit Johlen und Begeisterungsrufen empfangen. Am lautesten ist der Jubel in einer hinteren Ecke. Dort singt man die Texte lauthals mit, tanzt und springt, kuschelt und küsst - je nach Thema und Tempo des jeweiligen Songs. "Sa! Rah! Lesch!, Sa! Rah! Lesch!", skandiert ein junger Mann. Er heißt Chuck Grad, ist 27 Jahre alt und gehört zu der lautstarken Gruppe von Fans, die eigens wegen der Sängerin aus der Region Straubing in Niederbayern nach Böblingen gefahren sind. Neben ihm steht die 28-jährige Izzy Pirkl. Beide spielen selbst in einer Band, beide sind große Sarah-Lesch-Fans.

Was ihnen an der Sängerin so gefällt? "Sie trifft einfach den Zeitgeist", preist Izzy die "aufklärerischen Texte". Auch Chuck kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: "Wahnsinnige Texte, eine wahnsinnig intelligente Frau", lobt er sie für ihre Gabe, relevante Themen so eindrücklich zu vermitteln, "dass sie auch der Dümmste versteht".

Was er damit meint, wird deutlich, als Sarah Lesch "Der Kapitän" singt. Es ist das erste Stück, das die große Bewunderin von Liedermachern wie Gerhard Schöne und Reinhard Mey selbst geschrieben hat. Den Anlass dafür gab Stefan Schmidt, ihr damaliger Schwiegervater, der im Jahr 2004 als Kapitän des Schiffs "Cap Anamur" zwischen Malta und Lampedusa 37 Personen aus Seenot gerettet hat. Das Absurde an dieser Geschichte: Während er von den italienischen Behörden wegen "bandenmäßiger Schlepperei" angeklagt war, wurde ihm in Deutschland ein Menschenrechtspreis verliehen.

Tolle Künstler entdecken, die man vorher nicht kannte

Heute ist dieses Lied wieder schmerzhaft aktuell geworden, entsprechend aufmerksam hören die Menschen in Böblingen zu. Besser gesagt: Die meisten hören aufmerksam zu. Einige überdecken mit ihrem Geplauder den Gesang von Sarah Lesch und davor auch die Stimme von Wencke Wollny. Die Sängerin und Texterin der Band Karl die Große hat den Abend in Duo-Besetzung mit der multi-instrumental begabten Antonia Hausmann (Posaune, Schlagzeug, Klarinette und Melocika) mit feinsinnigen und teils auch recht eigentümlich Songs eröffnet. Später begleiten die beiden gemeinsam mit der aus Tübingen stammenden Gitarristin Steffi Narr Sarah Lesch bei ihrem Auftritt.

Der Gesprächspegel einiger Konzertgäste geht Eva Großmann zwischendurch etwas auf die Nerven. Die Gechingerin hatte die Songtage vor vier Jahren entdeckt, als sie während eines Konzerts am Oberen See vorbeilief, neugierig wurde und einfach mal reinschaute. "Seitdem komme ich jedes Jahr", erklärt sie. Der Reiz bestehe für sie darin, tolle Künstler zu entdecken, die man vorher noch nicht kannte. "Die Band Young Chinese Dogs hat mir damals total gut gefallen", zeigt sie auf die "Ruhmeswand" in der Alten TÜV-Halle. Hier hat Festivalorganisator Wolfer Fotos von den bisher in Böblingen aufgetretenen Künstlern aufgehängt. "Wer bereit ist, sich auf leise Töne und berührende Musik einzulassen, ist hier genau richtig", fasst Eva Großmann zusammen, worum es für sie bei den Songtagen geht.

 

  Nach dem Auftritt von Kiara Huber, dem Duo Nora Steiner und Madlaina Pollina sowie der Sängerin Alin Coen am Freitag endet das Festival am Samstag mit den bereits restlos ausverkauften Gastspielen von Axel Nagel, Fortuna Ehrenfeld und Gisbert zu Knyphausen.