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Hobby-Serie: Der Böblinger Jozo Ilic sammelt Kugelschreiber

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    Einen Mini-Ventilator für heiße Tage, eine Taschenlampe für dunkle Nächte oder doch die gruselige Blutspritze - in Jozo Ilic Kugelschreibersammlung ist für jeden etwas dabei Fotos: Isabelle Zeiher

Mit Schwung legt Jozo Ilic einen Koffer auf den Tisch. Der 60-Jährige greift in das bunt gemischte Potpourri an Kugelschreibern und verteilt sie auf der Fläche. Grün, gelb, rund, eckig, Holz, Metall - in den vergangenen 46 Jahren hat sich der Böblinger ein Kuli-Imperium aufgebaut, in dem es alles gibt und nichts unmöglich ist.

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Der Kuli-Liebhaber präsentiert seine Sammlung
Jozo Ilic sammelt seit 46 Jahren Kugelschreiber in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Heute besitzt der Böblinger 3000 Stück.
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Artikel vom 02. August 2019 - 16:06

BÖBLINGEN. Der eine spielt Musik, mit dem anderen kann man sich eine Zigarre anzünden, und der nächste nimmt heimlich Videos, Bilder und Ton auf. Wenn der Böblinger Jozo Ilic die Koffer mit seiner Kugelschreibersammlung öffnet, wird schnell klar: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Wild durcheinander liegen sie da - 12 000 Euro in Form von 3000 Schreibstiften.

Seit 46 Jahren sammelt der Böblinger Kulis. Mit 14 Jahren lief Ilic in ein Schreibwarengeschäft seiner kroatischen Heimatstadt Zagreb. Da entdeckte er ihn, seinen ersten Tinten-Schreiber. "Er hatte vier verschiedene Farbminen. Früher war das etwas ganz Besonderes", sagt Ilic begeistert. Er fasste prompt einen weitreichenden Entschluss: "Mir war klar, dass ich mich ab jetzt in der Welt umschauen und versuchen werde, so viele verschiedene Kugelschreiber wie möglich zu sammeln."

Die Kulis begleiten ihn ab diesem Zeitpunkt bei jedem Schritt. Selbst als Ilic mit seinen Eltern 1993 als Kriegsflüchtling nach Deutschland kommt, ist die damals noch überschaubare Stifte-Sammlung im Gepäck. "Sie bedeuten mir viel", sagt Ilic, "jeder Kugelschreiber hat seine eigene Geschichte." Da wäre zum Beispiel ein Kuli, den sich der 60-Jährige selbst gebastelt hat. Nach einem Oberschenkel-Hals-Bruch bekommt Jozo Ilic einen Gamma-Nagel in die Hüfte eingesetzt. Damit sollen die Knochen besser zusammenwachsen. Nach zwei Jahren wird ihm das Metallstück im Sindelfinger Krankenhaus entfernt. "Ich habe die Schraube gesehen und wusste: Damit kann ich mir einen Kugelschreiber bauen." So habe auch dieses schlechte Erlebnis etwas Gutes.

Eine andere Geschichte trägt sein ältester Kuli mit sich herum - ein echter Penkala Zagreb Schreiber, kroatischer Klassiker aus den 50er Jahren. "Slavoljub Eduard Penkala war einer der Ersten auf der Welt, der Kugelschreiber patentiert und entwickelt hat", sagt der Sammler, "als ich in Zagreb Urlaub gemacht habe, musste ich unbedingt in die Fabrik. Dort habe ich mir dann das erste Patent von Penkala ausgesucht." Kugelschreiber als Urlaubsmitbringsel? Keine Seltenheit bei Jozo Ilic. "Ich glaube, ich bin noch nie aus dem Urlaub gekommen ohne Kuli", sagt er lachend. In Portugal kaufte er seinen kleinsten Kugelschreiber. Er ist gerade einmal so groß wie die Hand eines Neugeborenen, circa drei Zentimeter lang. Den größten Kuli hat er auf einem Flohmarkt in Deutschland gefunden - knapp einen halben Meter groß. Wer denkt, der Sammler schreibe mit seinen Schmuckstücken, liegt falsch. Die Kugelschreiber rührt er nicht an. "Ich sammle sie lediglich, schreibe aber nur mit Bleistiften." Geschichtlich gesehen, komme der Kugelschreiber ja auch erst nach dem Bleistift. Einer seiner Lieblingsschreiber hat auf der einen Seite eine Tinten-, auf der anderen eine Bleistiftmine.

Freunde und Bekannte denken an ihn und verschenken Kugelschreiber

Bei seinen Freunden und Bekannten hat sich die Kugelschreiber-Leidenschaft herumgesprochen. Zu Geburtstagen, Festen oder auch einfach so bekommt der Hobby-Akkordeonspieler Nachschub. "Einer meiner Musikerkollegen hat mir mal einen mit Noten drauf geschenkt", erzählt Ilic, "er meinte: ,Wenn du ein Musiker bist, dann brauchst du einen Kuli mit Noten'."

Nur ab und an zeigt Jozo Ilic, der Bereichsleiter der Stadtreinigung und des Winterdienstes in Böblingen, der Öffentlichkeit seine Kollektion. Als er vor einigen Jahren bei einem Tag der offenen Türe des technischen Betriebsdienstes die Schmuckstücke ausstellte, schenkten ihm der damalige Böblinger Oberbürgermeister Alexander Vogelsang und der Sindelfinger Kollege Bernd Vöhringer einen Stift und eine persönliche Signatur. Für Ilic haben die Kugelschreiber symbolische, nicht monetäre Bedeutung. "Es ist nicht so, dass meine Sammlung auf einmal 24 000 Euro Wert ist", sagt Ilic, "und es geht mir auch nicht ums Geld. Es ist mein Hobby, meine persönliche Leidenschaft. Es macht mir Spaß, und keiner kann mich so schnell überbieten. Darauf bin ich stolz." Andere Sammler kenne er keine.

Jedes Jahr kommen 20 bis 30 Kugelschreiber hinzu. Gekauft wird nicht im Internet, sondern bei den traditionellen Schreibwarenhändlern. Solange er lebt, werden die über 3000 Stifte in seinem Besitz bleiben. Er würde sie niemals, unter keinen Umständen, verkaufen. Egal wie viel man ihm biete. Der Verlust seiner Stifte würde ihn erschüttern: "Wenn ich bestohlen werde, wäre es mir lieber, die Diebe klauen die Waschmaschine als meine Kugelschreiber." Was nach seinem Tod passiert, ist ihm egal. Ein Testament, das festlegt, wer seine Sammlerstücke bekommt, wird es nicht geben. "Wenn ich mal nicht mehr hier bin, werden sie wahrscheinlich in den Mülleimer wandern."

Dass er so lange sammelt, hätte der 60-Jährige nicht für möglich gehalten. "Ich dachte immer, ich höre irgendwann auf, aber ich habe immer noch Spaß daran." Auch in den nächsten Jahren wird er fleißig weitersammeln. Denn die technischen Innovationen machen auch vor Kulis keinen Halt. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt - auch in Zukunft wird es nicht langweilig an der Kugelschreiberfront. Wie wäre es denn mit einem Kuli, der den Puls und den Blutdruck misst und dabei Termine einspeichert? "Das wäre richtig geil!"