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Belz als OB vereidigt: Eine grüne Rakete zum Senkrechtstart

Erst 537 Tage nach seiner Wahl zum Böblinger Oberbürgermeister durfte sich Stefan Belz die schwere Amtskette umhängen lassen

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    Vor dem grün-bunten Hintergrund einer vielfältigen Stadt: Stefan Belz (l.) mit Helmut Kurtz und Partner Manuel Zimmerer (r.) Foto: Stefanie Schlecht

Den unschönen Titel "Amtsverweser" kann Stefan Belz eineinhalb Jahre nach seiner Wahl endlich ablegen. Von nun an ist er auch offiziell "OB" der Stadt Böblingen. Seine Einsetzung verlief schwungvoll, heiter und kurzweilig. Als wehte ein neuer Geist durch die Stadt.

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Amtseinsetzung Oberbürgermeister Stefan Belz
Erst 573 Tage nach seiner Wahl zum Böblinger Oberbürgermeister durfte Stefan Belz dem Amtseid ablegen. Grund für die Verzögerung ist eine Wahlanfechtung, die mittlerweile abgewiesen wurde.
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Artikel vom 02. August 2019 - 12:53

BÖBLINGEN. Exakt 537 Tage nach seiner Wahl zum Böblinger Oberbürgermeister und 481 Tage nachdem Stefan Belz auf dem Chefsessel im Böblinger Rathaus Platz genommen hat, feierte die Stadt seine offizielle Einsetzung. Am bisher heißesten Tag des Jahres schienen sich die rund 500 Gäste am Donnerstag regelrecht in das angenehm klimatisierte Forum der Kreissparkasse geflüchtet zu haben. Obwohl ein Festakt, war die Veranstaltung der Form nach eine Sondersitzung des Gemeinderats.

Um 18.30 Uhr begrüßte der Erste Bürgermeister Tobias Heizmann die Anwesenden. Und legte mit warmen Worten den Grundton des Abends fest, als er sagte, ein Oberbürgermeister müsse so viele Eigenschaften in sich vereinigen, wie die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau. Die gebe es real nicht, Oberbürgermeister hingegen schon. Und Heizmann ließ durchblicken, dass er in seinem Vorgesetzten durchaus ein solches Multitalent erkenne.

"Sie haben sich ja schon mächtig ins Zeug gelegt", sagte auch der Stuttgarter Regierungspräsident Wolfgang Reimer in seiner hintergründigen Rede. Durch die mittlerweile zurückgewiesene Wahlanfechtung konnte er bei der Einsetzung bereits auf knapp 18 Monate Böblingen unter Stefan Belz zurückblicken. Und hatte wenig Tadel für ihn dabei. Im Gegenteil. Reimer zählte zuvorderst Belz' Engagement für die Böblinger Schulen auf, deren Sanierung er kurz nach Amtsantritt angepackt habe: "Seither wurden an die 120 Millionen Euro an Sanierungsmitteln für die Schulen auf den Weg gebracht. Dafür gebührt Ihnen Respekt."

Der Regierungspräsident spannte den Bogen von Aristoteles bis Ludwig Erhard, von Diktatur bis Demokratie und den Gefahren des Populismus in Europa bis nach Böblingen. Bei all den Fährnissen einer unübersichtlichen Welt wünschte er Belz "immer das rechte Maß, die rechte Mitte" bei seinen Entscheidungen zu finden und sicherte herzlich seine Unterstützung zu.

Stadtrat Helmut Kurtz (FDP) hatte daraufhin die Ehre, Belz die Amtskette umzulegen und seinen Amtseid abzunehmen. Zuvor aber ließ er es sich nicht nehmen, den Konnex zwischen der bewegten Böblinger Luftfahrt-Geschichte und dem promovierten Luft- und Raumfahrtingenieur Belz herzustellen. Er habe "raketenartig" das Unmöglich im "schwarzen" Böblingen möglich gemacht und den CDU-Amtsinhaber abgelöst. Mit "Mut, Risikobereitschaft und strategischem Kalkül" sei ihm ein erfolgreicher Wahlkampf gelungen.

Landrat Roland Bernhard legte nach und setzte gekonnt einige rhetorische Akzente. Es sei ja schon "sehr grün in diesem Raum: Ein grüner Ministerpräsident, ein grüner Regierungspräsident und jetzt noch ein grüner Böblinger Oberbürgermeister." Er als parteiloser Landrat falle da fast aus der Reihe. "Aber ich werde mich bemühen, nicht farblos zu bleiben", sagte er. Ganz im Gegenteil zum unglücklichen Begriff "Amtsverweser", der Belz in den vergangenen 18 Monaten angehaftet habe, habe er bereits in Sachen Klimawandel, Radwegeausbau, Kindergarten-Gebühren, Schulen und Fernwärme-Mediation einige Duftmarken gesetzt. Bernhard: "Eigentlich macht ein Landrat einem Oberbürgermeister erst nach dem Ende der Amtszeit ein Kompliment, aber bei Ihnen mache ich eine schwäbische Ausnahme." Zum ehemaligen Beruf des jetzigen OBs passend, überreichte er ihm einen grün glasierten Kuchen in Form einer Rakete. Aufdruck: Senkrechtstarter.

Belz will die Altstadt in Angriff nehmen

Nach einem ökumenischen Segen durch Pfarrer Moritz Twele und Pastoralreferent Andreas Senn wagte Belz einen Streifzug durch die 18 Monate Böblinger Lokalpolitik, die bereits hinter ihm liegen. Fünf Schwerpunkte habe er sich für seine Amtszeit vorgenommen: Klimawandel, eine nachhaltige Finanzpolitik, die Altstadt als Herz, gesellschaftliche Vielfalt sowie seine neue Rolle als OB. Im Jahr 2050 wolle man emissionsfrei unterwegs sein und das zum Fahrplanwechsel dieses Jahr startende Stadtticket sei ein erster Schritt dorthin. Die gute finanzielle Situation dank sprudelnder Steuereinnahmen sei ebenfalls gut geplant. Und das trotz enormer Investitionen in Jugend und Bildung sowie vieler Sanierungsvorhaben.

Dem Schlossbergring und dem Marktplatz gehörten jetzt die volle Aufmerksamkeit in Sachen Stadtentwicklung, nachdem die Fußgängerzone in der Bahnhofstraße die Unterstadt aufgewertet hätten. Zuguterletzt wolle er den Böblingern ein OB sein, der vor Ort sei, zuhöre, mit anpacke und die vielen ehrenamtlichen Kräfte in den Vereinen unterstütze. "Ein Dirigent mit Taktstock allein trägt nicht, es braucht ein wohlklingendes Orchester dazu." Dass die Bürgerschaft ihrem jetzt auch offiziell eingesetzten Oberbürgermeister darin folgen will, zeigte sie mit einem ausgiebigen und kräftigen Applaus im Stehen.