750 Jahre Sindelfingen

Den Bürgerstolz fördernd und integrativ

Im Jahr des 750. Stadtjubiläums jagt in Sindelfingen ein Höhepunkt den anderen - Das Finale folgt beim Neujahrsempfang am 5. Januar

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    Farbenfrohes Spektakel: der Kuchenritt. So wie's aussieht, wird er ab jetzt wieder regelmäßig stattfinden Fotos: Thomas Bischof, Simone Ruchay-Chiodi, Volker Winkler

Als "Fest von Bürgern für Bürger" war der Veranstaltungsreigen gedacht, mit dem Sindelfingen die 750. Wiederkehr des Tages seiner Erhebung zur Stadt feierte. "Das Konzept ist voll und ganz aufgegangen", frohlockt OB Bernd Vöhringer am Ende eines Jahres voller einzigartiger Events.

Artikel vom 31. Dezember 2013 - 17:18

SINDELFINGEN. Mit einer fulminanten Silves-terparty feiern die Sindelfinger ins Jubiläumsjahr hinein. Die Lichtshow, die Fabian Krause und sein Team an die Rathausfassade zaubern, ist ein Vorgeschmack auf das, was später noch folgen wird: ein bunter Strauß vieler großer und kleiner Veranstaltungen, die alle eins zum Ziel haben: zu zeigen, welch kreatives Potenzial in jenen Menschen steckt, die in der jubilierenden Stadt leben.

 

Der Festakt: Erstmals so richtig zum Brodeln kommt Sindelfingen Mitte April, als in der Stadthalle der offizielle Festakt zelebriert wird. Oberbürgermeister Bernd Vöhringer tänzelt die Showtreppe herab, Ministerpräsident Winfried Kretschmann steigt aus den Reihen des Volkes auf. Auf der Bühne entspinnt sich ein unterhaltsames Potpourri aus kulturellen Eigenproduktionen, Einspielern, die Sindelfingen und seine Teilorte in ihrer gesamten Breite vor Augen führen, Talkrunden, in denen die aktuelle Befindlichkeit der 750-Jährigen erörtert wird, und natürlich Streicheleinheiten für die Jubilarin und ihre Repräsentanten. Der schwarze Stadtchef und der grüne Landesvater sind sich einig: Ereignisse wie so ein Stadtjubiläum sind imstande, die Bürgergesellschaft zu beflügeln.

 

"Facetten einer Stadt": Zu Umbau und Neukonzeption des Stadtmuseums hat's zwar fürs Jubiläum nicht gereicht. Doch Museumsleiterin Illja Widmann weiß sich zu helfen und legt durch die bestehenden Abteilungen einen roten Faden, der "Facetten einer Stadt" von 1263 bis ins 20. Jahrhundert miteinander verbindet.

 

"Mitmach-Projekte". Von allen Seiten gibt's Festgeschenke: Schönbuch-Bräu aus der Nachbarstadt Böblingen braut den Sindolf. Die Briefmarkensammler diesseits und jenseits der Autobahn tun sich zusammen, und stellen Stadtgeschichte in postalischen Belegen dar. Die Interessengemeinschaft Handweberei setzt einen Jacquardwebstuhl wieder in Gang, der die Tradition Sindelfingens als Weberstadt und Wiege der Datenverarbeitung in einzigartiger Weise verbindet. Die Rathausbediensteten gestalten 304 Quadrate nach Gusto, die sich zu einem vier mal 3,60 Meter großen Kunstwerk fügen. Manfred Koebler, Vorsitzender des Stadt- und Kreisseniorenrats, holt den Landesseniorentag in die Stadthalle. Und immer wieder Konzerte und andere Kulturveranstaltungen. Am Ende weiß nicht einmal Organisationschef Horst Zecha mehr, wie viele "Mitmach-Projekte" das Programm umfasst. Waren's 120? Oder 150?

 

"Kirche findet Stadt": Auch die Kirchen fühlen sich zum gemeinsamen Auftritt angespornt. "Wir wollen miteinander und wir können miteinander!", ruft zum Auftakt des ersten Sindelfinger Kirchentags (Motto: "Kirche findet Stadt") Pater Johannes Rathfelder in die Martinskirche. Und seine evangelische Kollegin Kathrin Lichtenberger stellt beim Abschlussgottesdienst vor 1500 Menschen auf dem Marktplatz fest: "Die ökumenische Eiszeit der letzten Jahre ist endgültig weggetaut."

Dreierpack: "Die Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Jubiläumsjahr werden die Bürger noch lange in sich tragen", sagt der OB. Woran sich viele da vor allem erinnern werden, ist das Festwochenende im Juli mit einem unvergesslichen Dreierpack: Bei der Neuinszenierung des Kuchenritts treten in einem farbenfrohen Aufzug die Vertreter von 900 Grundschülern in einen Dialog mit dem Stadtschultheiß. Ein Zeitspaziergang lockt die Gäste in Ecken Sindelfingens, in die sie ein traditioneller Festzug nie bringen würde. Vorwiegend lokale Akteure führen ihnen Facetten der Geschichte Sindelfingens von den Kelten bis zu Gegenwart und Zukunft des Automobilbaus vor Augen. Beteiligt sind Vereine, Kirche, Schulen. Und beim Multimedia-Spektakel "Sindolfs Traum", bei dem wie beim Zeitspaziergang der aus Sindelfingen stammende Frank Martin Widmaier Regie führt, ist der Marktplatz zweimal so voller Zuschauer, dass den Verantwortlichen ein Schauer über den Rücken läuft.

 

Maichinger Exportschlager: Doch mit den Sommerferien ist der Jubiläumsreigen noch nicht ausgetanzt. Im Herbst machen die Maichinger dem im Alltag nicht immer geliebten Sindelfingen Geschenke. Walter Arnold und seine Pferdenarren holen nach Sindelfingen, was sie in Maichingen seit Jahrzehnten regelmäßig organisieren: einen Pferdeumzug. Mehr als 150 Gruppen ziehen durch die Stadt und begeistern die, die am Rand der Strecke stehen. "Walter, das war dein Meisterstück!", ruft ein verzückter Oberbürgermeister dem Cheforganisator zu. Auch die Musikkapelle Maichingen verpflanzt ein Stück ihrer Festkultur zum Jubiläum nach Sindelfingen: Beim Oktoberfest lassen es Tausende zünftig krachen.

 

"Sirenen der Heimat": Dass die Kulturschaffenden in Sindelfingen einen langen Atem haben, beweist das Projekt "Sirenen der Heimat". Ein Jahr laufen die Proben an dem Musical, zu dem Adrian Werum die Musik komponierte. 200 Sänger, Musiker, Schauspieler und Tänzer stehen unter der Regie von Annette und Ulrich von der Mülbe auf der Bühne der Stadthalle und inszenieren die Geschichte der Liebe von einem italienischen Ragazzo und einem schwäbischen Mädle. Am Ende der Vorstellungen reißt es die Zuschauer von den Sitzen.

 

Bürgerstolz und Integration: "Die Menschen haben sich mit ihrer Geschichte beschäftigt", blickt OB Vöhringer auf das Jahr 2013 zurück. "Ihr Bürgerstolz, ihre Identifikation mit der Stadt sind gewachsen." Da alle Generationen und auch viele Nationen an den Jubelveranstaltungen beteiligt waren, misst er dem Festjahr auch einen integrativen Charakter bei. "Das, was wir dieses Jahr erlebt haben, prägt eine ganze Generation. Daraus können wir in der Zukunft schöpfen", ist Vöhringer sicher. Man darf auf das Finale der Jubiläumsfeierlichkeiten beim Neujahrsempfang am 5. Januar gespannt sein.