750 Jahre Sindelfingen

Mummenschanz führt in frühe Suchthilfe

Verein für Jugendhilfe beteiligt sich mit dem Mittelalterprojekt "Armen- und Siechenhaus" am Sindelfinger Stadtjubiläum

  • img
    Mitarbeiterinnen des Suchthilfezentrums in historischen Gewändern vor dem "Siechenhaus", dem heutigen Gebäude Hintere Gasse 39

Es riecht nach verkohltem Holz und frischem Stroh in der Sindelfinger Burggasse - wie vor vielen Jahrhunderten. Mittelalterlich Gewandete stehen am Samstagnachmittag vor dem Eingang von Haus Nummer 3 neben einer rauchenden Feuerstelle. Sie hören Musikanten zu, die sich in Jutesäcke gewickelt haben.

Artikel vom 09. Dezember 2013 - 17:12

SINDELFINGEN. Zu einer Reise ins Mittelalter lud der Böblinger Verein für Jugendhilfe in seinen beiden Einrichtungen für Jugend- und Suchthilfe in der Sindelfinger Altstadt ein. "Unser mittelalterlicher Tag der offenen Tür ist Teil des 750-Jahre Sindelfingen-Programms", erklärt Bereichsleiter David Aust, der selbst in passender Kostümierung vor Ort ist.

Um auf die beiden Beratungszentren in Sindelfingen aufmerksam zu machen und gleichzeitig an der Jubiläumsfeier teilzunehmen, überlegten sich die Mitarbeiter der beiden Häuser daher etwas ganz Besonderes: "Wir haben nach dem Pendant zur Jugend- und Suchthilfe im Mittelalter gesucht", berichtet Aust. "Da es diese Form der Betreuung zu dieser Zeit noch nicht gab, haben wir uns für die ähnlichsten Einrichtungen entschieden." In ein Armen- und ein Siechenhaus haben die Mitarbeiter der beiden Beratungsstellen ihre Häuser daher umfunktioniert und konzipierten auf diese Weise in der gut erhaltenen Sindelfinger Altstadt ein beinahe realistisches Gesamtbild. "Da unsere beiden Häuser in der Burggasse und der Hinteren Gasse zu den ältesten der Stadt gehören, passt das Mittelalter-Thema ziemlich gut hierher", findet auch David Aust.

"Von Ritter Kunibert und der schönen Esmeralda", erzählt derweil Martin Norz, der mit seiner Musikgruppe Bambam-Band vor dem zum Armenhaus umfunktionierten Jugendhilfezentrum Kinderlieder zum Besten gibt. "Der reitet auf einem Drachen und kämpft!", erklärt er den Kleinsten, mit denen er kurze Zeit später als wandelnde Bäume vor der Bühne tanzt.

"Sucht kommt von Siechen"

Einen kurzen Spaziergang durch die Altstadt-Gassen später findet man sich vor dem Gebäude der Suchthilfeberatung wieder, das an diesem Tag das Siechenhaus ist. Weiße Kerzen weisen im Abendlicht zur Tür, hinter der ebenfalls verkleidete Mitarbeiterinnen vorbeihuschen. Ein leckerer Geruch nach warmen Äpfeln und Keksen strömt durch das Fachwerkgebäude, das ebenfalls mit reichlich Stroh und Tannenzweigen dekoriert, mehr nach weihnachtlicher Krippe als nach Ort zum Siechen und Sterben aussieht.

"Das Wort Sucht kommt von Siechen", erklärt Mareike Meier von der Sindelfinger Suchthilfe. Außer den vielen Alkoholkranken habe man aber keine "Süchtigen" in den Siechenhäusern behandelt, meint Sarah Dreyer und fügt hinzu: "Damals waren es vor allem die Lepra-Kranken, die in diese Häuser gebracht wurden."

Um den Besuchern das Thema "Sucht im Mittelalter" näherzubringen, konnte das Sindelfinger Suchthilfezentrum den Nürtinger Kollegen Gunter Wöllenstein für einen Vortrag gewinnen, der bei seinen Recherchen auf viel Interessantes stieß: "Süchte gab es schon immer", so Gunter Wöllenstein. "Je nach Verfügbarkeit der Suchtmittel haben sie sich verbreitet oder sind wieder verschwunden." Auch gesellschaftliche Veränderungen trügen viel zum Konsumverhalten bei, das sei heute nicht anders.

Spätestens am Montag verwandeln sich beide Beratungsstellen wieder in ihre gegenwärtigen Formen zurück und nehmen sich wieder ihren aktuellen Aufgaben an. Während das Suchtberatungszentrum eine wöchentliche Sprechstunde anbietet, geht es im Jugendhilfezentrum jeden Tag hoch her: "Wir betreuen derzeit 18 Kinder", erzählt David Aust. Ein volles Programm gebe es also immer.