750 Jahre Sindelfingen

Integration als Erfolgsgeschichte zum Verlieben

750 Jahre Sindelfingen: Die Zuschauer johlen und applaudieren am Freitag im Stehen bei der Uraufführung des Stadtmusicals "Sirenen der Heimat" in der Stadthalle

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    Heimliche Liebe: Silvio (Florian Stepper) hat seinen Eltern bisher nichts von seiner Freundin Eva (Sarah Dittmer) erzählt KRZ-Fotos: S. Ruchay-Chiodi

Sindelfingen feiert 750. Geburtstag. Nach "Sindolfs Traum" im Juli haben die Kulturschaffenden der Stadt und den Bürgern jetzt ein weiteres unvergessliches Geschenk gemacht: das Musical "Sirenen der Heimat". Am Freitag war die Uraufführung. Die Zuschauer hielt es vor Begeisterung nicht mehr auf ihren Sitzen.

Artikel vom 11. November 2013 - 16:00

SINDELFINGEN. Freitagabend, 22 Uhr. Eben ist der Schlussakkord für die allererste Aufführung von "Sirenen der Heimat" verklungen. In der nahezu voll besetzten Stadthalle steht alles, es wird geklatscht, gejohlt und gejubelt. Den Akteuren vor und hinter der Bühne dürfte in diesem Moment eine Tonnenlast vom Herzen fallen. Schließlich sprengt diese Aufführung alle Dimensionen.

 

XXL-Ensemble: 25 Solisten, mehr als 60 Chorsängerinnen und -sänger, 40 Kinder, 30 Jugendliche, ein eigens fürs Musical zusammengestellte Orchester der Schule für Musik, Theater und Tanz (SMTT) und viele mehr sind hier dabei. Die rund 200 Mitwirkenden haben schon vor Monaten damit begonnen, die Spiel-Szenen und die insgesamt 23 Songs mit der herausragenden Musik von Adrian Werum einzustudieren.

 

Ragazzo liebt Mädle: Die Geschichte, die sich das Regie-Duo und Vater-Tochter-Gespann Annette und Ulrich von der Mülbe zusammen mit Thomas Richhardt ausgedacht hat, ist einfach und doch tiefgängig und vielschichtig: Das Sindelfinger "Mädle" Eva Rank (Sarah Dittmer) liebt Silvio (Florian Stepper), den Sohn des Eisverkäufer-Ehepaars Catania aus Mirabella. Weder Evas noch Silvios Eltern wissen etwas von dieser heimlichen Liebe. Beide Seiten haben jeweils ganz andere Pläne für ihre Kinder: Familie Catania will Silvio mit Adriana (Ariadne Katsioulis), seiner Sandkastenliebe und Italiens jüngster Sterneköchin, verheiraten, der knurrige Baulöwe Friedhelm Rank (Ingo Sika) hat seinen schnöseligen Mitarbeiter Sven (Mathias Baier) für seine Tochter auserkoren. Als Eva ihrer Familie beichtet, dass sie von Silvio schwanger ist, nimmt das Drama seinen Lauf und neben fremdenfeindlichen Ressentiments bricht zudem noch ein alter Fluch an die Oberfläche.

 

Lokalkolorit und Migrationshintergrund: Die lebendige Inszenierung wechselt gekonnt zwischen leichtfüßigem Humor und schwermütigem Drama. Das Stück bietet einiges an Lokalkolorit. Im Bühnenbild sind Martinskirche, Städtische Galerie und Wasserturm zu erkennen. Ein Touristenführer (Erik Larsson) besingt die Sehenswürdigkeiten der Stadt und führt seine Gruppe auch artig zum berühmten Marmor-Zebrastreifen. Eine nette Spitze in Richtung Verwaltung landet Dorothea Bühler, die in ihrer sympathischen Rolle als alte Sindelfingerin und Stammgast im Eiscafé der Familie Catania gegen Bausünden wie das Domo-Gebäude oder den Abriss des Schlanderer-Areals holzen darf. Zugleich dreht sich alles um die Frage nach Heimat und Herkunft. Bei vielen Darstellern, wie etwa bei Francesco Frazetta und Antonietta Scarano Salemi, die das Ehepaar Catania spielen, oder dem Chor der Sirenen mit Akteurinnen aus Indien, Polen und der Türkei, spiegelt sich dieses Thema auch in der eigenen Biografie wieder.

 

Es gibt Eis, Baby: Passend zur Geschichte hat Salvatore Magalú vom Eiscafé Firenze am Berliner Platz extra seinen kleinen Eiswagen in die Stadthalle gerollt. In der Pause bildet sich davor eine lange Schlange. Überall sieht man Leute, die genüsslich an den süßen Kugeln schlecken und darüber den Gong zum Pausenende überhören. Deswegen wuselt Regisseur Ulrich von der Mülbe bald persönlich durchs Foyer und sammelt die Zuschauer fürs Finale ein.

 

Geld und Segen: Auch Sindelfingens Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer nützt die Pause sinnvoll und nimmt statt der derzeit heftigen Kritik an seiner Amtsführung zur Abwechslung Schecks entgegen - sogar zwei davon von der Kreissparkasse in Höhe von jeweils 10 000 Euro. "Wie wir sehen konnten, ist das Geld gut angelegt", findet Kreissparkassen-Chef Carsten Claus und lobt die Inszenierung für ihre gesellschaftliche Relevanz. Vöhringer sieht es genauso: "Integration ist in Sindelfingen eine Erfolgsgeschichte", sagt er.

 

Es liegt was in der Luft: "Ein Stadtmusical von Sindelfingern, über Sindelfinger und für Sindelfinger", wollten die Schöpfer von "Sirenen der Heimat" machen und wenn man in der Pause hört, wie die Zuhörer die Melodie von Werums "Sindelfingen"-Song summen, scheint das sehr gut gelungen. Zwar läuft nicht alles rund - mal macht die Tontechnik Probleme, mal haben die Akteure kleinere Hänger oder liegen einen Ton daneben - aber das stört an diesem Abend wohl niemanden wirklich. "Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Herzblut", findet Babette Bühler (45), die Tochter von Dorothea Bühler. Neben ihr sitzt Erna Hausch. Die 77-Jährige Ur-Sindelfingerin ist die Schwägerin von Dorothea Bühler. "Arg lebhaft" findet sie das Stück - was in diesem Fall ein Kompliment ist. Außerdem freut sie sich, dass hier mal Mitbürger mit ausländischen Wurzeln im Mittelpunkt stehen. "Manche send scho' seit 50 Johr do ond für manche Leut' send se emmer no Ausländer - des so't net sei", sagt sie - und spricht den Machern damit sicher aus der Seele.

 

  Weitere Aufführungen sind am 13., 14., 15., 16. und 17. November. Karten im Vorverkauf gibt es unter anderem bei der KREISZEITUNG, Telefon (0 70 31) 62 00-29.