750 Jahre Sindelfingen

Selbst die Martinskirche fährt durch die Stadt

"Traditioneller Pferdeumzug" in Sindelfingen lockte Tausende von Zuschauern an - Besonderes Jubiläumsgeschenk der Maichinger an die Kernstadt

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    KRZ-Foto: Simone Ruchay-Chiodi

Tausende von Menschen säumten am Sonntag die Straßen, als sich der "Traditionelle Pferdeumzug" durch Sindelfingen wand. An dieses Jubiläumsgeschenk aus Maichingen werden sich alle, die mitge- macht haben, und alle, die es gesehen haben, noch lange erinnern.

Artikel vom 16. September 2013 - 15:42

SINDELFINGEN. Die mehr als 150 Gruppen, die durch die Stadt zogen, griffen viele Aspekte der Geschichte des Pferds als Nutztier, der Historie der 750 Jahre alten Stadt Sindelfingen und der Gegend um sie herum auf. Die zahllosen Fuhrwerke beförderten nicht nur Fahrgäste im Festtagsstaat oder in berufstypischer Kleidung, sondern ganze Kirchen, Werkstätten und Kulturlandschaften. Außer Pferdenarren aus nah und fern und Vereinen und Institutionen aus Sindelfingen selbst machten auch Abordnungen aus Nachbargemeinden der Jubilarin ihre Aufwartung.

 

Brauereiwagen: Die vier Mann aus Waging am See, die den Festwagen von Stuttgarter Hofbräu kutschieren, sind bereit. Schon lange bevor der Umzug startet, stehen sie und ihre sechs prächtigen Belgier und Percherons nebst dem Wagen mit den (leeren) Bierfässern herausgeputzt auf dem Geschirrplatz am Freibadparkplatz. Die Truppe aus Oberbayern steht für die Volksfest-Kampagne vier Wochen lang in Diensten der Stuttgarter Brauerei. Nur mit den Kopfbedeckungen, die ihnen ihr Auftraggeber verordnet hat, sind sie nicht ganz einig. "Dia seng aas wia Kabbn von Leichadrägrn", sagt einer und ballt seine Schildmütze missmutig in den Händen herum.

 

Orientierungsprobleme: Hektik herrscht dagegen bei der Flößerzunft Oberes Nagoldtal. Die sechs Männer kommen dem Geschirrplatz mit ihrem sperrigen Fuhrwerk fast nicht mehr bei. Sie sind auch ein bisschen spät dran. Irgendein Witzbold, klagen sie, habe die Wegweiser von der Autobahnausfahrt Sindelfingen Ost zum Geschirrplatz verdreht, sodass sie geraume Zeit in der Stadt herumirrten. Als sie schließlich auf dem richtigen Weg waren, schossen sie übers Ziel hinaus, fuhren freundlich winkend am Freibadparkplatz vorbei und mussten noch einmal umdrehen, ehe sie sich ans Herrichten des elf Meter langen Wagens mit dem Floß drauf machen konnten. Mit dem samt Vierspänner 17 Meter langen Fuhrwerk durch die Innenstadt kutschieren kann nicht jeder. Pferdeumzugs-Cheforganisator Walter Arnold hat für die Nagoldtäler den Europameister im Holzrücken, Anton Laux, hergeholt. Der hat den Job bestens gemeistert.

 

Gruß aus dem Heckengäu: Für die Dorfgemeinschaft Lehenweiler, den Schwarzwaldverein Dachtel und den Heimatgeschichtsverein Aidlingen war es eine Ehrensache, sich beim Umzug in Sindelfingen zu präsentieren. "Unser Bürgermeister hat uns gefragt und wir haben sofort zugesagt", erzählt Marco Di Stefano, Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Lehenweiler. Seine Truppe presste auf ihrem Festwagen Most und schenkte ihn an die Zuschauer aus. "Wir haben 2000 Becher", sagt Di Stefano, als sich der Festzug allmählich in der Sommerhofenstraße zu formieren beginn. Seine größte Sorge ist, dass der Lederriemen am Muser hält. Das Gerät zur Zerkleinerung des Obstes haben er und seine Leute extra für ihren Auftritt in Sindelfingen wieder zum Laufen gebracht.

 

Ginkgo auf Reisen: Mit drei Festwagen reiht sich der Gewerbe- und Handelsverein Sindelfingen in den Umzug ein. Einen davon hat die Gartenbaufirma Walker gestaltet. 4,50 Meter hoch ist die Gartenanlage auf dem Hänger, die ein veritabler Ginkgo krönt. "Des isch ebbes Bsonders", begründet Seniorenchef Karl Walker die Wahl des Exoten. Tags zuvor hat er die Umzugsstrecke mit dem Baum schon mal abgefahren, um zu schauen, ob er nirgends streift. Der Mann mit der grünen Schürze, aus der eine Sonnenblume ragt, lacht knitz.

 

Endlich geht's los: Die Seestraße ist dicht mit Menschen gesäumt, die auf den Start des Umzugs warten. Um halb zwei bricht noch einmal Hektik aus. Walter Arnold hängt am Handy. Doch dann gibt er das Zeichen zum Aufbruch. Er selbst besteigt ein Polizeiauto, das ihn auf den Marktplatz bringt, wo er das Geschehen kommentiert. "Jetzt isch dr Walter verhaftet worda", sagt ein Feuerwehrmann lachend zu einem Kollegen.

 

Große Vielfalt: Friesenpferde, Haflinger, Schwarzwälder - die Vielfalt der Pferderassen, die an den Zuschauern vorbeiziehen, ist groß. Eine ganze Abteilung bestreiten Ponys. Doch auch Shire Horses, die größten Pferde der Welt, sind zu sehen. Doch nicht nur Reiter und Fuhrwerke sind prächtig anzuschauen. Auch das Fußvolk gibt - ob all der Folkloregruppen von Griechen, Serben und Banater Schwaben oder in historischen Gewändern - ein majestätisches Bild ab.

 

Martinskirche im Kleinformat: Sogar die Martinskirche darf durch die Stadt fahren. Manfred Beuttler hat sie in über 1000 Stunden Arbeit aus Sperrholz im Maßstab 1:20 nach Plänen und Fotos angefertigt. Dort, wo dem 73-jährigen Maichinger die Angaben zu vage waren, ist er selbst auf die Leiter gestiegen und hat Fenster und andere Bauteile vermessen. "Es ist ein schönes, aber sehr zeitaufwendiges Hobby", sagt Beuttler, der auch schon das Alte Schulhaus in Maichingen und eine Pyramide für den Weihnachtsmarkt fabriziert hat. Im März hat er vom Kulturamt den Auftrag bekommen. Am Ende hat er 52-Stunden-Wochen einlegen müssen, um fertig zu werden. Allein das Dach des Kirchtums ist mit 5600 Metallplättchen belegt, die der Kirchenbauer eigens hat stanzen lassen.

Hochzeitszug mit echtem Pfarrer: "Hochzeitszug wie früher" heißt die Szene, die der Bürgerverein Landhaussiedlung nachstellt. Der Mann in Schwarz, der hinter der Kutsche schreitet, kommentiert Walter Arnold das Defilee, "ist nicht nur gekleidet wie ein Pfarrer, er ist auch Pfarrer". Maichingens evangelischer Pfarrer Thomas Baumgärtner hat sich seinen Auftritt im Dienstgewand extra genehmigen lassen müssen.

 

Wetter gut, alles gut: Am Morgen noch wäre es vermessen gewesen, darauf zu hoffen, dass es während des "Traditionellen Pferdeumzugs" trocken bleiben würde. Doch dann hat selbst Petrus ein Einsehen und sieht davon ab, Walter Arnold und den Sindelfingern die Festlaune zu vermiesen. Nur mit ein paar Tropfen erinnert er daran, dass es höhere Mächte gibt. Ansonsten legen die 1150 Menschen und 250 Pferde den drei Kilometer langen Weg durch die Straße trockenen Hauptes zurück.