750 Jahre Sindelfingen

George Clooney wandelt übern Wettbachplatz

„waswärewenngeschichten“: 17 Autoren der VHS-Textwerkstatt haben ein alternatives Sindelfingen-Buch geschrieben

„Mein Sindelfingen“ mit seinen 36 Beiträgen zum Stadtjubiläum ist bereits ein vielgekauftes Buch. Nun schickt sich auch ein zweites Werk an, ausgiebig in die Hand genommen zu werden. 17 Autoren der „Textwerkstatt“ der Volkshochschule haben Sindelfinger „waswärewenngeschichten“ geschrieben. Reinschmökern lohnt sich. Von Siegfried Dannecker

Artikel vom 20. April 2013

 

SINDELFINGEN. Sekt, Tassen, Taschen, Münzen, DVD, T-Shirts, Fahnen: Was gibt es nicht alles, was das Jubiläumslogo „750 Jahre Sindelfingen“ ziert. Nun auch noch was, was man (sich) verschenken und auf dem Nachttisch deponieren kann: Sindelfinger „waswärewenngeschichten“. Die Daimlerstadt ein wenig visionär, ein wenig abgefahren, spinnert, kurios. Herausgegeben hat das 160-Seiten-Werk eine Frau, die professionell mit Sprache umgeht: die selbstständige Darmsheimer Werbetexterin Doris Leddin.

Die 55-Jährige, das gibt sie ohne Wenn und Aber zu, ist erleichtert, dass das gebundene Werk zwischen den Buchdeckeln rechtzeitig zum Festakt am heutigen Freitagabend in der Stadthalle fertiggeworden ist. Haben doch alle Beteiligten noch mächtig Gas geben müssen. Anfang Januar schickten die Autor(inn)en Herausgeberin Doris Leddin ihre Texte; vier Wochen vor Ostern gingen sie redigiert an den Verlag. Zwischendrin hat auch einer in Aktion treten dürfen, der wie Doris Leddin Termindruck kennt. Der aber ebenso damit umgehen kann: der Dagers heimer Grafi ker, Zeichner und Karikaturist Rainer Simon, der in Sindelfingen sein Atelier hat.

Simon hat die Texte gelesen, sich davon inspirieren lassen und sie mit der Freiheit des Künstlers interpretiert. „Nach alter Manier“ mit Tusche und Stahlfeder hat Simon zu jedem Beitrag eine pfiffige Zeichnung gemacht. „Nicht mit Filzstift oder am PC, sondern richtig mit der Hand am Arm auf Aquarellkarton“, schmunzelt der umtriebige Mann. Dass er den Illustratoren- Job übernommen hat, findet Simon „selbstverständlich. So was mach ich gern. Ein Stadtjubiläum – das ist schon was“, strahlt er.

Wenn die Aufl age von 500 Stück gut läuft, bekommt der Mann mit der spitzen Feder „vielleicht sogar ein kleines Honorar“, zwinkert Doris Leddin ein wenig mit den Augen. Sie und die gesamte Autorenschaft bekommen indes nichts. Es sei denn Ruhm und Ehre. Die Stadt hat durch einen kleinen Zuschuss das Projekt erst ermöglicht.

Hintergrund des Vorhabens mit seinen 21 Geschichten aus 17 Köpfen ist die „Textwerkstatt“ der Volkshochschule Böblingen-Sindelfingen, die von Pfarrer i. R. Dietmar Seiler betreut wird. Seilers geflügelter Spruch in seinen Schreib-Seminaren geht immer so: „So hätte es sein können“ oder „Es hätte so sein sollen“. „Wir sollen uns ja von der Realität lösen, wenn wir Geschichten schreiben“, grinst Doris Leddin: „Und dann sollen wir locker erzählen können, spannend und womöglich auch ein wenig witzig.“

Die Mittfünfzigerin ist seit vier Jahren Mitglied der Literaturwerkstatt und schätzt das Mitwirken dort sehr. „Wir kriegen eine Aufgabe, und dann legen wir los und demonstrieren, was man mit viel Fantasie in 20 Minuten zusammenschreiben kann.“ Und so kam es denn, dass im Oberstübchen der gebürtigen Sindelfingerin schließlich die Idee keimte, die Textwerkstatt-Teilnehmer könnten sich literarisch-fantasievoll aufs Stadtjubiläum stürzen.

Gedacht, gesagt, getan. Nun ist‘s vollbracht. Das Werk wird auch gleich eingeleitet von der Herausgeberin mit einem pfiffigen Interview mit der Jubilarin, der 750 Jahre jungen Stadt. Darauf folgt ihr Beitrag „Der Wirtschaftsförderer“. Dessen Clou ist, dass Johannes Steck, der neue Wirtschaftsförderer, ein Fan von allem ist, was Roland Emmerich, der berühmte Sohn der Stadt, je auf Kinoleinwände gebracht hat. Steck schafft es, den berühmten Hollywood-Regisseur wieder an seine Heimat zu binden. Und so wird die Deutschland-Dependance von „Centropolis-Film“ – ausgerechnet – im Domo (!) angesiedelt; und in einer der Daimler-Hallen wird gedreht. Mercedes hebt ab, Daimler goes Weltall.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur das vielleicht noch: George Clooney, mutmaßlich „sexiest man alive“, wandelt übern Wettbachplatz und wirkt nicht nur auf die Sindelfinger Damenwelt wie ein Magnet. Auch andere Hollywood-Größen folgen, sodass Sindelfingen künftig nicht nur Mekka von Mercedes ist, sondern auch internationaler Film-Medien.

Wunderbar zu lesen auch Dietmar Seilers kurz-knackige Abart der schönen neuen Welt mit neuen Medien – „Der Rat kommt online“. Oder das Werk seiner Frau Ruth, die in „Das neue Gesicht Sindelfingens“ Friedensreich Hundertwasser das Industriestädtle kreativ umkrempeln lässt. In Momenten wie diesen möchte man sich insgeheim gar wünschen, dass aus Fiktion Realität würde. Ganz nach dem Motto „Was wäre wenn. . .“