750 Jahre Sindelfingen

Stadtspektakel soll lange nachwirken

Der Regisseur Frank Martin Widmaier hat Kuchenritt, Zeitspaziergang und „Sindolfs Traum“ künstlerisch erarbeitet

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    Zuletzt wurde noch die Technik auf dem Marktplatz getestet: Frank Martin Widmaier (im schwarzen T-Shirt) erläutert Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (im weißen Hemd) die Projektionen auf dem Alten Rathaus KRZ-Foto: Thomas Bischof

Die vergangenen Tage und Nächte waren heftig. Frank Martin Widmaier hat quasi nonstop die letzten Vorbereitungen für das Wochenende getroffen. Hat geprobt, organisiert, ausprobiert und die letzten Details besprochen. Jetzt ist alles so weit. „Und es wird etwas ganz Besonderes“, betont der künstlerische Leiter der Veranstaltungen am Jubiläumswochenende „750 Jahre Sindelfingen“. Von Robert Krülle

Artikel vom 19. Juli 2013

SINDELFINGEN. Kuchenritt, Zeitspaziergang und „Sindolfs Traum“ – am Samstag und Sonntag ist die Stadt eine einzige Theaterbühne. „An die 1500 Akteure sind aktiv – eine tolle Geschichte“, freut sich der künstlerische Leiter Frank Martin Widmaier.
Denn Grundlage des Konzepts ist, dass keine eingekauften Profi truppen das Stadtjubiläum feiern. Statt durchgestylter Fremdproduktionen sind es die Sindelfinger Bürgerinnen und Bürger selbst, die vor und auf der offenen Bühne stehen. Widmaier hat vom halbprofessionellen Theaterdarsteller über engagierte Vereinsmitglieder bis hin zum Grundschüler alle unter einen Hut zu bekommen. „Man muss auf der einen Seite eine klare Vorstellung einbringen“, sagt der Regisseur, „und auf der anderen Seite genau wissen, wie viel man erwarten kann.“
Seit gut zwei Jahren ist der Theaterregisseur und -organisator nun mit dem Projekt beschäftigt. „Das geht am Anfang natürlich langsam los: Man führt viele Gespräche, klopft ab, was möglich ist“, erzählt Widmaier. Wichtigster Ansprechpartner war und ist dabei der Schul- und Kulturamtsleiter Horst Zecha als Auftraggeber. „Wir verstehen uns richtig gut.“ Im vergangenen Herbst wurde es ernster, nun musste einiges festgeklopft werden. Die heiße Zeit der Vorbereitungen begann vor etwa vier Monaten – mit steter Steigerung. „Das wurde zuletzt immer intensiver.“
Und dabei kommen drei Großprojekte zusammen: Am Samstagvormittag gestalten Hunderte von Grundschülern im Sommerhofenpark eine Neuauflage des Sindelfi nger Kuchenritts, dessen jährliche Aufführung in den 90er-Jahren eingeschlafen war. Dann lädt der Zeitspaziergang am Samstag und Sonntag über zahlreiche Stationen in der ganzen Innenstadt ein, sich mit der städtischen Geschichte auseinanderzusetzen und anregend unterhalten zu lassen. Schließlich wird an beiden Abenden„Sindolfs Traum“ um 22 Uhr auf dem Marktplatz aufgeführt. Widmaier hat sich diese Kreation eigens fürs Jubiläum ausgedacht. Eine kleine Truppe um den Sindelfinger Schauspieler Ingo Sika unternimmt eine abenteuerliche Reise durch die Zeit – samt aufwendiger Multimedia-Show. „Ich habe ja schon einiges erlebt am Theater“, sagt der Regisseur, „aber hier betrete auch ich Neuland, das macht die Sache für mich besonders spannend.“
Seit 1994 ist Frank Martin Widmaier professionell im Theatergeschäft und hat für Institutionen wie die Berliner Staatsoper, das Berliner Ensemble, die Frankfurter Oper, das Staatstheater am Gärtnerplatz in München oder das Theater in Dortmund gearbeitet – sowohl als Regisseur als auch als Künstlerischer Betriebsdirektor. Obwohl in Sindelfingen beheimatet, hatte er in der Daimlerstadt keinerlei Projekte laufen – bis Widmaier vor gut drei Jahren mit dem Martinskirchenkantor Matthias Hanke ins Gespräch kam. In der Folge inszenierte der Theatermann eine Aufführung bei der Veranstaltungsreihe „Leere Martinskirche“. Und bot sich darauf an, das Jubiläumswochenende zu inszenieren.
Sindelfingen fühlt sich Widmaier stark verbunden, auch wenn er seit 20 Jahren viel Zeit an anderen Orten verbringt und die Familie samt elfjähriger Tochter vor einem Jahr wieder nach Berlin gezogen ist. „Ich bin in Sindelfi ngen aufgewachsen, meine Mutter wohnt noch hier“, sagt er. Gerne erzählt er, wie er als Zehnjähriger an archäologischen Ausgrabungen in Sindelfingen beteiligt war. „Das hat mich ganz stark geprägt, da ist mir Geschichte klar geworden“, weiß er, „und jetzt grabe ich mit den Sindelfi ngern auch ganz viele historische Kulturschichten durch.“ Und auch der Tod seines Vaters im Jahr 2010 könnte mitverantwortlich sein, dass sich Widmaier wieder stärker seiner Heimatstadt zugewandt hat. „Er hat genauso wie meine Mutter als Grund- und Hauptschullehrer in Sindelfingen einige Jahrzehnte gewirkt“, sagt der 50-Jährige, „ein Stück weit widme ich ihnen meine Arbeit hier.“
Wann empfindet der künstlerische Leiter das Wochenende als Erfolg? „Natürlich ist es erst einmal wichtig, dass das Angebot gut angenommen wird“, sagt Widmaier, „viel wichtiger ist aber, was langfristig bleibt.“ Er hoffe, dass bei den Sindelfingern – ob Aktive oder Zuschauer – die Anbindung an ihre Stadt verstärkt wird. Dass die Sindelfi nger ihre Wurzeln aufs Neue kennenlernen und spüren. „Dass sich in den Köpfen der Eindruck festsetzt, dass man an einem einmaligen Ort lebt.“