750 Jahre Sindelfingen

Lehrreicher Weg durch die Stadt

Zeitspaziergang lockt Gäste in Ecken Sindelfingens, in die sie ein Festzug nicht führen würde

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    Alamannenführer Sindolf trifft den Römer Marcus Publicius
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    Zwei Chorherren im Disput: Bruder Markus (Klaus Philippscheck, li.) und Bruder Johannes (Horst Uhel) streiten, ob die romanische Martinskirche gotisch umgebaut werden soll KRZ-Fotos: Thomas Bischof
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    Schülerinnen zeigen Schulunterricht aus einer anderen Zeit

Artikel vom 22. Juli 2013 - 15:24

SINDELFINGEN. Einen Umzug wollten die 750-Jahr-Feier-Organisatoren nicht. Sie setzten nicht die Akteure in Bewegung, die etwas über die Geschichte Sindelfingens zu erzählen wussten. Die Gäste sollten von Station zu Station marschieren. So ein Zeitspaziergang ist zwar für den Besucher ein bisschen strapaziös, aber er wird dabei, argumentiert Organisationschef Horst Zecha, in Ecken der Stadt gelockt, die er als Betrachter eines Festumzugs nie kennenlernen würde, die er aber so schön und interessant findet, dass er sie später auch ohne den Trubel eines Jubiläums-Festwochenendes immer wieder gern aufsucht. Und noch eins war den Organisatoren wichtig: Wo immer es ging, sollten Sindelfingerinnen und Sindelfinger die Darbietungen bestreiten.

 

Ganzhorn spielt Ganzhorn. Dr. Wilhelm Ganzhorn stößt den Spaten in die Erde. Was der Amtsrichter und Archäologe aus Sindelfingen da entdeckt hat, hält er für ein Alamannengrab. "Wir Alamannen kennen keine Grabhügel", klärt ihn Sippenführer Sindolf auf. Da rast Teutates heran, der Kelte, und verbittet sich, dass andere Leute sich an den Grabstätten seiner Vorfahren zu schaffen machen. "Jetztle", dämmert es Ganzhorn, "ich verstehe: Die Hügel sind nicht von den Alamannen, sondern von den Kelten." Geschichte wird in solchen Spielszenen lebendig. Die am Keltenhügel im Sommerhofenpark hat noch eine ganz besondere Note: Im Gewand des Archäologen Wilhelm Ganzhorn steckt einer, der denselben Nachnamen trägt wie er: Claus Ganzhorn. Wie er mit seinem berühmten Vorfahren verwandt ist, weiß er nicht genau, aber er ist es. Nicht nur auf und um den Grabhügel herrscht Leben. In seinem Innern zeigen Drittklässler der Johannes-Widmann-Schule, wie die Kelten gelebt haben. Zwei Gegenstände müssen die Besucher finden, die unsere Vorfahren noch nicht kannten: die Sonnenbrille und das Handy.

 

Geistliches Leben. 1060 wird mit dem Bau der Martinskirche begonnen. Steinmetz Peter Volz zeigt in seiner Bauhütte, wie der Stein behauen wurde. In der Kirche stimmt die Männerschola gregorianische Gesänge an. Zwei Chorherren malen in einem Disput aus, welche geistigen Strömungen ums Jahr 1300 auch Sindelfingen durchziehen. Bruder Markus ist eben aus Frankreich zurückgekehrt, erfüllt mit neuen Ideen. Er will die romanische Kirche zu einer gotischen umbauen lassen, damit das Licht durch "himmelhohe Fenster" hereindringe und auch zum "Licht der Erkenntnis" werde. Bruder Johannes hält von derlei "vergänglichem Tand" nichts. Er sieht Erschütterungen aufziehen, "die die Menschen, die bisher nur geglaubt haben, irre werden lassen".

 

Endlich Oberamtsstadt. 1263 gründet Graf Rudolf der Scherer unmittelbar neben dem Chorherrenstift die Stadt Sindelfingen. Doch sie ist in den Augen ihrer Väter lange mit einem Makel behaftet: Sie gehört zum Oberamt Böblingen. Anfang des 17. Jahrhunderts wird dieser beseitigt. Der Stadtschultheiß verkündet auf dem Schaffhauser Platz, dass Sindelfingen endlich Oberamtsstadt wird. So hofft man, den "Ärger mit den hochfahrenden Nachbarn" abstellen und ihren "unverschämten Forderungen" entrinnen zu können.

 

Herzdruckmassage nach Silvester. Sindelfingen ums Jahr 1900. Ein Unglück geschieht: Weil die Pferde scheuen, stürzt eine Magd vom Wagen. Eine zweite erschrickt so sehr, dass sie sich mit dem Beil ins Bein hackt. Die Rettung muss her! Fünf Mann der Historischen Sanitätsgruppe Mochenwangen rücken von der Sanitätswache, die ihre Sindelfinger Kollegen in der Langen Straße eingerichtet haben, auf den Wettbachplatz aus. Schnell haben sie die Lage im Griff. Doch beim Schienen eines Bruchs, beim Anlegen von Kornähren- und Kopfverband tritt bei einer Verletzten plötzlich Atemstillstand ein. "Herzdruckmassage nach Silvester" ordnet der Truppführer an. Die Helfer machen sich ans Wiederbeleben. Um die Atemwege freizubekommen, fixieren sie die Zunge mit einer Drahtschlinge. "Manchmal", erklärt der Moderator, "hat man das auch mit einer Sicherheitsnadel gemacht."

 

Chronisten. Wer Muße hat, kann sich (Stadt-)Geschichte nicht nur vor Augen führen, sondern auch zu Gehör bringen lassen. Überall auf dem Weg vom Sommerhofenpark über die Martinskirche und den Stiftsbezirk, durch die Altstadt bis in die Innenstadt sitzen Chronisten, die das Leben in Sindelfingen in unterschiedlichen Epochen schildern.

 

Schulen legen sich ins Zeug. Der jüngeren Historie der Stadt widmen sich Schulen. Schüler des Goldberg-Gymnasiums zeigen, wie Schulunterricht in der Kaiserzeit und während des Dritten Reichs ausgesehen hat. Und dann spielt in den Ausstellungscontainern in der Planie immer wieder das Thema Migration eine Rolle. Das geht mit Flut und Vertreibung los. Schüler des Unterrieden-Gymnasiums zeichnen nach, warum und unter welchen Umständen Sudetendeutsche, Schlesier, Donauschwaben am Ende des Zweiten Weltkrieges ihre jahrhundertealten Siedlungsgebiete verlassen mussten und wie viele von ihnen im Kreis Böblingen eine neue Heimat gefunden haben. 23 Schüler gehen in die Klasse 9 b der Realschule Eschenried; sie haben zehn Nationalitäten. Die jungen Leute arbeiteten in Theater- und Filmsequenzen auf, was Menschen erlebt haben, die in den 1990er-Jahren ihre Heimatländer verließen und mit welchen Schwierigkeiten sie und ihre Familien in Deutschland zu kämpfen hatten.

 

Abgekämpft. Für Frank Martin Widmaier ist das Festwochenende eine körperliche Strapaze, eilt der künstlerische Leiter der Veranstaltungen doch von einem Schauplatz zum anderen. Immer wieder greift er ein, um die eine oder andere Darbietung zu optimieren. Doch er ist begeistert von der Stimmung, die sich am Samstag über die Stadt legt. "Genauso wollten wir es haben", sagt er, "es sind immer Menschen unterwegs, ohne dass es irgendwo ein Gedränge gibt."