750 Jahre Sindelfingen

Sorgfalt ist seine beste Lebensversicherung

Hans Knauß schwebt am Samstag um 10 mit drei Freunden zum Sindelfinger Festwochenende ein - In 44 Jahren 5627 Fallschirmsprünge

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    Videos von Läuferstaffel: Hier hat Hans Knauß eine Kamera auf den Radgepäckträger gezurrt
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    Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein: Fallschirmspringer Hans Knauß (Mitte mit Helmkamera) springt inmitten einer Formation gen Erde Fotos: red/sd

Alles Gute kommt von oben. Das wird fürs Wetter beim großen Sindelfinger Festwochenende in jedem Fall gelten. Aber nicht nur. Am Samstag um 10 zur Eröffnung des Kuchenritts schwebt auch ein anderer guter Geist auf der Wiese im Sommerhofenpark sehenswert ein: Fallschirmspringer Hans Knauß.

Artikel vom 18. Juli 2013 - 15:24

SINDELFINGEN. Wenn der 66-Jährige dann auf dem abgesperrten grünen Rasen aufsetzt und ein paar Auslaufschritte machen wird, ist das der 5628. Fallschirmsprung des Lehrers im Ruhestand. Zwar werden ihn bei seinem Abflug drei Freunde "im Einzelsprung" begleiten - Uli Brendle, Ingo Huy und Robert Fröschle. Doch mit Knaußens Vita unterm Fallschirm können die alle nicht konkurrieren. Der Mann aus der Seestraße springt seit 1969 schon, mithin seit 44 Jahren. Anders gesagt: zwei Drittel seines Lebens.

Elf Jahre jung war der kleine Hans, als ihn sein Patenonkel Franz Fuchs, damaliges Mitglied der Flugsportgruppe Sindelfingen - Böblingen, 1958 zum ersten Mal auf die legendären Flugtage auf der Böblinger Hulb mitnahm. Da guckte der Bub in den Himmel und sah, wie "die Amis" aus 2000 Metern Höhe aus einem Hubschrauber absprangen. An ihren bunten Fallschirmen sausten die Soldaten zu Boden - und landeten gewissermaßen "vor meinen Füßen", erinnert sich Hans Knauß, als ob das gestern gewesen wär'. "Von da ab war ich verloren. Das war die Initialzündung", schmunzelt der ehemalige Lehrer, der einst Hauptschülern ein Berufsleben lang Mathe, Deutsch und Sport beigebracht hat. Und sich den freien Fall. Respektive den gebremsten. 22 war Knauß, als er das erste Mal seine Variante von Reinhard Meys Evergreen ausprobierte (der damals noch kein Hit war): "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein." Zwischen Himmel und Erde herrschen eben andere Verhältnisse.

Ehrenmitglied bei Sportspringern im Calwer Club

Einmal infiziert, wollte Hans Knauß während seiner Bundeswehrzeit unbedingt zu den Fallschirmjägern. Und schaffte das schließlich auch. Bis heute ist diese Verbindung geblieben. Der 66-Jährige ist (Ehren-)Mitglied des Fallschirmsportspringer-Clubs Calw, genauer gesagt der 1. Luftlandedivision e. V., Standort Calw - Graf-Zeppelin-Kaserne. Der Weg dorthin ist nicht weit. Und doch gehört der Sindelfinger auch noch einer zweiten Vereinigung an - dem CERP. Das steht für Centre Ecole Regionale de Parachutisme Alsaçe. 1972 ist Knauß zum ersten Mal in Straßburg gelandet - buchstäblich; und seither steht sein Wohnwagen dort. Die Örtlichkeiten in der hochrheinischen Metropole kennt Knauß wie seine Hosentasche. Oder wie Sindelfingen.

Denn auch hier ist der sportliche Kerl schon öfters gelandet: 1970 zum Beispiel schon mal im Floschenstadion. Auch mal im Freibad, "als Erwin Lamparter noch Sportbürgermeister war". Zur Eröffnung des Ökumenischen Gemeindezentrums im Hinterweil. Und einmal zum Start der Landesgartenschau Sindelfingen anno 1990.

Ob er nicht Angst hat bei seinen Sprüngen in die Tiefe, bei 180 km/h im freien Fall - und bei den Formationen, die Knauß besonders gern mag, "weil man da in der Gruppe ist"? Der bemerkenswert schlanke Lehrer i. R. grinst. "Überhaupt nicht." Es fließe zwar bei jedem Sprung - und Knauß kommt an einem schönen Wochenende schon mal auf zehn! - aufs Neue Adrenalin. Aber Angst? Nö. "Nur Respekt." Denn auch Knauß hängt nicht nur an den Leinen seines Fallschirms. Sondern am Leben. Und deswegen wird sein Sportgerät auch so gepackt, dass der Trageschirm stets aufgeht und nicht der Notschirm in Aktion treten muss. Was in sehr seltenen Fällen auch schon der Fall war. Aber - toi-toi-toi - Hans Knauß ist in all den Jahrzehnten nie wirklich zu Schaden gekommen: "Du darfst aber bei aller Routine nie nachlässig werden", nennt er Sorgfalt seine beste Lebensversicherung.

Ein paar Sekunden Beschleunigung bis auf den freien Fall - 180 km/h

Wenn Knauß am Samstag in "nur" 1500 bis 1700 Meter Höhe samt Helmkamera das Flugzeug verlässt - eine Schweizer "Pilatius-Potter"-Maschine -, geht's 15 bis 20 Sekunden in den freien Fall. Dann wird er den Flächenfallschirm öffnen. Und vier Minuten später - Sinkrate fünf Meter pro Sekunde - am Café "Wies'n" eintrudeln. "Du hast ja immer das Gefühl, getragen zu werden", beschreibt Hans Knauß die Luft-Effekte: "Du spürst den Luftwiderstand und -druck am Körper. Dir wackeln die Ba-cken." Dann, kurz vorm Boden, wird er seine "Tragfläche" so bewegen wie ein Adler es auch tut: Der drückt seine Schwingen nach unten, um die Luft darunter zu komprimieren und langsamer zu werden.

Hans Knauß ist mit seinem nicht ganz billigen Hobby schon aus allem abgesprungen. Aus 4000 Metern Höhe aus dem größten Hubschrauber der Welt - einer russischen Mi 26 mit 22 000 PS und 100 Fallschirmspringern Fassungsvermögen. Aus einem Zeppelin und aus einem Heißluftballon. Angst, wie gesagt, fliegt nicht mit. "Vor einer Gipfelgratwanderung in den Alpen hätt' ich im Zweifel mehr Respekt", lacht Knauß: "Denn da hätt' ich keinen Fallschirm." Bungee-Jumping, verrät er, wär nix für ihn: "Ich wüsste nicht, weshalb ich das tun sollte", sagt der Mann in jenem Alter, von dem Udo Jürgens behauptet, dass da das Leben richtig anfange.

Spaß daran hat Knauß schon lange. Auch dort, wo der Kick vielleicht nicht ganz so intensiv ist - beispielsweise hinter einer Kamera. Als Mitglied des Film- und Videoclubs Sindelfingen - seit 19 Jahren - ist dieser Hans(knauß)dampf in allen Gassen auch filmisch schwer aktiv. So hat er beispielsweise das "Skriptorium", ein Projekt der Grundschule Klostergarten, verfilmt. Oder das Projekt "Grenzsteine" auf Sindelfinger Gemarkung von Klaus Philippscheck und Horst Weber. Und auch den Staffellauf Sondrio - Sindelfingen hat Knauß jüngst zusammen mit Michael Merz und Kurt Haug gefilmt. Dass der Streifen sehenswert werden wird, steht jetzt schon fest. Aber das Schneiden muss warten. Am Samstag geht's erst in die Lüfte. Runter kommen sie dann immer. Hans Knauß haut auf Holz - also mit den Fingerknöcheln an die Schädeldecke: "Das wird ein schöner Sprung."