750 Jahre Sindelfingen

Kinder bringen Gaben und äußern Wünsche an die Stadt

Neuinszenierung des Sindelfinger Kuchenritts bildet einen farbenfrohen Auftakt zum Festwochenende anlässlich des Stadtjubiläums - 900 Grundschüler wirken mit

Kinder in bunten T-Shirts und wie vor 100 Jahren gewandete Obrigkeitspersonen präg- ten das Bild des Sindelfinger Kuchenritts. Beide Parteien sorgten dafür, dass die Neu- auflage des alten Rituals von Geben und Neh- men zum farbenfrohen Auftakt für das Fest- wochenende "750 Jahre Sindelfingen" wurde.

Artikel vom 22. Juli 2013 - 15:24

SINDELFINGEN. Durch die Stadt stolzieren Herrschaften. Die Damen tragen hochgeschlossene, lange Kleider und verwegene Hüte, die Herren dunkle Gehröcke und Zylinder. Ihr Ziel ist die Ehrentribüne im Sommerhofenpark, vor der eine Stunde später der Sindelfinger Kuchenritt neu inszeniert werden soll. Im Park herrscht eine lockere Atmosphäre. Horst Zecha und Susanne Fuchs vom Organisationskomitee für die 750-Jahr-Feier treffen letzte Vorbereitungen. Stadtmusikdirektor Markus Nau übt mit Stadtkapelle, Jugendblasorchester und Jungbläserspielkreis, die gemeinsam den musikalischen Part des Kuchenritts bestreiten.

Dann teilen sich die Musiker in kleine Gruppen. Jede von ihnen begleitet die Schüler einer der neun Sindelfinger Grundschulen, die in wenigen Minuten aus allen Richtungen in den Park einziehen werden. Die Viert-klässler der Königsknoll-Schule warten in der Herrenwäldlestraße. Noch fehlt der Reiter vom Reit- und Fahrverein Maichingen, der sie eskortieren wird. Aber es ist ja noch Zeit.

Auf der Bühne testet Stadtschultheiß Bernd Vöhringer das Mikrofon. Frank Martin Widmaier, der künstlerische Leiter der Jubiläumsveranstaltungen, tigert herum, als ob er einen Haken für sein Jackett suchen würde. Doch er muss es sich trotz der Hitze wieder überstreifen. Ein Moderator in Hemdsärmeln geht an so einem Festtag nicht. Vor der Bühne und um den auf dem Boden markierten Kuchen, in dessen neun Sektoren die Schüler Aufstellung nehmen werden, sammelt sich das Publikum. Widmaier hält die Zuschauer an, Gassen für die Kinder freizulassen. Da trifft auch schon die Abordnung der Grundschule Klostergarten auf dem Festplatz ein. Hemden und Mützen der Kinder sind orange. Kaum ist der Beifall für sie verebbt, rücken Zug um Zug die Delegationen der Grund- und Werkrealschule Goldberg, der Grundschule Königsknoll, der Gemeinschaftsschule Eichholz, der Grundschulen Hinterweil, Darmsheim, Gartenstraße, der Johannes-Widmann-Schule Maichingen und der Grundschule Sommerhofen an. Die Segmente des Kuchens leuchten in violett, marineblau, hellblau, orange, grün, gelb, rot, taubenblau und türkis.

Doch dann richten sich die Blicke zum Himmel. Aus einem Flugzeug haben sich vier Fallschirmspringer geschwungen, die jetzt langsam zu Boden schweben. Hans Knauß, Ingo Huy, Uli Brendle und Robert Fröschle landen zielsicher in einem abgesperrten Areal im Sommerhofenpark. Die vier Mitglieder des Fallschirmsportspringerclubs Calw übergeben Oberbürgermeister Bernd Vöhringer eine Grußbotschaft seines Calwer Kollegen und ein Bild, das zeigt, wie Hans Knauß & Co. die Sindelfinger Jubiläumsfahne hoch über Straßburg schwenken.

Dann schlägt die Stunde der Kinder. Jeweils drei, vier Schüler jeder Schule kommen auf die Bühne und führen einen gereimten Dialog mit dem Stadtschultheiß. Sie bringen Geschenke mit: die Darmsheimer Schotter aus den Muschelkalk-Steinbrüchen, die es dort zuhauf gibt, die von der Gartenstraßen-Schule, die auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei steht, Ziegelsteine, die aus dem Königsknoll Obst, das im Einzugsbereich ihrer Schule wächst, und Tiere, die vor der Haustür weiden. Doch die Kinder geben nicht nur, sie haben auch Wünsche. Die vom Goldberg wollen auf keinen Fall, dass die Stadt den Abenteuerspielplatz schließt. Die Abordnung aus dem Königsknoll macht sich für den Erhalt des Klostergartenbads stark. Im Eichholz wäre man froh, wenn die Stadt die unappetitlichen Toiletten herrichten lassen würde, und im Klostergarten, wenn der Schulweg sicherer würde. Im Hinterweil, in Darmsheim und an der Gartenstraße wünschen sich die Schüler, dass ihre Schulhöfe besser mit Spielgeräten und Sitzgelegenheiten ausgestattet werden. Die Maichinger fordern, dass die Stadt auch Kinder fragt, ehe sie große Entscheidungen trifft. Die Sommerhofen-Kinder laden den OB und die Bürgermeister Christian Gangl und Corinna Clemens zu Kaffee und Kuchen und zu einem Gespräch ein, bei dem sie sicher auch Wünsche vortragen werden.

Bernd Vöhringer sichert zu, dass er und die Seinen sich um die Anliegen der Kinder kümmern, und übergibt jeder Delegation einen eigens zum Jubiläum kreierten Kuchenritt-Kringel. Ehe die Schulen Luftballons in ihrer Farbe in den Himmel steigen lassen, singen alle gemeinsam das Kuchenritt-Lied, das Markus Nau (Melodie) und Horst Zecha (Text) geschaffen haben. Schließlich verlassen die Ratsherren und -damen ihre Plätze auf der schattigen Ehrentribüne und verteilen Laugenkringel an alle Schüler. Als sich das Gemenge aus 900 farbenfrohen Kindern, würdigen Obrigkeitspersonen und Publikum aufgelöst hat, bleiben in der Mitte des Kuchens jene neun weißen Lanzen mit je einem farbigen Ring zurück, die als Zeichen von Vielfalt und Harmonie, als Symbol für das befruchtende Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt gedacht sind.