750 Jahre Sindelfingen

Wie ein Schluck Wasser in der Steilwandkurve

Zeitspaziergang: 20 000 Leute besichtigen die Daimler-Attraktionen

Artikel vom 22. Juli 2013 - 15:24

SINDELFINGEN. Wenn die Stadt ihre Tore zum Zeitspaziergang aufmacht, lässt sich auch der Daimler nicht lumpen. Und so hat der weltgrößte Mercedes-Produktions- und zentrale Entwicklungs-Standort am Wochenende gezeigt, was demnächst 100 Jahre Kfz-Bau in Sifi bedeuten. (Nicht nur) Autofans kamen aus dem Staunen kaum heraus.

Es waren rund 20 000 Menschen, die am Samstag und Sonntag den Stolz der Region besucht haben. Menschen, die Mercedes fahren (oder auch nicht). Vor allem aber Menschen, die einen oder mehrere Familienangehörige und/oder Verwandte im Werk beschäftigt haben. Mal gucken, "wo dr Babba schafft" (alternativ auch die Mama, möglicherweise sogar beide) - das war für viele Mitarbeiter(innen) Anlass, das geöffnete Werkstor 8 zum Kunden-Center zu betreten und den randvollen Busshuttle zum Forschungs- und Entwicklungszentrum zu besteigen.

Wie Dr. Kristine Fritz vom Bereich Umwelt- und Arbeitsschutz. Während die Mutter am Samstagspätnachmittag im Werk war und ihr Mann den Grill anwarf, genossen ihre kleinen Zwillingsmädchen und Nichte Silje abwechselnd die Massagefunktion des neuen S-Klasse-Sitzes. Wie sich das anfühlt? Gut? Silje schweigt. "Sehr gut?", wollen wir wissen. Silje sagt nix, aber lächelt verschmitzt. Das lederbezogene Gestühl hat seinen Härtetest bestens bestanden.

Seitenwechsel. Einmal übers Werk gefahren im Pflieger-Oldtimerbus: An jener Station, wo man sich für eine Mitfahrt auf der Einfahrbahn bewerben kann, herrscht eine lange Schlange. Nuno Salgueiro (33) und sein Sohnemann Pedro (3) haben es geschafft - wie die Mutti mit dem zweiten Sohn im nachfolgenden Fahrzeug. Der portugiesisch-stämmige Ingenieur, der im Schwarzwald geboren und in Sindelfingen aufgewachsen ist und im Arbeitsalltag Elektroautos konstruiert, genießt die Fahrt in einem neuen S 500. Mario Schulz, unser Chauffeur, der normalerweise im Qualitätsmanagement Nacharbeiten macht, drückt das Gaspedal des Achtzylinders Richtung Bodenteppich. Augenblicklich beschleunigt der Bolide seidenweich von 60 auf 160, um in die erste von zwei Steilwandkurven zu liegen. Wow. Vier Männer in der Karosse sind in ihrem Element. Nur die Männer? Ach was. Auch die Mama, die kurz später die Beifahrertür öffnet, weiß: So fühlt sich die Spitze des Automobilbaus an.

Sie anschaulich zu vermitteln, hat der Daimler am Wochenende keine Mühen gescheut. Und beispielsweise das Herz des Autobaus gezeigt - den Rohbau mit seinen tonnenschweren Pressen. Die Führungen waren höchst begehrt und: live. Denn am Samstag wurden eh jene Stahl- und Alu-Bleche gepresst, aus denen man einen Mercedes formt. Am Sonntag, dem Tag des Herrn, dagegen blieben die Pressen still. Am siebten Tage sollst du ruh'n. Ruhe herrschte gestern dennoch nicht. Sondern ein Brummen im Werk. Sehr zur Freude von Maschinenbauerin Claudia Graber, die das Highlight "Innovationsschau" betreut hat, und Carolin Fritze, die als Event-Organisatorin beispielsweise auch für die offenen Türen im Fahrsimulator gesorgt hat. Der Wind- und Klimakanal hingegen musste geschlossen bleiben, weil: Wenn am Montag sibirische Kälte die Karossen umgeben soll, kann übers Wochenende nicht ständig die Kühlschrank-Tür auf- und zugehen.

Apropos. Auch nach einem Überschlag sollten alle Türen eines Mercedes aufgehen. In Punkto Sicherheit ist das Auto mit dem Stern Vorbild. Wie es sich anfühlt, kopfüber aus einer auf dem Dach liegenden Karosse zu steigen, hat Maike Ziezolt, Mitarbeiterin der Driving Academy, Wagemutigen erklärt. Keine Sorge: Sie kamen alle unversehrt und lachend aus der kopfstehenden Welt im Überschlags-Simulator heraus. Und sie haben im Fall des (Un-)Falles hinzugelernt.