750 Jahre Sindelfingen

Die Zutaten sind vom Kömpf und von E-Bay

Besuch bei Marie-Luise Seidel in Maichingen, die den drei "Sindolf"-Kunstfiguren den alamannischen Dress auf den Leib schneidert

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    Marie-Luise Seidel aus Maichingen in ihrer kreativen Arbeitsatmosphäre KRZ-Foto: Dannecker

Wenn das Festwochenende zum Sindelfinger Stadtjubiläum rum ist, schlägt auch Marie-Luise Seidel drei Kreuze. Dann hat die Maichingerin ihren Beitrag zur Sause geliefert - den jeweils handgemachten Dress für die drei "Sindolf"-Figuren, die am Samstag und Sonntag Großeinsatz haben werden.

Artikel vom 17. Juli 2013 - 15:18

SINDELFINGEN. Vorstart-Nervosität muss man wohl nennen, was Marie-Luise jetzt noch umtreibt. Noch sind letzte Feinarbeiten zu machen, letzte Termine einzuhalten, Gespräche zu führen. Dann ist der Ernstfall erreicht. Dann gehen die drei "Sindolf"-Festfiguren sichtbar hinaus ins Wochenende. Dann streifen sich Rolf Spiess, Ingo Sika und Axel Finkelnburg, bewährtes Weil der Städter und Sindelfinger Statisten- und Schauspieler-Personal, die Kluft über. Eine auf den Body zu-, eine maßgeschneiderte Herkulesarbeit. Es grenzte an ein Wunder, fände die nicht allgemeinen Beifall.

Marie-Luise Seidel ist seit mehr als drei Monaten damit beschäftigt, die "Sindolf"-Rüstungen zu erschaffen. Und das macht die Frau, die am oberbayerischen Chiemsee geboren ist (wann, verrät sie nicht), mit bayerisch-schwäbischem Perfektionsgeist. Wo Seidel draufsteht, muss Seidel drin sein, auch wenn ihr Label letztlich nirgends verewigt ist. Aber etwas, das nicht weniger als ihr Bestmögliches ist, gibt so eine Frau nicht außer Haus. Irgendwie hat das Daimler-Credo nicht nur die Werkhallen geprägt. Sondern auch die Seidel'sche Wohnungs-Werkstatt in der Zeppelinstraße in Maichingen.

Bis es soweit war, ist Marie-Luise Seidel wie ein Marathonläufer auf seinen 42 Kilometern auch durch ein paar tiefe Täler gegangen. Zwar nennt sie ihre Vorlage, die so genannte Figurine von Patricia Walczak aus Berlin, absolut super. "Ihre Entwürfe sind einfach grandios. Ich schätze sie sehr", sagt die Frau, die bis vor Kurzem an der SMTT noch Klavier und Blockflöte unterrichtet hat. Doch deren Vorlage habe sie leider dennoch verändern müssen. "Ich habe mir die Figur sozusagen angeeignet", lacht die Dame verschmitzt über ihre markanten Brillengläser hinweg.

Der erste "Sindolf", wie ihn Rolf Spiess noch beim Fassanstich zum Jubiläums-Festbier im April gegeben hatte, sah "letztlich doch wie ein Römer aus, oder?" An seiner Rüstung "war noch zu viel Fell", als ob er geradewegs aus dem Wald gekommen wär'". Also fing die Frau mit den begabten Händen und dem flexiblen Gehirn an zu modifizieren: "Ich habe alles abgeändert." Der Konflikt zwischen Vorlage und Kunstfigur musste zugunsten des alamannischen Moments hingebogen werden: "Ich musste mir ein paar künstlerische Freiheiten nehmen", grinst die Frau mit der angenehmen Stimme.

Und so wurde aus der Musiklehrerin, die in ihrem Leben auch schon Dächer eingedeckt und Fachwerk restauriert hat, zugleich eine Rechercheurin. Sie forschte über Helme und Schilde von Alamannen und griff die Stimmen von Archäologen und Kunsthistorikern auf: "Und dann sagte ich mir: Okay, ich mache mich auf meinen eigenen Weg."

Der führte zwar nicht bis in den Mittelmeerraum, wie er mit Bezügen historisch nachgewiesen ist. Aber doch in unterschiedlichste Richtungen. Zum Beispiel zu E-Bay. Dort ersteigerte die Mutter zweier erwachsener Kinder Leder, das sie eingefärbt hat, angefeuchtet und punziert. Dadurch konnte sie bleibende "Eindrücke" auf den Tierhäuten hinterlassen. Auch von den ursprünglich gekauften Helmen hatte sich Marie-Luise Seidel verabschiedet und zweifarbige Spangenhelme auf einem Eisengrundgerüst selbst kreiert. Sogar deren Kettengespinste hat die Maichingerin selbst hergestellt. "Hier, gu-cken Sie", zeigt sie auf zwei kleine Eisen-Einzelteile, aus denen sie in zehn Stunden Arbeit das Federstahl-Geflecht komponiert hat. Einen Nachmittag lang hat sie im Kömpf-Baumarkt nach den tauglichen Zutaten gesucht - übrigens auch nach Klebern, wovon die auf dem Tisch herumliegenden Tuben deuten: "Wenn schon, denn schon", ist eben das Motto einer handwerklich geschickten Frau, die an diversen Schulen neben Kunst und Musik auch Werken unterrichtet hat. "Das Handwerkliche war mir immer wichtig", erzählt sie, die eigentlich gar nicht so sehr im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen will. Dafür ist sie, die auch schon Teppiche geknüpft hat und eine Töpferei betrieben, viel zu bescheiden. Auch die Haare, die aus Sindolfs Helm wachsen, sind aus dem Internet - Pferdeschweife. Ob's die nicht auch beim Reit- und Fahrverein in Maichingen gegeben hätt'? Marie-Luise Seidel schmunzelt. "Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen", erwidert sie und holt aus ihrem Fundus ein Beispiel mit ellenlangen weißen Haaren: "Ich fürchte, dafür muss ein Pferd tot sein."

Feinarbeit und Modifikation auch bei der Rüstung über der Tunika, dem Wams. "Wenn ich bei einer Metallrüstung geblieben wäre, hätte das nicht gepasst", gibt Marie-Luise Seidel zu bedenken. Die Alamannen hätten damals Schuppenpanzer gehabt - Schuppen die sich überlagerten "wie bei einem Fisch". So kam sie auf die Variante mit dem Leder, für dessen Arrangement sie meterweise Drähte aufgewickelt und gebogen hat - so lange, bis sie alle Größen und Maße beieinander hatte. Denn weder alle Alamannen waren gleich noch sind es heute die "Sindolfs" Ingo Sika, Rolf Spiess und Axel Finkelnburg. Die haben nun also gewissermaßen historische Maßanzüge auf den Leib geschneidert bekommen - jeweils mit anderen Ledervarianten.

Selbst die Schilde für die drei Jungs hat Marie-Luise Seidel selbst aus einer Sperrholzplatte herausgesägt und beschichtet. Mit einem großen "S" für "Sindolf" darauf. Nun hofft Frau Seidel, dass ihre Männer und ihre Schilde die Kampfhandlungen vom Wochenende halbwegs unbeschadet überstehen. Dann gehen die Dauerleihgaben in den Fundus der Maichingerin zurück, wo sie verbleiben. Es sei denn, "Sindolf" würde schauspielerisch irgendwann wieder aus der Versenkung auftauchen - in der Truppe von Ulrich von der Mülbe, bei "Kultur am Stift", im Theaterkeller oder wo auch immer.