750 Jahre Sindelfingen

In einer Stunde von Warschau bis New York

Monatliche Lesungen des Theaterensembles Sindelfingen zum Stadtjubiläum: Am Sonntag war die Schriftstellerin Irmela Brender zu Gast

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    Irmela Brender (Mitte) mit Sabine Duffner und Dieter E. Huelle vom Theaterensemble, die die Lesereihe organisieren Foto: Volker Winkler

Zum Jubiläumsjahr der Stadt Sindelfingen hat Sabine Duffner vom Theaterensemble an jedem letzten Sonntag des Monats eine Lesung von lokalen Autoren organisiert. "Wir sind zufrieden", sagt Duffner zur bisherigen Resonanz auf die Lesereihe, die am Sonntag mit Schriftstellerin Irmela Brender in ihre fünfte Runde ging.

Artikel vom 28. Mai 2013 - 14:42

SINDELFINGEN. Drei kleine Blumengedecke in der Kinderspielecke der Stadtbibliothek versprühten einen Hauch von Frühsommer, den das nasskalte Wetter vermissen ließ. Auch deswegen hatte die inzwischen 78-jährige Schriftstellerin Irmela Brender vor, in ihrer Lesung einen Auszug aus ihren biografischen Skizzen über Miss Marple vorzutragen. "An einem wunderschönen Septembermorgen" war die berühmte Romanfigur von Agatha Christie in England geboren worden - jenem Land, das selbst über 200 Tage im Jahr verregnet ist. "Die armen Engländer fühlten sich also wie Gott in Frankreich", unkte Brender über die Umstände.

Die Faszination der gebürtigen Mannheimerin für Miss Marple ist schnell erklärt. "Ich lese so gerne Krimis", verriet Brender. Speziell englische Literatur hat es der Schriftstellerin angetan, darunter auch Arthur Conan Doyle. Und so berichtete Brender über die ersten Stationen im Lebenslauf der Amateurdetektivin, wie ihr Verlobter sich das Leben nahm und von ihrem ersten Fall: dem Mord im Pfarrhaus. "Wie immer machte sie ihre Augen und Ohren auf und stellte ein paar Fallen", zitierte sich Irmela Brender selbst. Doch nicht nur über Miss Marple hat die ehemalige Jugendbuchlektorin biografische Skizzen verfasst, sondern auch zu Pater Brown, jener Romanfigur von G.K. Chesterton, die als katholischer Pater Kriminalfälle auflöst.

Zusätzlich trug Sabine Duffner bei der Lesung drei Gedichte aus Brenders Lyrikband "Aus gegebenem Anlass" vor, die meiste Zeit beanspruchten jedoch zwei Geschichten aus ihrem Werk "Stadtgesichter". Die erste Erzählung führte nach Warschau und Polen, wo Brender vor mehreren Jahrzehnten unter anderem die schwarze Madonna im Kloster Jasna Gora in Tschenstochau besichtigte wie auch die Kirche des Heiligen Martin auf der Dominsel in Breslau. "Eine Insel von Ruhe und Frieden", schrieb sie seinerzeit. "Die Menschen hier sind sehr gläubig", hieß es des Weiteren in ihrer Erzählung. Immerhin würden die Polen sogar Lumpen tragen, damit sie in ihren Kirchenfahnen Gold vernähen können.

"Das war 1975", rief Brender allerdings in Erinnerung, "es wird sich sehr viel geändert haben." In der zweiten Erzählung wurden die rund 20 Besucher der Lesung über den Atlantik nach New York City versetzt. Hier fand sich die 70-Jährige Polly, die aus Finanznot immer noch als Buchhalterin arbeitete, zum Jahrgangstreffen mit drei alten Freundinnen ein.

Sabine Duffner ließ es sich dabei nicht nehmen, beim Vortragen des Stücks allen Damen ihre jeweils ganz eigene Stimme zu verleihen, was dann selbst die neben ihr sitzende Irmela Brender sichtlich amüsierte. "Das ist eine ganz, ganz wahre Geschichte", sagte die Autorin hinterher und berichtete von den Ursprüngen der Erzählung in einem alten New Yorker Hotel in ihren eigenen Jugendjahren.

Das alles war somit noch vor ihrem Umzug nach Sindelfingen, an den eingangs der Lesung in einem Beitrag von Brender für das Jubiläumsbuch "Mein Sindelfingen. 36 Blicke auf die 750-jährige Stadt" erinnert wurde. In den 1960er Jahren führte die in Stuttgart angestellte, vierfache Mutter schlichtweg der freie Wohnungsmarkt nach Sindelfingen.

Erinnerungen an Sindelfingen als "Stadt der Wandlungen"

In "Wunder an der Schwippe" nennt Brender ihr Sindelfingen "eine Stadt der Wandlungen". Von der Weberstadt zur reichsten Stadt der Republik - Daimler und IBM sei Dank. Als Anekdote am Rande bemerkte die gebürtige Mannheimerin, dass man in ihrer Heimat "beim Benz" arbeitet, während es in den Sindelfinger und Stuttgarter Werken "beim Daimler" heißt. Durch die Gewerbesteuer blühte Sindelfingen auf, mit dem späteren Fernbleiben kam der Niedergang.

"Sindelfingen ist nicht mehr die sortierte Stadt", schrieb Brender. Von einer multikulturellen Stadt könne man nur übertreibend reden. "Immer wenn ich das höre oder lese, kommt es mir kritischer vor", sagte die Schriftstellerin nach dem Vortrag. Schreiben sei für sie sowieso nur noch Spaß, ihr letztes Werk liegt über zehn Jahre zurück. "Ich schreibe jetzt mehr für mich", so Brender. Zuvorderst ist sie als Übersetzerin von Jugendliteratur aus dem Englischen aktiv.

Nach einer Stunde war die fünfte Lesung lokaler Autoren im Zuge des Stadtjubiläums dann vorüber. "Man darf nicht zuviel erwarten", sagte Duffner zu den Besucherzahlen. Mal kamen zehn Gäste, dann auch schon mal 40. Am 30. Juni geht es im Sommerhofenpark weiter, dann mit "Im schönsten Wiesengrunde" von Wilhelm Ganzhorn. "Und wir werden strahlendes Wetter haben", war sich Duffner sicher. Wie bei der Geburt von Miss Marple.