750 Jahre Sindelfingen

"Wir können miteinander und wir wollen miteinander!"

Sindelfinger Kirchentag wird zum ökumenischen Großereignis - 1500 Menschen feiern den Abschlussgottesdienst mit - Kabarett und viel Musik

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Aufbruchstimmung verbreitete der Sindelfin- ger Kirchentag bei den Christen der Stadt. Sie hoffen darauf, dass er ihre Zusammenarbeit weiter beflügelt. "Die ökumenische Eiszeit der letzten Jahre", stellte Pfarrerin Kathrin Lichtenberger beim Abschlussgottesdienst am Sonntag vor 1500 Menschen auf dem Markt- platz fest, "ist endgültig weggetaut."

Artikel vom 01. Juli 2013 - 14:42

SINDELFINGEN. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) hat dem ersten ökumenischen Kirchentag in Sindelfingen das Motto "Kirche findet Stadt" gegeben. So blieben die vielen spirituellen, musikalischen, meditativen, informativen und unterhaltenden Veranstaltungen nicht auf Kirchen beschränkt, sondern fanden vor allem in der Stadt statt: auf dem Marktplatz, in der Planie und im Rathaus. Ein Licht wird ausgesendet: Zum Eröffnungsgottesdienst am Freitag kehrt die Kerze, die seit Jahresbeginn durch alle christlichen Gotteshäuser zog, dorthin zurück, wo sie am 1. Januar angesteckt wurde: in die Martinskirche. Die ökumenische Vesper ist stark geprägt von Gesängen, die in den Gottesdiensten von Katholiken, Protestanten, Baptisten und Methodisten zum Repertoire gehören. Besonders beeindrucken die Auftritte der Ökumenischen Schola. Pater Johannes Rathfelder erntet Beifall, als er sagt: "Wir können miteinander und wir wollen miteinander!" Am Ende werden drei Laternen aus der Martinskirche getragen. Ihr Licht leuchtet die nächsten zwei Tage an den Hauptschauplätzen des Kirchentags. Kirche lacht über sich selbst: Otmar Trabers Auftritt wäre fast geplatzt. Hans-Joachim Remmert aus der Kirchentags-Steuerungsgruppe kündigt ihn, den Badener, als "schwäbischen Kabarettisten" an. "Ich habe mir überlegt, wieder zu gehen", gesteht Traber. Doch er sieht Remmert den Fauxpas nach, schließlich ist dieser Westfale, der nicht weiß, wie feinsinnig im Süden der Republik differenziert wird. Otmar Traber kommt ohne Umschweife zur Sache. Dass Katholiken und Protestanten gemeinsam das Abendmahl feiern, bezeichnet er als Sehnsucht. "Und Kirchen wollen ja Sehnsüchte wachhalten." Der Mann auf der Bühne ist selbst Katholik. "Den höchsten Stand, den Frauen bei uns erreichen können, ist Priestergebärerin", watscht er seine Kirchenoberen ab. Doch auch die Brüder in Christo bekommen ihr Fett ab: "Wir Katholiken neigen zu barockem Übergewicht. Die Protestanten sehen aus, als würden sie das ganze Jahr heilfasten." Otmar Trabers Auftritte und die biblischen Balladen, in denen der Böblinger Pfarrer Andreas Mertens und der Leonberger Bezirkskantor Attila Kalman enthüllen, wie es im Reich Gottes zugeht, sind eingebettet in musikalische Beiträge der Roro Smallband aus Stuttgart. "Gottes Hand": Gottes Hand steht seit Samstagmorgen am Nordeingang des Rathauses. Gelb leuchtet sie in die Welt hinaus; zwei Menschen können sich in sie hineinschmiegen. Das Kunstwerk, das Pastor Steffen Kahl von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) und die evangelische Pfarrerin Karen Schepke enthüllen, ist ein Jubiläumsgeschenk der ACK an die Stadt. Sie soll für alle, denen sie ins Auge fällt, ein "Ort zum Innehalten und Nachdenken" sein. "Stadtgespräche": Zum Nachdenken anregen sollen auch die "Stadtgespräche", moderne Bibelarbeiten, die Aspekte des Kirchentags-Mottos beleuchteten. Betriebs-seelsorger Hartmut Zweigle schlägt den Bogen von Tagelöhnern und Sklaven in der Bibel zu Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen heute. "Frommes Plappern ist angesichts der Nöte von Menschen nicht angebracht", sagt er. Der SPD-Landtagsabgeordnete Florian Wahl philosophiert darüber, dass Stadt und Kirche keine Konkurrenten seien. "Ihr Verhältnis ist ambivalent, aber sie sind untrennbare Partner." Im Rathaus inszenieren Pastorin Christina Henzler von der Evangelisch-Methodistischen Kirche, Pfarrerin Karen Schepke und Dr. Dirk Steinfort, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung im Kreis, einen Trialog über "Die offene Stadt als Vision von Kirche". Ihre Erkenntnis: "Eine Kirche, in der nicht mehr gefragt wird, ob einer katholisch oder evangelisch ist, ob einer auf der Suche ist oder schon glaubt, eine Kirche, die ganz nah bei den Menschen ist, ist auch nah bei Gott." Straße der Begegnung: Am Samstagnachmittag wird die Planie zur Straße der Begegnung. Unter dem Motto "Kirche begegnet Stadt - Stadt begegnet Kirche" präsentieren an die 50 Gemeinden, Dienste, Gruppe und Initiativen, die sich auf irgendeine Art der Kirche zugehörig fühlen, ihre Arbeit. Da darf man bei der Ökumenischen Sozialstation "Essen auf Rädern" - nein, nicht probeessen, aber - probeschauen. Die Methodisten lassen Passanten über die Leonardo-Brücke gehen, eine mobile Konstruktion, mit sich Hindernisse überwinden lassen. "Wir sehen die Brücke als Symbol für den Kirchentag", sagt Pastorin Henzler. Die Martinskirchengemeinde präsentiert Literatur über ihr Gotteshaus, das die Keimzelle christlichen Lebens ins Sindelfingen ist. Und die Malteser führen ihre Besuchshunde vor. Musik, Musik, immer wieder Musik: Musik verbindet. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch den Kirchentag. Über Auftritte der Dekanatsjugendband Crossover, das Singen mit Kindern, Lieder-Workshops schwillt dieser Strang zu "Let praises sound" an, einem fulminanten Konzert, das Kirchenmusikdirektor Matthias Hanke allerdings wegen der Regenschauer am Samstag von der Bühne auf dem Planiedreieck in die Martinskirche verlegt. Und auch beim Jugendevent "Chance" lassen es die jungen Leute krachen. Das große Finale: Gesungen wird auch beim Abschlussgottesdienst am Sonntagvormittag auf dem Marktplatz viel. Matthias Hanke dirigiert nicht nur Musiker und Sänger auf der Bühne, sondern auch den Massenchor jener 1500 Menschen, die den (unteren) Marktplatz "fast wie den Petersplatz" füllen. Die Liturgie bestreiten der katholische Pfarrer Tobias Knoll und seine evangelische Kollegin Kathrin Lichtenberger. Doch auch Vater Lazaros Kaggelidis von der Griechisch-Orthodoxen Gemeinde wirkt mit. "Hinter diesen ökumenischen Aufbruch wollen wir nicht mehr zurück!", fordert Dirk Steinfort aus der Kirchentags-Steuerungsgruppe am Ende. "Ökumene", stellt er fest, "ist nicht nur Trumpf, sondern Pflicht." Die Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl haben Steinfort und die anderen Organisatoren im Gegensatz zu Kabarettist Traber nicht fahren lassen. "Es kann doch nicht sein", sagt er, "dass wir am Tisch des Herrn nicht zusammen ein Mahl halten können."