750 Jahre Sindelfingen

Jacquardwebstuhl wird aus Dornröschenschlaf geweckt

Zehn Frauen von der Interessengemeinschaft Handweberei setzen Maschine, auf der einst Weber ausgebildet wurden, zum Sindelfinger Stadtjubiläum wieder in Gang

  • img
    Bild 1 von 4
    Silke Albrecht an der Lochkartenmaschine
  • Bild 2 von 4
    Andrea Ebener mit ihrem Muster
  • Bild 3 von 4
    Eine Heidenarbeit: Dorothea Kübler und Catalina Santos fädeln die 2500 Kettfäden am Jacquardwebstuhl, den die Interessengemeinschaft Handweberei fürs Stadtjubiläum wieder flottmachen will, ein. KRZ-Fotos: Simone Ruchay-Chiodi
  • Bild 4 von 4
    Ellen Wahl näht den Kartenlauf zusammen

Zur 750-Jahr-Feier der Stadt Sindelfingen macht die Interessengemeinschaft Hand- weberei (IGH) den Jacquardwebstuhl im Haus der Handweberei wieder flott. Bis das Prunkstück der einstigen Webereiausbildung in Sindelfingen wieder läuft, müssen Textil- designerin Andrea Ebner und ihre Mitstrei- terinnen einen wahren Kraftakt vollbringen.

Artikel vom 27. Mai 2013 - 14:42

SINDELFINGEN. "Ich hab mein Gesellen- und mein Meisterstück auf diesem Webstuhl gemacht", erzählt Andrea Ebner. Die 50-Jährige ist Webmeisterin und Textildesignerin und hat ihre Ausbildung in den 1980er Jahren an der Gottlieb-Daimler-Schule in Sindelfingen absolviert. Als dort dieser Ausbildungsgang mangels Nachfrage eingestellt wurde, kehrte der Jacquardwebstuhl in die Sindelfinger Webschule zurück, für die er 1956 angeschafft worden war. Doch dort versank er in einen Dornröschenschlaf, aus dem ihn eine zehnköpfige Gruppe der IGH jetzt aufweckt. Zum Stadtjubiläum wollen die Frauen der Öffentlichkeit zeigen, was lange Zeit die wirtschaftliche Grundlage der Stadt war: die Jacquardweberei.

Mit der Erfindung seines Webstuhls 1805 hat der französische Seidenweber Marie-Joseph Jacquard das Weberhandwerk revolutioniert. Die Konstruktion zeichnet sich dadurch aus, dass die Kettfäden einzeln gehoben und gesenkt werden können, womit plötzlich Muster von größerer Komplexität gewoben werden konnten. Gesteuert wurden Jacquardwebstühle ursprünglich mit Lochkarten. Diese Steuerungstechnik, ein Vorläufer des Computers, wurde in diesen Webstühlen erstmals eingesetzt. "Sindelfingen", sagt Andrea Ebner, die stellvertretende Vorsitzende der IGH ist, "war eine Hochburg der Jacquardweberei." Die Firmen Wilhelm Dinkelacker, I. C. Leibfried und Zweigart & Sawitzki waren weithin bekannt.

2500 Kettfäden müssen durch Litzen

Andrea Ebner hat im Stadtarchiv alte Webmuster gesichtet und einen Entwurf von 1886 zur Grundlage des Jubiläumsstoffs auserkoren. Vorher hat sie ihn aber optimiert. Die Zeichnung hat sie auf Millimeterpapier übertragen. Diese so genannte Patrone bildet die Grundlage für die Lochkarten. Silke Albrecht sitzt an der Klaviatur-Kartenschlagmaschine. Mit ihr stanzt sie die Steuerungsbefehle für den Webvorgang in Spezialpappe. Die einzelnen Karten werden zum Kartenlauf gebunden. Das ist der Job von Ellen Wahl. Mit Faden, der sich nicht dehnt und nicht reißt, näht sie die gelochten Pappstreifen zu einem Endlosgebilde zusammen.

"Ich komme mir vor wie im Turnverein", stöhnt Dorothea Kübler. Die 71-Jährige kauert im Webstuhl und fädelt mit der Kolumbianerin Catalina Santos die Kettfäden ein. Jeder einzelne der 2500 Fäden muss durch eine Litze gezogen werden. Machen die beiden einen Fehler, ist er hinterher im Gewebe zu sehen. Ob ihre Arbeit von Erfolg gekrönt ist, werden Andrea Ebner und ihre Kolleginnen erst in ein paar Wochen erfahren, wenn sie den Kartenlauf in die Jacquardmaschine einlegen und der Webstuhl zu klappern beginnt. "Wenn der Kartenlauf fehlerfrei ist", heißt es auf einer Erklärung in der Ausstellung im Webereimuseum lapidar, "entsteht genau das Muster, das der Dessinateur gezeichnet hat." Die Spannung ist groß. "Dann werden wir auch wissen, ob die Maschine überhaupt noch funktioniert", sagt Andrea Ebner. "Das hat was von einem Überraschungspaket."

Wer die mitverfolgen möchte, wie Ebner & Co. den Jacquardwebstuhl wieder in Gang setzen, hat während der Öffnungszeiten des Webereimuseums (Corbeil-Essonnes-Platz 4) freitags, samstags, sonntags und feiertags von 15 bis 18 Uhr Gelegenheit dazu. Perfekt funktionieren muss der Webstuhl spätestens bei Historischen Festwochenende zum Stadtjubiläum am 20./21. Juli, wo das Webereimuseum eine Station des Zeitspaziergangs sein wird. Weitere Vorführungen finden beim Webertag am 12. Oktober und in der Langen Nacht der Museum am 16. November statt.